Beziehen arme Leute zu wenig Betreuungsleistungen?

Von Flurina Meier

In der Langzeitpflege müssen Betreuungsleistungen, auch wenn diese auf Grund von bestehenden Krankheiten benötigt werden, grundsätzlich von den Betroffenen selbst bezahlt werden (siehe Blog). Seit Längerem besteht daher die Vermutung, dass in der Schweiz aus finanziellen Gründen Betreuungsleistungen trotz Bedarf nicht oder nur teilweise in Anspruch genommen werden.

Volkswirtschaftlich und sozialpolitisch ist diese Frage relevant, denn fehlende Betreuung kann laut Fachpersonen zu früheren Eintritten ins Pflegeheim führen (Meier & Höglinger, 2018). Personen mit tiefem Einkommen und wenig Vermögen werden zudem im Pflegeheim mit grosser Wahrscheinlichkeit Ergänzungsleistungen (EL) beziehen und somit durch die öffentliche Hand finanziell unterstützt (für Erklärung der Mechanismen der Ergänzungsleistungen siehe Blog). Insbesondere vor dem Hintergrund der erwarteten demografischen Veränderungen in den nächsten Jahren, sollten vermeidbare verfrühte Pflegeheimeintritte möglichst vermieden werden (Pellegrini et al., 2022 oder Blog).

Ob die Vermutung zutrifft, dass Personen mit tieferem Einkommen oder wenig Vermögen weniger Betreuungsleistungen beziehen, wurde allerdings bisher noch nicht quantitativ überprüft. Unsere Analysen der Daten des Altersmonitors von Pro Senectute, welche zusammen mit dem Institut für Vielfalt und gesellschaftliche Teilhabe der ZHAW und durch AGe+, den Schwerpunkt zur angewandten Gerontologie der ZHAW, finanziert wurde, gibt erste quantitative Einblicke in diese Fragestellung.

Ziel und Inhalt der Studie

Das Hauptziel der Studie war es, herauszufinden, ob ältere Menschen mit tieferem Einkommen und wenig Vermögen weniger Betreuungsleistungen beziehen als ältere Personen mit höherem Einkommen und Vermögen. Allerdings kann die Menge an bezogenen Betreuungsleistungen zwischen diesen beiden Personengruppen nicht 1:1 miteinander verglichen werden. Denn finanziell weniger gut situierte Personen haben insgesamt einen schlechteren Gesundheitszustand als reichere Personen (Höglinger et al., 2019). Um dieses Ungleichgewicht in Bezug auf den Gesundheitszustand auszugleichen, haben wir in unserer Studie die Menge an bezogenen Betreuungsleistungen mit der Menge an bezogenen Pflegeleistungen verglichen.

Der Bedarf an Betreuungs- und Pflegeleistungen steigt, wenn Einschränkungen in den so genannten Alltagsaktivitäten (ADL) oder instrumentellen Alltagsaktivitäten (IADL) bestehen. Unter ADL versteht man unter anderem Aktivitäten wie aus dem Bett aufstehen, sich waschen, selbstständig essen oder sich im eigenen Haus bewegen. Unter IADL fallen beispielsweise Aktivitäten wie Haushaltführung, Einkaufen, Medikamente richten oder die Finanzen verwalten. Tendenziell werden bei Einschränkungen in den ADL eher Pflegeleistungen, bei Einschränkungen in den IADL eher Betreuungsleistungen benötigt (Knöpfel et al., 2018). Trifft diese Annahme zu, kann davon ausgegangen werden, dass ältere zu Hause lebende Personen mehr Betreuungs- als Pflegeleistungen benötigen, da Einschränkungen in den IADL in der Schweiz deutlich verbreiteter sind als Einschränkungen in den ADL. 2017 hatten 19% der 65-79-jährigen zu Hause lebenden Personen Einschränkungen in den IADL wohingegen nur 6% Einschränkungen in den ADL hatten (Quelle IADL, Quelle ADL). Bei den ab 80-jährigen zu Hause lebenden Personen waren dieselben Werte bei 45% bei den IADL und 16% bei den ADL (Quelle IADL, Quelle ADL). 

Ausgewählte Resultate der Studie

Nur ein kleiner Teil der älteren zu Hause lebenden Personen in der Schweiz bezieht Betreuungs- und Pflegeleistungen

Zuerst die gute Nachricht: nur 8,3% der Befragten des Altersmonitors bezogen formelle Betreuungsleistungen und 6,3% formelle Pflegeleistungen. Unter formellen Betreuungs- und Pflegeleistungen verstehen wir Leistungen, die durch Personen (Freiwillige oder Erwerbstätige) erbracht werden, die für Organisationen arbeiten, zum Beispiel für eine Spitex-Organisation, das Schweizerische Rote Kreuz, Pro Senectute oder private gewinnorientierte Organisationen. Werden Pflege- und Betreuungsleistungen von Familienmitgliedern, Freunden oder Nachbarn und ohne Entgelt geleistet, wird dies als informelle Pflege oder Betreuung bezeichnet. Unsere Studie bestätigt, dass die informelle Versorgung auch in der Schweiz (10,7%) die formelle Versorgung übersteigt.

In der Gesamtbevölkerung werden mehr formelle Betreuungs- als Pflegeleistungen bezogen

Unsere Studie zeigt, dass in der Gesamtbevölkerung mehr Betreuungs- als Pflegeleistungen bezogen werden, was – wie oben beschrieben – unseren Erwartungen entsprach. Dieses allgemein erwartete und in der Gesamtbevölkerung gefundene Muster zeigt sich auch in den meisten anderen untersuchten Untergruppen, wie z.B. in den unterschiedlichen Altersgruppen, Wohnsituationen oder Ausbildungsniveaus (für mehr Details siehe Bericht).

Personen mit sehr tiefen Einkommen beziehen weniger formelle Betreuungs- als Pflegeleistungen

Das Hauptresultat unserer Studie ist, dass insbesondere bei Personen mit sehr tiefen Einkommen dieses Muster umgedreht ist. D.h. Personen, die nicht-kompensierbar Armutsbetroffen sind, beziehen weniger Betreuungs- als Pflegeleistungen (Abbildung 1). Bei Personen, die nicht der untersten Einkommensgruppen angehören, ist das Muster wiederum wie erwartet: sie beziehen mehr Betreuungs- als Pflegeleistungen. Diese Ergebnisse können auf eine Unterversorgung an Betreuung in der tiefsten Einkommensgruppe hinweisen.

Abbildung 1: Bezug von formellen Betreuungs- und Pflegeleistungen nach kompensierbarer/nicht kompensierbarer Einkommensarmut

Personen mit tiefen Einkommen und tiefen Vermögen beziehen fast gleich viel formelle Betreuungs- wie Pflegeleistungen

Häufig heisst es, dass ältere Personen, die ein tiefes Einkommen haben, dies durch ihr Vermögen ausgleichen können, z.B. indem sie in einem grösstenteils abbezahlten Haus wohnen und die tiefen Wohnkosten das tiefe Einkommen zu einem Teil kompensieren. Daher haben wir noch eine zweite Definition der Einkommensgruppen verwendet. Diese simuliert einen Vermögensverzehr, d.h. ein Teil des Vermögens wird dem Einkommen angerechnet, und zwar so wie es im Gesetz über die EL (ELG) definiert ist (für mehr Details siehe Bericht).

Auch in dieser Analyse zeigt sich, dass Personen mit hohem und mittlerem Einkommen mehr Betreuungs- als Pflegeleistungen beziehen. Personen mit sehr tiefem Einkommen beziehen jedoch ungefähr gleich viel Betreuungs- wie Pflegeleistungen (Abbildung 2). Auch dieses Ergebnis kann auf eine Unterversorgung an Betreuung in den tiefsten Einkommensgruppen hinweisen.

Abbildung 2: Bezug von formellen Betreuungs- und Pflegeleistungen nach Einkommensgruppen unter Einbezug des Vermögens

Fazit

Unsere Analysen geben starke Hinweise darauf, dass es eine Unterversorgung an Betreuung in den untersten Einkommens- und Vermögensgruppen in der Schweiz gibt. Die Problematik wurde auf Bundesebene erkannt. Im Herbst 2023 lief die Vernehmlassung einer Änderung des ELG. Kurz zusammengefasst sollen durch die Änderung gemäss Vorentwurf die folgenden Betreuungsleistungen zu Hause neu durch die EL mitfinanziert werden können:

  • ein «Notrufsystem
  • Haushalthilfe
  • Mahlzeitendienst
  • Fahr- und Begleitdienste
  • die Anpassung der Wohnung an die Bedürfnisse des Alters und
  • ein Mietzuschlag für eine altersgerechte Wohnung» (Quelle)

Die Mitfinanzierung dieser Leistungen über die EL könnte dazu beitragen, Personen mit wenig finanziellen Mitteln zu entlasten und den potenziell nicht gedeckten Bedarf an Betreuungsleistungen zu decken. Wenn man davon ausgeht, dass dadurch verfrühte Heimeintritte vermieden werden, wäre eine solche Änderung des ELG auch im Interesse der öffentlichen Hand (Bannwart et al., 2022).

Weiterführende Informationen

Wenn Sie noch mehr über die Studie erfahren möchten, finden Sie den Bericht unter diesem Link, oder Sie können sich für den Dialog am Mittag von Pro Senectute anmelden, welcher am 3. April 2024 von 12.00 – 12.45 Uhr stattfindet und in welchem diese Studie vorgestellt wird.

Flurina Meier ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und stv. Leitung im Team Versorgungsforschung am WIG.

Der Schweizerische Altersmonitor – unsere Datengrundlage
Beim Schweizer Altersmonitor handelt es sich um eine für alle Kantone und die Schweiz repräsentative Längsschnittbefragung von rund 4’500 Personen im Alter ab 55 Jahren, welche 2022 das erste Mal durchgeführt wurde. Personen, die in Alters- und Pflegeheimen leben, werden in dieser Umfrage nicht berücksichtigt. Die Studienteilnehmenden wurden zufällig aus dem Stichprobenrahmen des Bundesamts für Statistik gezogen. Für die vorliegenden Analysen wurden nur Personen ab 65 Jahren berücksichtigt, weil sich die Fragestellung auf die Situation im Pensionsalter bezog. Die berücksichtigte Stichprobe umfasste 3313 Personen. Alle dargestellten Resultate wurden gewichtet, d. h. für die durch das Design bedingte Verzerrung wurde kontrolliert (für Details siehe Bericht). Die Haupterhebung fand zwischen Juni und August 2022 statt und wurde durch das Markt- und Meinungsforschungsinstitut MIS-Trend durchgeführt. Die Teilnehmenden wurden mit einem Kontaktbrief darauf aufmerksam gemacht, dass sie für die Studie ausgewählt wurden. Anschliessend hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, den Fragebogen online auszufüllen. Bei ausbleibender Online-Teilnahme wurden sie telefonisch kontaktiert und bei Teilnahmebereitschaft direkt im Rahmen eines computergestützten Telefoninterviews (CATI) befragt. Rund 73% der Teilnehmenden wählten die Option des Onlinefragebogens, während 27% telefonisch befragt wurden.

Literatur

Bannwart, L., Künzi, K., Jäggi, J., & Gajta, P. (2022). Betreutes Wohnen – Aktualisierte Grundlagen – Schlussbericht im Auftrag des Bundesamts für Sozialversicherungen (Forschungsbericht Nr. 1/22; Beiträge zur Sozialen Sicherheit). Büro für Arbeits- und sozialpolitische Studien BASS AG.

Höglinger, M., Ehrler, F., Seiler, S., & Maurer, J. (2019). Gesundheit der älteren Bevölkerung in der Schweiz [Eine Studie basierend auf Daten der Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE) im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit]. UNIL, FORS, ZHAW-WIG.

Meier, F., & Höglinger, M. (2018). Begleitevaluation der neuen Versorgungsangebote von Thurvita: Älter werden im Quartier und Thurvita Care. Studienbericht Teilprojekt 1 «Älter werden im Quartier». Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie.

Pellegrini, S., Dutoit, L., Pahud, O., & Dorn, M. (2022). Bedarf an Alters- und Langzeitpflege in der Schweiz–Prognosen bis 2040 (Obsan-Bericht 3/2022). Schweizerisches Gesundheitsobservatorium (Obsan).


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