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RÜCKENSCHMERZEN SIND AUCH KOPFSACHE

Dass die Psyche bei Rückenschmerzen eine Rolle spielt, ist bekannt. Doch wie psychische Faktoren den Verlauf der Schmerzen beeinflussen und welche Rolle sie bei einer Chronifizierung spielen, ist weitgehend unklar. Sabina Hotz Boendermaker, Forscherin am Departement Gesundheit, untersucht das komplexe Wechselspiel zwischen Psyche und Körper bei Rückenschmerzen in einer Langzeitstudie.

VON TOBIAS HÄNNI

Geht es um den Rücken, spielt der Kopf eine grosse Rolle: Manchmal, wenn Sabina Hotz Boendermaker diese Aussage unterstreichen will, legt sie einen Kugelschreiber auf den Boden und bittet ihr Gegenüber, diesen aufzuheben. «Auch Fachleute überlegen dann oft intensiv, wie sie das rückenschonend tun können», sagt die promovierte Neurowissenschaftlerin, die am Departement Gesundheit zu Schmerzpsychologie lehrt und forscht. «Dabei gibt es eigentlich nichts nachzudenken – man bückt sich und hebt den Schreiber auf.» Das Experiment verdeutlicht, wie stark die Psyche involviert ist, wenn wir unseren Rücken bewegen. «Jeder hat gewisse Vorstellungen darüber, was gut für den Rücken ist und was nicht.»

Therapien fokussieren auf körperliche Ebene

Dass mit dem Rücken zahlreiche, auch fehlerhafte Vorstellungen verbunden sind, erstaunt nicht: Weltweit leiden geschätzte 80 Prozent aller Menschen mindestens einmal in ihrem Leben an Rückenschmerzen. Für einige wird aus der unerfreulichen Bekanntschaft ein ständiger Begleiter – 20 Prozent der Betroffenen entwickeln ein chronisches Rückenleiden. Doch trotz ihrer weiten Verbreitung bestehen zu den Ursachen von Rückenschmerzen sowie den Einflüssen und der Interaktion psychosozialer Faktoren noch Wissenslücken. Das wirkt sich laut Hotz Boendermaker auch auf die Behandlung aus. «Viele Therapien suchen die Ursache der Schmerzen ausschliesslich im körperlichen Bereich und finden somit lediglich auf dieser Ebene statt.» Sie sei zwar «dezidiert der Meinung», dass jedem Rückenschmerz ein muskuloskelettales Problem zugrunde liege. «Wie sich der Schmerz danach weiterentwickelt und ob er chronisch wird, hängt jedoch stark von psychosozialen Faktoren sowie von den durchgeführten Untersuchungen ab.»

Komplexes Forschungsfeld

In einem laufenden Forschungsprojekt will die Wissenschaftlerin, Psychologin und Physiotherapeutin mehr über die Zusammenhänge zwischen physischen und psychosozialen Faktoren bei Rückenleiden herausfinden. Der Fokus des vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierten Projekts liegt dabei auf Schmerzen im unteren Rücken. Dass bezüglich deren Entstehung und Verlauf Forschungsbedarf besteht, legen Zahlen zu den Diagnosen nahe: Bei nur 15 Prozent aller Fälle können die Schmerzen auf ein muskuloskelettales Problem zurückgeführt werden, beispielsweise auf einen eingeklemmten Nerv oder eine Wirbelfraktur. Bei allen anderen sind die Schmerzen unspezifisch, ihre Ursache ist unklar. Mit dem Projekt erhebt das Forschungsteam in einer weltweit ersten Langzeitstudie gleichzeitig somatische und psychosoziale Faktoren und bringt sie in einen Zusammenhang. Kein einfaches Unterfangen, denn Körper und Psyche beeinflussen sich in einer komplexen Wechselwirkung.

Weder Angst noch Depression

Besonders gross ist die Forschungslücke zu dieser Wechselwirkung bei akuten oder episodischen, also wiederkehrenden Rückenschmerzen. «Diese Patienten sind das Daily Business für Physiotherapiepraxen», sagt Hotz Boendermaker. Zwar gibt es Studien über die Zusammenhänge von Körper und Psyche bei Rückenleiden. «Die meisten davon wurden jedoch mit Personen mit chronischen Rückenschmerzen durchgeführt.» Das Problem am Fokus auf diese Patientengruppe sei, dass die Studien in der Literatur sehr viel Gewicht erhielten und auch für die Behandlung nichtchronischer Rückenschmerzen herangezogen würden. Die Wissenschaftlerin schildert die Problematik am Beispiel der Bewegungsangst: «Chronische Schmerzpatienten entwickeln häufig eine Angst vor gewissen Bewegungen, weil sie durch diese eine Zunahme der Schmerzen befürchten.» Die vorherrschende Meinung sei deshalb, dass Rückenschmerzen über einen längeren Zeitraum zu Bewegungsangst und damit zu einer Vermeidung von körperlichen und sozialen Aktivitäten führten. Ebenfalls dominiert laut Hotz Boendermaker in der Wissenschaft die Annahme, dass Menschen, die über einen längeren Zeitraum von Schmerzen geplagt werden, depressiv werden. «Tatsächlich trifft dies auf 30 bis 40 Prozent der Patienten mit chronischen Schmerzen zu. Doch diese Ergebnisse lassen sich nicht einfach so übertragen – das zeigen nun auch die ersten Ergebnisse unserer Studie.»

Erwartungshaltung führt zu Stress

Für diese haben die Forschenden bei rund 200 Probanden mit – teils wiederkehrenden – akuten Rückenschmerzen während eines Jahres mehrmals physische und psychische Tests durchgeführt. Dazu gehörten Fragebögen, beispielsweise zu Schmerzintensität, Bewegungsangst oder Depression, sowie klinische Tests, etwa die Kontrolle der Rumpfmuskulatur oder der sensorischen Wahrnehmung. Das Fazit: Weder eine Bewegungsangst noch eine Depression muss sich bei Patienten mit episodischen Schmerzen entwickeln. «Nur zwei der 200 Studienteilnehmenden wiesen Anzeichen einer Depression auf. Das ist nicht höher als der Durchschnitt in der Bevölkerung», sagt Hotz Boendermaker. Und eine Bewegungsangst sei bei keinem Studienteilnehmenden festgestellt worden. Im Gegenteil: «Unsere Probanden bewegten sich weiter, trotz Schmerzen.»

Diese ersten Ergebnisse liefern wichtige Hinweis darauf, dass die Einstellung zum Schmerz sowie psychische Veranlagung und Zustand eines Menschen eine wichtige Rolle beim Verlauf eines Rückenleidens spielen. «Rückenpatienten mit einer vorbestehenden psychischen Erkrankung haben eine dünnere Haut – und empfinden die Schmerzen deshalb stärker», erklärt Hotz Boendermaker beispielhaft. Dies wirke sich wiederum negativ auf die Psyche aus – was letztlich einen Teufelskreis und damit eine Chronifizierung in Gang setzen könne. Auch die Erwartungshaltung beeinflusse den Verlauf des Schmerzes, vermutet Hotz Boendermaker. Erwarte ein Betroffener, dass der Schmerz weggehen müsse, sei er unter Dauerstress, eine Therapie zu finden, die helfen kann. «Das bringt Psyche und Körper noch mehr aus dem Gleichgewicht.»

Scheinwerfer auf Schmerz abstellen

Aus den ersten Ergebnissen der Langzeitstudie lassen sich laut Sabina Hotz Boendermaker wichtige Schlussfolgerungen für die Behandlung von Rückenschmerzen ableiten. «Grundsätzlich muss die Psyche viel stärker berücksichtigt werden – was auch bedeutet, psychische Faktoren und die Einstellung zum Schmerz bei jeder Patientin, jedem Patienten individuell abzuklären.» Werde der Schmerz zum zentralen Element im Leben des Betroffenen und überstrahle alles andere, könne es helfen, «diesen Scheinwerfer auf den Schmerz» abzustellen – zum Beispiel, indem man den Betroffenen die Angst vor ihm nehme und ihnen dazu etwa die Schmerzphysiologie erkläre. «Zu Beginn der Rückenschmerzen hat die Angst eine wichtige Schutzfunktion – wie ein Gips», sagt Hotz Boendermaker. «Wird sie jedoch pathologisch, ist sie ein Risikofaktor, der zu einer Chronifizierung beitragen kann.» //


SCHMERZEN VERÄNDERN DAS GEHIRN

Wie sich Rückenschmerzen im Gehirn auswirken können, untersucht Sabina Hotz Boendermaker mit einem Teil der Probanden mit funktionellen MRI Aufnahmen. «Wir wollen herausfinden, was episodische Schmerzen im Verlauf eines halben Jahres im Gehirn verändern.» Die Forschenden zeichneten auf, wie sich die schmerzfreie Mobilisation eines Rückenwirbels im Gehirn bemerkbar machte, und verglichen die MRI-Bilder mit denen gesunder Personen zu verschiedenen Zeitpunkten. Eine wichtige Erkenntnis: Die Aktivierungsmuster im Hirn verändern sich viel rascher als bisher angenommen. «Bei den Probanden mit akuten Rückenschmerzen führte die Stimulation zu einer geringeren Wahrnehmung von Bewegungsempfindungen im Rücken», so Hotz Boendermaker. Dafür seien Hirnareale stärker aktiviert worden, die für die Vorbereitung einer Rumpfbewegung verantwortlich sind. «Diese Bewegung wäre eine natürliche Schutzreaktion vor einer schmerzhaften Situation», sagt Hotz Boendermaker. «Die Aktivierung ist ein erster Hinweis auf eine veränderte Bewegungssteuerung im Gehirn, die bei anhaltenden Schmerzen möglicherweise zu mechanischen Problemen führt.»

Mit dem MRI wurden zudem die Reaktionen aufgezeichnet, wenn gesunden Probanden und solchen mit Rückenschmerzen Videos von Aktivitäten, etwa einer Bückbewegung, gezeigt wurden. Bei Probanden, die überzeugt waren, dass die Aktivität für den Rücken gefährlich sei, wurde das Angstsystem aktiviert – selbst wenn die Personen schmerzfrei waren. «Diese Ergebnisse zeigen deutlich, dass Überzeugungen selbst bei einfachen Aktivitäten eine Rolle spielen und sich bei Rückenschmerzen negativ auf die Heilung auswirken können», sagt Hotz Boendermaker.

Vitamin G, Seite 18-19




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