
Man hört immer, dass es anders ist. Aber man kann es sich kaum vorstellen – bis man selbst dort steht. Für mich war es die erste Reise nach Afrika überhaupt. Nach einem Zwischenstopp in Addis Abeba landete ich Anfang Februar 2026 in Hargeisa, der Hauptstadt Somalilands. Draussen: trockene Hitze, staubige Strassen, eine Stadt die gleichzeitig geschäftig und ganz anders getaktet wirkt als alles, was ich kannte. Die Menschen waren ausserordentlich herzlich und offen. Und trotzdem: alles war neu, alles brauchte Zeit.
Vor einem Monat war ich im Rahmen meiner Tätigkeit als Stiftungsrätin der AN-NYA Foundation in Somaliland – einer Schweizer Stiftung, die sich seit Jahren für nachhaltige chirurgische Versorgung in ressourcenarmen Regionen einsetzt. Nicht als einmalige Massnahme, sondern mit dem Fokus auf Ausbildung, Wissenstransfer und Aufbau von Strukturen, die auch dann noch funktionieren, wenn das Team längst wieder zuhause ist. Die Mission dauerte vom 30. Januar bis 13. Februar 2026 und umfasste ein multidisziplinäres Team aus Chirurgen, Anästhesist:innen, Hebammen, technischen Operationsfachpersonen und einer Anästhesiepflegenden aus der Schweiz sowie internationalen Kollegen des International College of Surgeons (ICS).
Somaliland – ein international kaum anerkannter Staat im Norden des Horns von Afrika – kämpft seit Jahrzehnten um eine funktionierende Gesundheitsinfrastruktur. Das System ist chronisch unterfinanziert, viele Menschen können sich medizinische Behandlungen kaum leisten. Und der Fachkräftemangel betrifft nicht nur ländliche Gebiete: Viele Ärztinnen und Ärzte arbeiten nur vormittags im öffentlichen Spital und wechseln nachmittags in private Kliniken, weil die Löhne im öffentlichen Sektor kaum zum Leben reichen.
Wenn ein Zystoskop zur Thoraxkamera wird
Bei meinem Besuch im Hargeisa Group Hospital (HGH) wurde klar, dass die Gesundheitsversorgung in Somaliland ganz anders funktioniert als in der Schweiz. Alles dauert länger – viel länger. Was bei uns in Minuten erledigt ist, braucht hier Stunden. Ohne vollständige Monitoring-Geräte, mit einer Stromversorgung, die nicht immer zuverlässig ist, arbeitet das Team mit dem, was vorhanden ist. Auch die Zusammenarbeit lief manchmal anders als geplant, Abmachungen verschoben sich, Abläufe folgten einer anderen Logik. Und dennoch: Es wird operiert. Menschen werden behandelt. Leben werden verändert.

Ein Moment dieser Mission hat sich besonders eingeprägt: Ein Chirurgenteam führte erstmals in Somaliland eine Thorakoskopie durch – einen minimal-invasiven Eingriff im Brustraum. Dabei wird eine winzige Kamera durch einen kleinen Schnitt zwischen die Rippen eingeführt, um die Brusthöhle zu beurteilen und zu behandeln, ohne den Brustkorb vollständig öffnen zu müssen. Schonender für die Patientin, schnellere Erholung – aber nur möglich mit dem richtigen Equipment. Das hatte das Team nicht. Also improvisierten sie: Statt einer Thorakoskopie-Kamera nutzten sie ein Zystoskop – ein Instrument, das eigentlich für die Blasenspiegelung eingesetzt wird, aber denselben Zweck erfüllte. Improvisiert, kreativ, sicher.
Diese Szene steht exemplarisch für eine Frage, die in der globalen Gesundheitsversorgung zunehmend diskutiert wird: Wie kann eine sichere, rechtzeitige und bezahlbare chirurgische Versorgung auch dort gewährleistet werden, wo Ressourcen knapp sind?
Die AN-NYA Foundation ist gekommen, um zu bleiben

Das Ziel der AN-NYA Foundation ist nicht, einzufliegen, zu operieren und wieder zu verschwinden. Es geht darum, etwas zu hinterlassen: Wissen, Fähigkeiten, Sicherheit. Ärztinnen und Ärzte vor Ort haben während des Einsatzes nicht zugeschaut – sie haben mitoperiert, Fragen gestellt, neue Techniken ausprobiert. Das Ziel ist, dass lokale Ärztinnen und Ärzte Eingriffe langfristig selbstständig übernehmen können – ein Prozess, der Zeit braucht, aber messbare Ergebnisse zeigt.
Salahley: wenn Hilfe zu weit weg ist

Während ein Teil des Teams in Hargeisa arbeitete, war eine kleine Gruppe während der gesamten Mission in Salahley – einer ländlichen Region, kaum zehn Kilometer von der äthiopischen Grenze entfernt. Viele Schwangere kommen aus der umliegenden Nomadenbevölkerung und legen bereits mehrere Stunden zurück, bevor sie das Spital überhaupt erreichen – oft kommen sie spät, in einem kritischen Zustand.
Kommt es unter der Geburt zu Komplikationen, die einen Kaiserschnitt erfordern, war die einzige Option lange die Weiterfahrt nach Hargeisa – nochmals 90 bis 120 Minuten auf Strassen, die diesen Namen kaum verdienen. Zeit, die Mutter und Kind schlicht nicht immer haben.

Im Januar 2025 wurde deshalb in Salahley gemeinsam mit lokalen Partnern und dem Gesundheitsministerium der erste funktionsfähige Operationssaal eröffnet. Beim diesjährigen Einsatz hielt das Team während der ganzen zwei Wochen Workshops vor Ort: 25 Hebammen und weitere Gesundheitsfachpersonen wurden in lebensrettenden Techniken geschult – Umgang mit postpartaler Blutung, Schulterdystokie, Neugeborenenreanimation.

Was bleibt Somaliland ist kein Ausnahmefall. Laut der Lancet Commission on Global Surgery haben weltweit fünf Milliarden Menschen keinen Zugang zu sicherer, rechtzeitiger und bezahlbarer chirurgischer Versorgung – und 143 Millionen zusätzliche Eingriffe wären jedes Jahr nötig, um Leben zu retten und Behinderungen zu verhindern [1].
Chirurgie ist in weiten Teilen der Welt kein Recht, sondern ein Privileg – abhängig von Geografie, Einkommen und Zufall.
Wieder zuhause – Autobahnen, geteerte Strassen, ein Alltag, der einfach läuft. Was für uns hier so selbstverständlich ist, dass wir es kaum wahrnehmen – ein funktionierendes Spital in der Nähe, eine Ambulanz, die kommt, eine Behandlung, die wir uns leisten können – ist anderswo das, wofür Menschen stundenlang reisen, oder das schlicht nicht existiert. Die Eindrücke aus Somaliland erinnern mich daran, wie viel Privileg in diesem Alltag steckt.
[1] Meara JG et al. Global Surgery 2030: evidence and solutions for achieving health, welfare, and economic development. The Lancet. 2015;386(9993):569–624. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(15)60160-X
Vanessa Nussbaumer ist Stiftungsrätin der AN-NYA Foundation und Wissenschaftliche Assistentin am Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie (WIG) der ZHAW.
Alle Fotos: © AN-NYA Foundation, Mission Somaliland, Februar 2026