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BERSETS ERSTBERATER KÖNNTE EINE PHYSIOTHERAPEUTIN SEIN

PROF. DR. HANNU LUOMAJOKI
Leiter Masterprogramm «Muskuloskelettale Physiotherapie»

Um das Kostenwachstum im Gesundheitswesen zu dämpfen, hat Bundesrat Alain Berset diesen Sommer ein umfassendes Massnahmenpaket vorgestellt. Es sieht unter anderem vor, dass sich Krankenversicherte nicht mehr direkt bei einem Spezialisten anmelden dürfen, sondern immer zuerst eine Erstberatungsstelle aufsuchen müssen. Gesundheitsminister Berset sprach von Hausärzten, telemedizinischen Zentren oder HMO-Praxen als mögliche «Erstberater». Die Rolle könnten jedoch auch Physiotherapeutinnen und -therapeuten übernehmen.

Denn 30 bis 40 Prozent der Personen, die einen Hausarzt aufsuchen, haben Beschwerden am Bewegungsapparat, zum Beispiel Rückenschmerzen, Probleme in den Knien oder andere Abnützungserscheinungen in Gelenken und Muskeln. Solche Beschwerden bedeuten allerdings nicht, dass man krank ist: Rund 95 Prozent davon sind eben keine Krankheit, sondern einfach «nur» Beschwerden. In diesen Fällen sind keine medizinischen Massnahmen nötig. Es braucht keine Labordiagnostik und selten bildgebende Verfahren wie Röntgen oder MRI. Auch auf Medikamente kann häufig getrost verzichtet werden: Sie sind gemäss neusten Studien nicht so effektiv wie bislang angenommen.

Kurzum, ein Grossteil der Betroffenen könnte sich den Gang zur Hausärztin sparen. Sinnvoller wäre es – und ganz im Sinne von Bundesrat Berset –, wenn die Leute mit Beschwerden am Bewegungsapparat zuerst in die Physiotherapie gehen würden. Das hat verschiedene Vorteile: Studien aus dem Ausland haben gezeigt, dass der Direktzugang zur Physiotherapie deutlich tiefere Kosten verursacht, da weniger Operationen, bildgebende Verfahren und medikamentöse Behandlungen durchgeführt werden. Nachgewiesen wurde auch, dass der Direktzugang nicht zu Lasten der Betroffenen geht: Fälle, bei denen eine medizinische Behandlung nötig war, wurden von den Physiotherapeuten erkannt und an die entsprechenden Spezialistinnen überwiesen. Und nicht zuletzt zeigt sich bei den Patienten und den Ärztinnen eine hohe Zufriedenheit mit dem Modell: Bei den Ersteren, weil sie schneller zu einer Therapie kommen, bei den Letzteren, weil sie entlastet werden.  Der Direktzugang zur Physiotherapie ist in 74 Ländern weltweit längst Tatsache – mit durchgehend guten Erfahrungen. Machen wir ihn auch in der Schweiz zur Realität, Herr Berset! //

Vitamin G, Seite 5


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