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Walzer tanzen mit Berset und Sommaruga – als Dolmetscherin an den Medienkonferenzen des Bundesrats

Christina Mäder mag keine Chefs. Das hat sie dazu veranlasst, Übersetzen und Dolmetschen zu studieren. Heute verdolmetscht die Alumna des IUED am Schweizer Fernsehen die Medienkonferenzen des Bundesrats und sorgt in der mehrsprachigen Schweiz dafür, dass unsere BundesrätInnen unabhängig von ihrer Muttersprache verstanden werden. Ausserdem leitet sie an der ZHAW im Master Angewandte Linguistik die Vertiefung Konferenzdolmetschen. Im Gespräch erzählt sie, was es braucht, um Dolmetscherin zu werden, und wann sie das Gefühl hat, beim Dolmetschen Walzer zu tanzen.

von Christa Stocker, Verantwortliche Wissenschaftskommunikation am Departement Angewandte Linguistik

Normalerweise arbeiten DolmetscherInnen hinter verschlossenen Türen – im EU-Parlament, an internationalen Fachkongressen oder in Vorstandssitzungen grosser Konzerne. In der Corona-Pandemie ist auch das anders. Damit alle Schweizerinnen und Schweizer in der Krise die Entscheidungen des Bundesrats verstehen, lässt das Schweizer Fernsehen die Medienkonferenzen des Bundesrats live verdolmetschen. So erleben wir diese seltene Kunst regelmässig in den Übertragungen des Schweizer Fernsehens SRF.

Spricht Alain Berset in seiner Muttersprache wird der französische Originalton zurückgedreht und man hört die Stimme der deutschsprachigen Dolmetscherin. Diese muss also jederzeit parat sein. Denn: Wer welche Sprache spricht, entscheidet sich im Moment. Unsere BundesrätInnen sind mehrsprachig und wechseln manchmal mitten im Satz die Sprache. Das ist der Einsatz für die Dolmetscherin.

„Dolmetschen ist wie Walzer tanzen“ – und dabei unsichtbar werden

Dann beginnt für Christina Mäder die Arbeit. Sie vergleicht Dolmetschen gern mit dem Tanzen: „Dolmetschen ist, wie wenn man als Dolmetscherin mit dem Sprecher oder auch der Sprecherin einen Walzer tanzt. Die Sprecherin führt und du gehst mit. Du machst jede ihrer Bewegungen mit. Du tust das aber rückwärts und mit hohen Absätzen. So ähnlich kommt es mir vor. Wenn ich den Redner sehen kann und ich mich bei ihm wohl fühle, wenn er gut führen kann, das heisst, wenn er ein guter Redner ist, dann geht das ganz leicht. Dann kann ich manchmal auch vergessen, dass ich rückwärts und mit hohen Absätzen tanze. Aber wenn er ein schlechter Redner ist, der abliest und der selbst stolpert – dann kann es auch mal vorkommen, dass ich mitstolpere.»

Am liebsten sind ihr Redner, die frei formulieren – egal wie schnell –, damit die Denkarbeit beim Sprechen erfolgt und nicht im Papier steckt, wie sie sagt. Und: Sie muss den Redner/die Rednerin sehen: «Ich muss mich in sie hineinversetzen können. Das ist für mich extrem wichtig. Dazu brauche ich den visuellen Input unbedingt. Wenn ich den Redner sehe, verstehe ich ihn viel besser. Wenn du die Augen schliesst, entgeht dir ganz viel. Du nimmst viel weniger wahr.» Dies lässt sich leicht mit einem Selbsttest machen.

Christina Mäder verdolmetscht Simonetta Sommaruga in der Medienkonferenz des Bundesrats zum Coronavirus vom 28.10.2020 (auf PLAY SRF) und transportiert mit ihrer Stimme die Informationen und Emotionen der Bundespräsidentin.

Stolz ist Christina auf ihre Leistung, wenn sie als Dolmetscherin sozusagen unsichtbar wird, wenn man vergisst, dass gedolmetscht wird: «Eine perfekte Verdolmetschung ist eine, die nicht auffällt.» Christina Mäder erklärt: «Sobald auf die Dolmetscher eingegangen wird mit Sätzen wie ‘Das habe ich jetzt nicht verstanden.’ oder ‘Mein Dolmetscher hat gesagt…’, ist etwas nicht mehr gut.»

Mit zur Aufgabe der Dolmetscherin gehört dabei auch, dass sie die Stimmung und die Emotionen der Sprechenden in ihrer Stimme mittransportiert: «Wir sind ja keine Roboter.» Und, sie muss beim Dolmetschen verarbeiten, was sie hört, und darf nicht einfach wortwörtlich übersetzen. Dazu braucht sie viel kulturelles Wissen. Wenn z.B. ein Brite «Your suggestion is really interesting.» sagt, muss sie verstehen, dass er nicht wirklich «Ich bin begeistert von Ihrem Vorschlag.» meint.  

Die menschliche Komponente ist es denn auch, was die AuftraggeberInnen besonders schätzen, „dass in der Kabine Menschen sitzen, mit einer menschlichen Stimme, die nicht nur Inhalte, sondern auch Gefühle vermittelt“. Dies hat unter anderem eine Umfrage des Berufsverbands gezeigt.

«Ich vereinfache auch manchmal, um wirklich klar und deutlich zu sein – vor allem jetzt am Fernsehen.»

Dass sie jetzt den BundesrätInnen ihre Stimme gibt, ist für Christina Mäder nicht schwieriger, als wenn sie andere RednerInnen verdolmetscht: «Man muss immer das Register an die Redner anpassen. Wenn Alain Berset oder Simonetta Sommaruga spricht, muss ich mir einfach bewusst sein, wer spricht, und das gleiche sprachliche Register finden. Das ist auch nicht anders, wenn ich ein Kind verdolmetsche.» Dabei macht es für sie auch keinen Unterschied, ob sie einen Mann oder eine Frau verdolmetscht. Es hänge vielmehr davon ab, was er oder sie sage: «Als Dolmetscherin muss ich manchmal haarsträubende Sachen sagen. Aber eigentlich müssen wir als Person verschwinden. Wir müssen das übersetzen, was gesagt wird, egal, was wir davon halten. Aufregen können wir uns dann in der Kaffeepause.»

Ob Journalist oder Alain Berset spielt für sie keine Rolle. Christina Mäder verdolmetscht mit den Botschaften auch den sprachlichen Ausdruck der RednerInnen. (Ausschnitt aus der Medienkonferenz des Bundesrats zum Coronavirus vom 28.10.2020 auf PLAY SRF.)

Jetzt in der Krise und fürs Fernsehen sieht sie die Herausforderung darin, von allen verstanden zu werden: «Ich versuche möglichst klar und deutlich zu formulieren und vereinfache oder verdeutliche auch manchmal, vor allem jetzt am Fernsehen.» Es sei dabei spannend, am Puls der Zeit zu sein und alles aus erster Hand mitzubekommen – und denen, die in diesem Fall kein Französisch verstehen, neue Dinge mitzuteilen.

 «Man braucht auch in der Kabine immer die Hilfe der Kollegin»

Damit DolmetscherInnen gut arbeiten können, brauchen sie eine Dolmetschkabine, die sie von störenden Umgebungsgeräuschen total abschottet, so dass sie sich optimal konzentrieren können.  Sie brauchen eine gute Sauerstoffversorgung, optimalen Ton und optimale Sicht auf die RednerInnen  – und sie brauchen eine zuverlässige Kollegin / einen zuverlässigen Kollegen neben sich. Das betont Christina immer wieder und sie vermittelt das Bild einer eingeschworenen Gemeinschaft: «In der Schweiz kennt jede jeden und wenn eine junge Kollegin zum Team dazustösst, dann schicke ich ihr jeweils meine gesamte Terminologie. Wir teilen unsere Glossare untereinander und über die DÜV», das ist die Dolmetscher- und Übersetzervereinigung – zugleich Alumniverein der Mastervertiefungen Konferenzdolmetschen und Fachübersetzen des IUED und Berufsverband. Oder sie helfen sich mit Spezialwissen aus.

Das Dolmetschen verlangt von der einzelnen Person eine individuelle Höchstleistung, ist aber immer Teamarbeit: «Man arbeitet immer zu zweit – eine ist am Sprechen und die andere hört mit, schaut Dinge nach, von denen sie merkt, dass sie die Kollegin nicht weiss und schreibt diese auf. Zum Beispiel fällt in der Pressekonferenz des Bundesrats ein Fachbegriff, z.B. «TRIQ». Ich sage zwar TRIQ, schaue aber meine Kollegin an und habe Fragezeichen in den Augen. Dann googelt die Kollegin «TRIQ» und findet heraus, es steht für: Testen, Rückverfolgung, Isolation, Quarantäne. Dann schreibt sie das auf und hält mir das Blatt – jetzt coronatechnisch – an die Trennscheibe zwischen uns.» Und sie erklärt: «Wir haben immer in der Mitte ein Blatt Papier liegen, und da schreiben wir uns gegenseitig Dinge auf.» Und die erfahrene Dolmetscherin gesteht mit einem Schmunzeln: «Zahlen sind ja der Horror, besonders aus dem Französischen: Wenn am Anfang die neuesten Zahlen verlesen werden, schreibt die Kollegin die Zahlen mit und ich verlasse mich voll auf das, was sie mir aufschreibt.» Und man versteht sofort, was sie meint, als sie abschliesst: «Wenn man irgendwo allein arbeiten muss, ist das furchtbar.»

Dolmetschen ist die ideale Tätigkeit für neugierige Menschen

DolmetscherInnen müssen gleichzeitig zuhören und sprechen, nebenbei die Notizen ihrer Kabinenkolleginnen lesen und auch noch Bilder verarbeiten können, die an die Wand projiziert werden. Das ist eine kognitive Gewaltsleistung. Wie kommt man da auf die Idee, diesen Beruf zu wählen und wie kann man das überhaupt lernen?

Die Antwort von Christina Mäder kommt ohne Zögern: «Es war für mich einfach klar.» Und mit einem Augenzwinkern: «Ich mag keine Chefs.» Eine selbstständige Tätigkeit war für sie immer wichtig. Sie wollte eine Familie haben und ihre Arbeit frei einteilen können. Mit ihrer Ausbildung als Übersetzerin und Konferenzdolmetscherin war das möglich: «Als die Kinder klein waren, habe ich weniger gearbeitet – und vor allem übersetzt. Als sie dann grösser waren, habe ich meine Dolmetschertätigkeit wieder hochgefahren.» Das hätte mit einem Medizinstudium – ihrer Alternative – vielleicht nicht ganz so gut geklappt.

Zur Frage, wie man das Dolmetschen lernen kann, muss die Alumna der Dolmetscherschule Zürich, der Vorgängerschule des IUED, etwas ausholen: «Man braucht eine gute Ausbildung, ein Masterstudium.» Und weiter: «Man braucht hervorragende Kenntnisse in der Muttersprache und die Sprachkenntnisse in den Fremdsprachen. Aber das ist nur ein kleiner Teil. Der grösste Teil ist das Weltwissen, das heisst, das Hintergrundwissen, um überhaupt verstehen zu können, was gesagt wird. Man braucht die Fähigkeit, sich in jedes Thema schnell und so tief wie nötig einzuarbeiten und man braucht geistige Flexibilität. Wenn du bei einem Zahntechnikkongress arbeitest, dann reicht es nicht, Worte zu übersetzen. Du musst, was gesagt wird, mindestens so gut verstehen, dass du kompetent ergänzen kannst, was mitschwingt, wenn etwas nicht gesagt wurde.»

Und ihr wichtigster Punkt: „Das bedingt, dass man überall auf dem Laufenden ist. Man muss sich in jedes Fachgebiet rasch einarbeiten können. Es ist die ideale Tätigkeit für neugierige Menschen, die von allem etwas verstehen wollen und die sich in allen Bereichen ständig weiterbewegen wollen, und das in all ihren Sprachen.“ Zwar spezialisiere man sich mit der Zeit ein wenig, wie sie jetzt in der Corona-Thematik – sie liest Zeitungen, legt Glossare an und vertieft ihr Wissen. Jedoch sei man immer am Lernen: „Das ist für mich eigentlich das Schönste.“ Die Ausbildung zur Konferenzdolmetscherin sei sehr intensiv und anstrengend, und man müsse sich auch nach dem Masterdiplom ständig weiterbilden und engagieren. «Aber, wenn man dann in der Kabine sitzt und dolmetscht, wird man für alle Mühen entschädigt,» sagt sie mit einem Leuchten in den Augen und fügt an: «Es gibt für mich keinen schöneren Beruf.»

Christina Mäder leitet am IUED Institut für Übersetzen und Dolmetschen seit 2018 die Mastervertiefung Konferenzdolmetschen und unterrichtet verschiedene dolmetschpraktische Fächer. Daneben ist sie freiberuflich als Konferenzdolmetscherin für politische Institutionen in der Schweiz, für Unternehmen im medizinischen Bereich und für die Europäische Union und für das Schweizer Fernsehen SRF tätig. Sie absolvierte in den 1980er Jahren die Dolmetscherschule Zürich (DOZ), die Vorgängerinstitution des IUED der ZHAW. Dort erwarb sie 1985 das Übersetzerdiplom und zwei Jahre später das Dolmetscherdiplom. Ihre Arbeitssprachen sind: Deutsch (A-Sprache bzw. Muttersprache), Englisch (B-Sprache, aus der und in die sie arbeitet), Französisch, Spanisch und Italienischen (C-Sprachen, aus denen sie arbeitet).


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