HTA und Gesundheitsökonomische Evaluationen

Was wäre wenn… die Folgen alternativer Corona-Welten

Von Prof. Dr. Simon Wieser

Die erste Welle der Corona-Pandemie hat sich in der Schweiz ausgelaufen. Der Lockdown ist vorbei und das «normale Leben» ist für viele (fast) zurück.

Und soweit ich das heute beurteilen kann, hält sich der Schaden für die Gesundheit der Bevölkerung in Grenzen. So ist die Gesamtzahl der Todesfälle seit Jahresbeginn auf einem ähnlichen Niveau wie im Jahr 2015, in dem wir eine schwere Grippeepidemie hatten. Grafik 1 oben zeigt dies anhand der Anzahl wöchentlicher Todesfälle im Jahresverlauf (Datenquelle: Mortalitätsmonitoring des Bundesamts für Statistik).

Angesichts dieser Zahlen könnte man meinen, dass die Massnahmen gegen die Corona-Pandemie schlimmer waren als die Pandemie selbst. Schliesslich hat auch der Lockdown negative Gesundheitsfolgen – etwa durch die psychische Belastung und verpasste medizinische Behandlungen.

Aber der Vergleich der tatsächlichen Corona-Todesfälle mit den Gesundheitsfolgen des Lockdowns ist falsch. Der Vergleich muss mit der Anzahl Todesfällen sein, die ohne Lockdown eingetreten wären.

Untenstehende Grafik 2 zeigt dies Anhand der Ergebnisse einer Simulation mit dem NeherLab Modell der Universität Basel, welches vom WIG auf die Zahl der COVID-19-Hospitalisierungen in der Schweiz kalibriert wurde. Ohne Lockdown und sonstige Verhaltensveränderungen wäre es, gemäss dieser Modellierung, innerhalb weniger Wochen zu über 80’000 Todesfällen gekommen. Also zu mehr Todesfällen als sonst in einem Jahr in der ganzen Schweiz.

Aber auch ohne Lockdown wäre es kaum zu einer derart grossen Zahl von Todesfällen wie in Grafik 2 gekommen. Denn selbst ohne «Befehl von oben» hätte die Bevölkerung angesichts rasch steigender Fallzahlen und Todesfälle ihr Verhalten geändert und Restaurants, Fussballstadien und Büros gemieden. Die Zahl der Todesfälle wäre zwar niedriger gewesen als in Grafik 2, aber wohl auch höher als in Grafik 1. Es ist gut möglich, dass der gesundheitliche und wirtschaftliche Schaden einer derartigen unkontrollierten Reaktion grösser gewesen wäre als der des tatsächlichen Lockdowns.

Eine Evaluation von Kosten und Nutzen des Lockdowns ist also keine einfache Sache. Sie ist aber notwendig, damit wir bei zukünftigen Corona-Wellen und Pandemien bessere Entscheidungen treffen können. Voraussetzung dafür ist unter anderem, dass wir besser verstehen, was in den vergangenen Monaten passiert ist und in den nächsten Monaten passieren wird. Ein Instrument dafür ist unser COVID-19 Social Monitor.

Simon Wieser ist Institutsleiter am WIG.

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