Vor dem Tsunami zieht sich das Wasser zurück

Quelle: AdobeStock

Von Flurina Meier

Einige Alters- und Pflegeheime hatten in den letzten Jahren Mühe, ihre Betten zu füllen. Die Angst der potenziellen Bewohnenden vor einer Corona-Ansteckung erklärt dies teilweise. Aber schon vor der Pandemie gab es eine Verlagerung von den Alters- und Pflegeheimen (APH) nach Hause oder in die Angebote des betreuten Wohnens (Füglister-Dousse et al., 2015). Trotz dieses Trends werden wir sie in den nächsten Jahren alle brauchen, diese freien Betten, denn bis 2040 wird eine Zunahme der Bevölkerung über 80 Jahren um 88% erwartet (Pellegrini S., et al., 2022). Die aktuelle Zahl an Betten müsste bis 2040 sogar um ca. 54’000 aufgestockt werden (Pellegrini S., et al., 2022). Auch wenn wir konservativ mit den heute durchschnittlichen Kosten von 9’703 Franken pro APH-Bett pro Monat (BFS, 2021) rechnen, würden uns diese zusätzlichen Betten zusätzliche 527 Mio. Franken pro Monat oder 6,3 Mia. Franken pro Jahr kosten. Diese kämen zu den heutigen Kosten von 10,8 Mia. Franken pro Jahr für die stationäre Langzeitpflege noch hinzu.

Das Frühwarnsystem schrillt also, aber was können wir tun, um die Folgen dieses Tsunamis abzumildern? Im Folgenden werden drei Bereiche beleuchtet, in welchen Anstrengungen nötig wären, um die Konsequenzen der Welle abzufedern.

1) Gesundheitliche und soziale Prävention

Die in der Einleitung zitierten Zahlen des Obsan zeigen, dass wir bei weniger langer Pflegebedürftigkeit im Alter («Kompression schwerer Morbidität») ca. 10 Prozentpunkte weniger Inanspruchnahme von Alters-Versorgungs-Leistungen (APH-Betten, Kurzzeitaufenthalte APH, Spitex-Pflege und -Betreuung, betreutes Wohnen) erwarten können (Pellegrini S., et al., 2022). Dies bedingt aber, dass nicht nur akut-medizinisch sondern auch im Bereich des alltäglichen Verhaltens und Erlebens präventiv gearbeitet wird. So schlecht der Ruf von Prävention bei gewissen Leuten ist (ja, Prävention kostet und ja, auch ich habe manchmal keine Lust, mich aufzuraffen, um mich zu bewegen), zeigen einige Studien direkt oder indirekt, dass z.B. Bewegungsprävention oder das Verhindern von Einsamkeit im Alter Heimeintritte vermeiden oder verzögern können (Hanratty B., et al., 2018; Kojima G., 2018; Gill T.M., et al., 2002; Thomas E., 2019).

Auch in der Schweiz werden bereits Projekte umgesetzt, die genau hier ansetzen (wenige Beispiele: «Sturzprävention» der Rheumaliga, «Lokal vernetzt älter werden» hier von Prävention und Gesundheitsförderung Kanton Zürich; «Siedlungsassistenz» in der Gemeinde Horgen). Obschon für uns Forschende die Evidenz solcher Modelle besser sein dürfte, ist einiges an Wissen da und ich glaube, wir können es uns nicht leisten, auf bessere Evidenz zu warten.

Ein Bereich, der bereits in einem früheren Blog von mir beleuchtet wurde, ist die Betreuung (also Hilfe bei Alltagstätigkeiten, wie z.B. Haushaltsführung, Einkaufen, die Finanzen im Griff haben). Dieser Teil der Langzeitversorgung im Alter wird zwar dem Sozialwesen und nicht der Gesundheitsversorgung zugerechnet. Allerdings gibt es einige Evidenz, die unterstreicht, dass fehlende Betreuung zu Hause zu früheren APH-Eintritten oder einer Überbelastung von pflegenden Angehörigen führen kann (Meier F., et al., 2019; Stutz H., 2019 ), was indirekt durchaus die Kosten des Gesundheitswesens beeinflusst. In diesem Bereich fehlen v.a. die Daten und die wissenschaftlichen Grundlagen, aber dazu mehr im Kapitel 3.

2) Organisatorische Prävention und Hilfe zu Hause

Das Vermeiden von Heimeintritten hat auch mit der Beratung der Seniorinnen und Senioren sowie deren Angehörigen zu tun. Viele Senioren und Seniorinnen oder ihre Angehörigen monieren, dass keine guten Informationen zu finden sind (Meier F., et al., 2019). Es ist tatsächlich nicht einfach, sich in den Angeboten und der Finanzierung der Altersversorgung zurecht zu finden. In jeder Gemeinde sind die Angebote unterschiedlich. Die Kosten werden, je nachdem welche Angebote in Anspruch genommen werden, aus anderen Töpfen bezahlt (siehe auch Abbildung zu früherem Blog). Hinzu kommen Finanzierungen wie die Ergänzungsleistungen und die Hilflosenentschädigung. Beratungsangebote, die hier ansetzen und den Betroffenen frühzeitig Informationen zu ihren Optionen geben, oder ihre – vorerst noch – kleinen Probleme in der Bewältigung des Alltags beheben, können helfen, (Notfall-)Eintritte ins APH zu verhindern. Diverse Gemeinden, Pro Senectute, Spitex-Organisationen etc. bieten in gewissen Regionen solche Beratungen an.

Die Finanzierung der Bewältigung solcher kleineren Probleme im Alltag geht in der Schweiz grundsätzlich zu Lasten der Betroffenen. Es wird davon ausgegangen, dass aus diesem Grund nicht alle benötigten Leistungen auch in Anspruch genommen werden (Knöpfel et al., 2019; Stutz et al., 2019). Dies gilt insbesondere für Leute mit wenig finanziellen Möglichkeiten. Die Stadt Luzern hat hier ein Angebot geschaffen, welches nicht nur Beratungen anbietet, sondern auch kleine finanzielle Hilfen sprechen kann, wenn damit der Verbleib im eigenen Zuhause mit wenig Geld gewährleistet werden kann («Gutscheine für selbstbestimmtes Wohnen»). Diese Hilfen können z.B. kleine Umbauten im Zuhause, die Finanzierung einer Einkaufshilfe oder Massnahmen gegen Einsamkeit beinhalten.

Das Problem ist, dass die Kosten für die organisatorische Prävention meist bei den Gemeinden und heute anfallen. Die verhinderten Kosten von Heimeintritten hingegen fallen erst morgen an und sind zudem schlecht belegbar. Weiter kann es sein, dass die Einsparungen durch die Prävention nicht am selben Ort anfallen, wie die Kosten, die man zur Prävention getätigt hat. Ich könnte mir ausserdem vorstellen, dass es nicht einfach ist, bei steigenden Kosten in der ambulanten und der stationären Altersversorgung auch noch Gelder für die organisatorische Prävention zu verlangen. Hier fehlen griffige Studien, die Argumente liefern für wen und bis wann eine solche Prävention sinnvoll ist – sowohl finanziell als auch versorgungstechnisch. Dazu mehr im nächsten Kapitel.

Laut des Obsan könnte eine Verlagerung der wenig pflegebedürftigen Menschen, die heute im Pflegeheim sind in die Versorgung zu Hause, die Entwicklung der Inanspruchnahme von APH-Betten um ca. 10 Prozentpunkte dämpfen (Pellegrini S., et al., 2022). Dies gelingt aber nur, wenn man aktiv Massnahmen umsetzt.

3) Blindflug vermeiden

Obschon die Langzeitpflege als Teil des Gesundheitswesens gross und immer grösser ist (im Jahr 2020 20,7% der Gesundheitsausgaben; Abb. 1), fehlen in vielen Bereichen die Daten, um gute Studien durchzuführen. Das Obsan hat angefangen, einen Teil dieser Datenlücken – zu den intermediären Strukturen; also betreutes Wohnen, Kurzzeitaufenthalte im APH etc. – zu schliessen. Trotzdem bleiben grosse Lücken. In den meisten repräsentativen Umfragen stoppt die Erhebung, sobald Seniorinnen und Senioren ins APH eintreten. Zudem findet man nur wenige Daten zur ambulanten Versorgung mit Kosteninformation, da diese sehr heterogen ist. Im Bereich der Betreuung fehlt fast jeglicher Überblick über Angebot, Bedarf oder Nachfrage sowie den Zusammenhang von fehlender Betreuung und Eintritten ins Pflegeheim.

Abbildung 1: Gesundheitsausgaben pro Einwohner/in 2020; BFS, 2022

Fazit Dieser Blog zeigt nur einige Beispiele, wo man ansetzen könnte, um sich auf die erwartete Entwicklung in der Altersversorgung vorzubereiten, oder deren erwartete Kostenentwicklung zu dämpfen. Weitere Köpfe werden weitere gute und noch bessere Ideen haben. Die Zahlen des Obsan sprechen aber eine deutliche Sprache: was nicht geht, ist gar nichts zu tun.

Flurina Meier ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Stv. Leitung Versorgungsforschung am WIG.

Quellen:

  1. Füglister-Dousse, S., Dutoit, L., & Pellegrini, S. (2015). Obsan Rapport 67 – Soins de longue durée aux personnes âgées en Suisse Evolutions 2006–2013. Schweizerisches Gesundheitsobservatorium, Neuchâtel.
  2. Hanratty, B., Stow, D., Collingridge Moore, D., Valtorta, N. K., & Matthews, F. (2018). Loneliness as a risk factor for care home admission in the English Longitudinal Study of Ageing. Age and Ageing, 47(6), 896–900.
  3. Gill, T. M., Baker, D. I., Gottschalk, M., Peduzzi, P. N., Allore, H., & Byers, A. (2002). A Program to Prevent Functional Decline in Physically Frail, Elderly Persons Who Live at Home. New England Journal of Medicine, 347(14), 1068–1074.
  4. Knöpfel, C., Leitner, J., Meuli, N., & Pardini, R. (2019). Das frei verfügbare Einkommen älterer Menschen in der Schweiz – Eine vergleichende Studie unter Berücksichtigung des Betreuungs- und Pflegebedarfs. Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), Muttenz.
  5. Kojima, G. (2018, März). Frailty as a Predictor of Nursing Home Placement Among Community-Dwelling Older Adults: A Systematic Review and Meta-analysis. J Geriatr Phys Ther. Jan/Mar 2018;41(1):42-48.
  6. Meier, F. Huber, A. Höglinger, M. Schmidt, M. Mattli, R. (2019). Mit hohem Pflegebedarf in der eigenen Wohnung – Quartierstützpunkte und Thurvita Care. Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), Winterthur.
  7. Pellegrini, S. Dutoit, L. Pahud, O. Dorn, M. (2022). Bedarf an Alters- und Langzeitpflege in der Schweiz – Prognosen bis 2040 (Obsan-Bericht 03/2022). Schweizerisches Gesundheitsobservatorium, Neuchâtel.
  8. Thomas, E., Battaglia, G., Patti, A., Brusa, J., Leonardi, V., Palma, A., & Bellafiore, M. (2019). Physical activity programs for balance and fall prevention in elderly: A systematic review. Medicine, 98(27), e16218.
  9. Stutz, H. (2019). Finanzielle Tragbarkeit von Situationen mit Angehörigenbetreuung, in: Soziale Sicherheit CHSS (4) 2019, Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV), Bern.

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