Management im Gesundheitswesen

Digitale Prozessbeobachtungen: Ein Tag im Leben eines anderen Berufs

Quelle: © Colourbox

Von Sina Berger

Wenn ich im Wartezimmer eines Spitals sitze, beobachte ich gerne die Menschen und das Geschehen um mich herum. In dem Korridor hinter der Trennwand sehe ich Ärztinnen und Ärzte, die sich mit anderem Fachpersonal austauschen. Wir als Patientinnen und Patienten sehen die Ärztin oder den Arzt meist nur für kurze Zeit. Verschiedene Studien und unsere eigenen Projekte zeigen, dass das ärztliche Personal häufig nur höchstens 30% der Zeit effektiv bei den Patienten verbringt. Zu gerne würde ich als Laie wissen wollen, was genau Ärztinnen und Ärzte den ganzen Tag machen und wie deren Arbeitsalltag aussieht.  Mittels Verhaltensbeobachtungen erfassen Forschende einen Einblick in die genauen Abläufe von Fachpersonen.

Die Methodik: Verhaltensbeobachtung

Nehmen wir an, Sie wollen herausfinden, wie die Gruppendynamik in einem Team von Pflegenden ist, welches aufgrund seiner Arbeitsbereiche (z. B. Ad-hoc Teams im Operationssaal) oder organisatorischer Umstände (z. B. Personalmangel, der eine Zeitersparnis erfordert) flexibel aufgestellt ist.

Welche Methode würden Sie anwenden, um die Gruppe zu analysieren? Am einfachsten wäre es, eine Befragung bei den Teammitgliedern durchzuführen. Jedoch bleibt bei einer Umfrage der Gruppenprozess und die Dynamik dazwischen oft verdeckt, da diese sich auf Selbstberichte oder retrospektive Gedächtnisprozesse stützt, die Fehler enthalten und voreingenommen sein können. Deshalb ist die Methode der Verhaltensbeobachtung viel ergiebiger. Mit ihr kann neben der Analyse der Interaktion und Dynamik einer Gruppe auch verstanden werden, wie und warum ein bestimmtes Phänomen (z. B. Belastung) auftritt.

Evaluation im Rahmen des BAG-Förderprogramms Interprofessionalität

Das Thema «Interprofessionalität» hat in den letzten Jahren an Relevanz gewonnen. Man vermutet, dass die interprofessionelle Zusammenarbeit (IPZ) im Zusammenhang mit einer effektiveren Versorgung sowie einer höheren Arbeitszufriedenheit steht. Im Idealfall führt IPZ zu einer gewünschten längeren Verweildauer im Beruf. Das BAG hat das WIG beauftragt dies im Rahmen des Mandates 14 «Task Shifting», wo die Erbringung einer Leistung von einer auf eine andere Profession übertragen wird, genauer zu untersuchen.

Innerhalb dieses Projektes evaluiert die Fachstelle Management im Gesundheitswesen des WIG unter anderem das PMOP-Modell (Peri-operatives Management in der Orthopädie durch die Physiotherapie): Bei zwei orthopädischen Eingriffen findet eine Übertragung von ärztlichen Sprechstunden auf die Physiotherapie statt genauere Informationen zum PMOP-Modell finden Sie hier.

Mehrwert für das ärztliche und physiotherapeutische Personal schaffen

Im Projekt, welches im Juli 2018 startete, steht die Zusammenarbeit der Ärztinnen/Ärzte der orthopädischen Chirurgie und der Physiotherapie bei geplanten operativen Eingriffen mit physiotherapeutischer Nachbehandlung im Fokus. Neu übernimmt die Physiotherapeutin oder der Physiotherapeut ärztliche Sprechstunden. Dadurch soll die Effizienz gesteigert und das Behandlungsergebnis verbessert werden, was wiederum zu einer Steigerung der Patientenzufriedenheit führt. Um zu erfahren, was die Auswirkungen auf die Ökonomie und Versorgungsqualität sind, haben wir im Juli und August mittels einer Verhaltensbeobachtung die Abläufe im PMOP-Projekt erfasst.

Für die Datenerfassung während der Beobachtungen der physiotherapeutischen Sprechstunden nutzten wir eine moderne Digital Health-Lösung: Die Verhaltensbeobachtungs-App von Mangold (Obansys). Dafür haben wir vorab mit dem Praxispartner gemeinsam ein Kodierungssystem entwickelt. Darauf basierend hat eine WIG-Mitarbeiterin Patientinnen und Patienten bei verschiedenen Sprechstunden bei der Ärztin oder dem Arzt bis in die Physiotherapie vor Ort begleitet. Die einzelnen Prozessschritte wurden beobachtet und mithilfe der Kategorien aus dem vorher erstellten Kodiersystem aufgenommen. Ziel der Beobachtungen war die Erhebung des Zeit-, Ressourcen- und Personalaufwandes der verschiedenen Berufsgruppen innerhalb der Sprechstunden sowie die Erhebung von möglichen Doppelspurigkeiten.


Bildschirmfoto Tablet: Datenerhebung mittels App

Aktuell werden die Daten der Prozessbegleitung und (Live-) Beobachtungen ausgewertet. Schon jetzt zeigt sich: Dank des Digital Health-Tools kann man die Interaktionen zwischen den Health Professionals und den Patientinnen sowie Patienten sekundengenau auswerten; viel genauer als vorher mit Papier und Stift. Mit der App können die Prozessbegleitungen ebenfalls standardisiert werden. So lassen sich die Prozessschritte mithilfe der vorab definierten Kategorien einheitlich aufnehmen. Dadurch können Verzerrungen und Verzögerungen im Prozess vermieden werden.

Über die inhaltlichen Auswertungen und weitere Ergebnisse wird laufend in diesem Blog berichtet. Weitere Informationen zum laufenden BAG-Projekt finden Sie hier.

Sina Berger ist wissenschaftliche Assistentin im Team Management im Gesundheitswesen am WIG.

Quellen:

Kolbe, M., & Boos, M. (2018). Observing Group Interaction: The Benefits of Taking Group Dynamics Seriously. In E. Brauner, M. Boos, & M. Kolbe (Hrsg.), The Cambridge Handbook of Group Interaction Analysis (1. Aufl., S. 68–85). https://doi.org/10.1017/9781316286302.005

 Heinen, F., Landgraf, M. N., Böhmer, J., Borggräfe, I., Bidlingmaier, C., Krohn, K., … Albers, L. (2016). Was vom Tage übrig bleibt – Arbeitsalltag einer Universitätsmedizin für Kinder und Jugendliche. Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität im Gesundheitswesen, 117, 20–26. https://doi.org/10.1016/j.zefq.2016.09.002

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