
Der Nationalrat will eine Gebühr von 50 Franken für Besuche im Spitalnotfall einführen. Damit erhofft sich die knappe Mehrheit im Parlament Bagatellfälle in den Spitalnotfällen zu reduzieren. Aufgrund dieser finanziellen Anreize würden sich die Leute zweimal überlegen den Notfall aufzusuchen. Doch funktioniert das tatsächlich wie gewünscht?
Von Kobras, Ratten und Menschen
Die Ökonomie untersucht seit Langem, wie finanzielle Anreize das Verhalten der Menschen beeinflussen. Dabei zeigt sich immer wieder, dass Anreize nicht zwangsläufig so wirken, wie von der Politik beabsichtigt.
Beispiele für finanzielle Anreize mit unbeabsichtigten Konsequenzen sind so zahlreich, dass sie in der Ökonomie unter dem Begriff «Kobra-Effekt» zusammengefasst werden.
Der Begriff «Kobra-Effekt» geht auf eine Geschichte aus Britisch-Indien zurück. Ein britischer Gouverneur setzte angeblich für jede erlegte Kobra eine Prämie aus, um eine Kobra-Plage einzudämmen. Der gewollte Effekt blieb allerdings aus. Tatsächlich stieg die Zahl der Kobras. Denn um die Prämie zu kassieren, begannen Teile der Bevölkerung Kobras zu züchten.
Es ist umstritten, ob die Geschichte historisch korrekt ist. Jedoch gibt es belegte Beispiele für ähnliche Effekte. Unter französischer Kolonialherrschaft wurde in Hanoi anfangs des 20. Jahrhunderts eine Prämie für getötete Ratten bezahlt. Ziel war es, die Rattenpopulation einzudämmen. Um die Prämie zu kassieren, musste man allerdings lediglich den Schwanz einer Ratte vorweisen. Das Resultat: Immer mehr Ratten lebten ohne Schwanz. Die Ratten ohne Schwanz vermehrten sich weiter. Die Zahl der Ratten sank nicht.
Ein Experiment in israelischen Kinderkrippen
Finanzielle Anreize können aber auch soziale Normen aushebeln und so zu unbeabsichtigten Konsequenzen führen. Ein Beispiel dafür stammt aus einem Experiment in Kinderkrippen in Haifa, Israel. In sechs von zehn Kinderkrippen wurde eine Busse eingeführt, wenn Eltern ihr Kind zehn Minuten oder mehr zu spät abholten. Überraschenderweise kamen in den Kinderkrippen mit Bussen doppelt so viele Eltern zu spät wie in jenen ohne Bussen. Wieso? Ohne Busse fühlten sich die Eltern schuldig, wenn sie zu spät waren. Pünktlich zu sein entspricht der sozialen Norm. Also hatten sie das Gefühl sich beim Kinderkrippenpersonal entschuldigen und erklären zu müssen. Mit der Busse wurde diese Norm ausgehebelt. Zuspätkommen erhielt einen Preis und wurde dadurch als Dienstleistung wahrgenommen, welche rege in Anspruch genommen wurde. Entschuldigen musste man sich nicht mehr, denn schliesslich bezahlte man nun dafür, dass man zu spät kommen konnte.
Zurück in die Schweizer Notfallstationen
Natürlich sind Notfallstationen keine Tierauffangstationen oder Kinderkrippen. Doch Patientinnen und Patienten sind Menschen und Menschen reagieren auf finanzielle Anreize.
Die Beispiele zeigen zum einen, dass die Ausgestaltung der Notfallgebühr entscheidend sein wird dafür, wie sie wirkt. Zum anderen zeigen sie, dass die Gebühr bestehende soziale Normen bei dem Teil der Bevölkerung aushebeln könnte, welcher die Notfallstationen zurzeit noch nicht intensiv nutzt. Das ist heute die grosse Mehrheit. Neu könnte man sich aber für nur 50 Franken einen Besuch auf der Notfallstation «kaufen», ohne dass man sich schuldig fühlen müsste, auch wenn es nur eine Bagatelle wäre. Schliesslich würde man explizit dafür bezahlen.
Der Nationalrat hat aber durchaus gute Gründe zu glauben, dass finanzielle Anreize wie erwartet wirken. So gibt es trotz Prämien für Mäuseschwänze in mehreren Schweizer Gemeinden (noch) keine bekannten Sichtungen von Mäusen ohne Schwänze.
Andreas Kohler ist Dozent und Co-Leitung Team Gesundheitsökonomische Forschung am Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie an der ZHAW.