Wege aus der Polykrise

Rund ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen ist von psychischen Störungen betroffen. Sorgen bereiten ihnen die Ballung von aussichtslosen Krisen in der Welt und andere Belastungen. Doch es gibt Strategien, die aus dem Tief führen.

von Marc Bodmer

Eine Krise kommt selten allein, und so gesehen ist das Phänomen der sogenannten Polykrise nicht neu. Der Begriff, der erstmals 1993 vom französischen Soziologen Edgar Morin und seiner Mitautorin Anne Brigitte Kern eingeführt wurde, beschreibt den Umstand, dass einzelne Krisen nicht isoliert betrachtet werden sollten, da sie häufig miteinander verbunden sind und sich wechselseitig verstärken können. In den letzten Jahren hat die Bezeichnung, auch Multikrise genannt, an Bedeutung gewonnen.
«Klimaerwärmung, die Nachwirkungen der Corona-Pandemie, der Krieg in der Ukraine, die Folgen von KI: Die kürzlich erschienene, repräsentative ‹Pro Juventute Studie› zeigt, dass der Anteil der Jugendlichen, die sich wegen globaler Krisen Sorgen machen, innerhalb eines Jahres von 25 auf 40 Prozent gestiegen ist», sagt Annina Zysset, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Public Health.Ihre Kollegin Lena Kuttler ergänzt: «Insbesondere junge Frauen sorgen sich und zeigen vielfältige emotionale Reaktionen.» 10 bis 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen sind gemäss Studien von einer psychischen Störung, beispielsweise einer Depression oder Angststörung betroffen. Bleibt diese unbehandelt, können langfristige Folgen für die Betroffenen entstehen, die nicht zuletzt auch die schulische Entwicklung einschränken können.
Die belastenden Gefühle ziehen sich zwar durch sämtliche Altersschichten, doch junge Menschen sind stärker betroffen. «Ältere Menschen stehen mitten im Leben, haben einen Job, eine Wohnung und ein einigermassen stabiles Umfeld», vermutet die wissenschaftliche Mitarbeiterin Lena Kuttler. «Junge Menschen befinden sich dagegen in einer Orientierungsphase, die für sich schon eine gewisse Unsicherheit mit sich bringt.» Die oft gehörte Einschätzung, dass die Generation Z nicht belastbar sei, findet Frank Wieber, Psychologe und Professor für Public Health, deshalb ebenso zu pauschal wie die Aussage: «Wir hatten es früher auch nicht einfach.»

Krisen sind heute dauerpräsent
Eine wichtige Rolle im Kontext der Polykrise spielen (soziale) Medien. Beschränkte sich in den «alten Zeiten» die Berichterstattung auf Zeitungen sowie ein paar wenige Nachrichtensendungen pro Tag, wird man seit Jahren von News aus aller Welt bombardiert. Dabei werden auch immer wieder die gleichen Geschehnisse aufs Neue aufbereitet. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass Menschen, die Berichterstattungen über Katastrophen oder Verbrechen wie dem Bombenattentat am Boston Marathon von 2013 oder der Zerstörung des World Trade Centers im Jahr 2001 in New York intensiv konsumierten eine deutlich höhere Prävalenz von posttraumatischen Stresssymptomen und Depression aufwiesen im Vergleich zu Personenen, die sich nicht wiederholt denselben Bildern ausgesetzt hatten. Mit der Verbreitung von Smartphones kann der «Nachrichtenhunger» rund um die Uhr genährt werden. «Dabei befindet man sich in einer passiven Rolle», sagt Frank Wieber. «Man sieht die Handlungen anderer und deren negative Konsequenzen.»

Der Abwärtsspirale entkommen
Doch wie begegnet man einer Herausforderung, die Wut, Angst, Frustration und ein Gefühl der Hilflosigkeit auslöst? «Menschen wählen unterschiedliche Bewältigungsstrategien», sagt Lena Kuttler. «Es gibt keinen universellen ‘richtigen’ Umgang mit der Polykrise.» Das so genannte Coping kann auf der Handlungs- oder der emotionalen Ebene erfolgen. «Wichtig ist dabei, den eigenen Handlungsrahmen abzustecken», rät Annina Zysset. «Es gibt Dinge, die kann man selbst und teilweise direkt beeinflussen, wie zum Beispiel weniger Fleisch zu essen oder mehr Velo zu fahren.  Oder man kann in einer Gruppe aktiv werden, dann fühlt man sich auch nicht mehr allein im Umgang mit der Klimakrise.»
Entscheidende Faktoren, um dem Kontrollverlust zu begegnen, sind ein bewusster Umgang mit Quellen, die zur Belastung führen, und das Erleben von Selbstwirksamkeit. «Ähnlich wie bei einer Diät oder Alkoholtherapie muss man lernen, wo die grössten Risiken liegen, die zum Abbruch führen können und diese bewusst vermeiden oder managen», sagt Frank Wieber. Dabei sollte man sich auch des Handlungsspielraums bewusst sein: «Wenn ich Müll rezykliere, dann haben ich die volle Kontrolle über die Aktion, deren Wirkungsgrad aber bescheiden ist. Schliesse ich mich einer Gruppe von Umweltaktivisten an, dann entfaltet diese möglicherweise mehr Wirkung. Ich kann sie aber weniger stark beeinflussen, wenn sie sich in eine Richtung entwickelt, die ich problematisch finde», erklärt der Psychologe. Eine gute Mischung sei hier wichtig, um sich als wirksam zu erleben.
Das Department Gesundheit engagiert sich dafür, die Handlungsfähigkeit und die psychische Gesundheit zu stärken. Nebst Angeboten im Betrieblichen Gesundheitsmanagement werden beispielsweise im transdisziplinären Wahlpflichtmodul «Planetary Health: Vom Denken ins Handeln, im Kleinen Grosses bewirken» die Klimakrise und deren gesundheitliche Auswirkungen thematisiert. Die Angebote auf Bachelor-Stufe zielen auf die Entwicklung persönlicher, sozialer, kommunikativer, kooperativer oder fachlicher Kompetenzen ab.
Verschiedene Forschungsprojekte und Entwicklungen wie das in Kooperation mit dem Departement Psychologie umgesetzte Programm «TakeCare» helfen Kindern, mit den Krisen und Unsicherheiten unserer Zeit besser klarzukommen. Folgend mehr zu den laufenden Projekten.

Vitamin G, S. 25-26


Klima, Krisen und Kooperationen

In vielen Projekten am Departement Gesundheit wird nach Lösungen und Strategien im Umgang mit Klimawandel, psychischen Belastungen und anderen gesellschaftlichen Herausforderungen geforscht. Wir stellen hier drei davon kurz vor.

Stärkung der psychischen Gesundheit
Psychische Gesundheit kann wirksam gefördert werden. Dabei sind schulbasierte Massnahmen zur Stärkung der psychischen Gesundheit sowie zur Verbesserung der Früherkennung und -intervention bei psychischen Problemen von zentraler Bedeutung. Denn Volksschulen, Schulen auf Sekundarstufe und Universitäten bieten einen breiten Zugang zu Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Im laufenden Projekt «wellguides.ch» wird ein Peer-to-Peer-Konzept erarbeitet, getestet und nachhaltig implementiert. Jugendliche und junge Erwachsene von 16 bis 25 Jahren werden zu Multiplikator:innen und Influencer:innen ausgebildet und stellen ihren Peers Angebote zur Förderung der psychischen Gesundheit vor. Die ersten Workshop-Ergebnisse fielen vielversprechend aus:
• Die Kompetenzen im Bereich psychische Gesundheit verbesserten sich.
• Die Angst vor Gesprächen über psychische Gesundheit nahm ab.
• Die Teilnehmenden fassten mehr Vertrauen, anderen zu helfen.
• Die interaktive und niederschwellige Gestaltung wurde besonders geschätzt.

Mehr zu wellguides.ch


Was macht eigentlich krank?
Ein Fünftel aller jungen Menschen ist von psychischen Belastungen und Störungen betroffen, im Englischen Mental Health Conditions (MHC). Obwohl bekannt ist, dass belastende Lebensumstände ein zentraler Risikofaktor sind, wissen wir bislang erstaunlich wenig darüber, welche Belastungen am stärksten wirken, wie häufig sie vorkommen und wie sie sich auf die psychische Gesundheit junger Menschen auswirken. Die europäische Studie «Evaluating, Identifying and Reducing determinants for Mental Health Conditions in Youth», kurz EARLY, zielt darauf ab, MHC bei jungen Menschen (15 bis 24 Jahre) zu verringern. In 14 europäischen Ländern wird untersucht, wie Risiko- und Schutzfaktoren mit der psychischen Gesundheit der Jugendlichen zusammenhängen. Parallel dazu werden auch die aktuellen Angebote erhoben und eine Übersicht dazu erstellt. Junge Menschen werden bei verschiedenen Projektschritten einbezogen.

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Hitze vor der Haustür
Hitzeperioden nehmen in der Schweiz zu und führen zu erhöhter Morbidität und Mortalität. Auch für die Bevölkerung in Winterthur steigen damit verbundene Gesundheitsrisiken. Zu wissen, wie man sich bei grosser Hitze verhalten soll, ist daher zentral.
Das laufende Projekt «GeKo-Win – Gesundheit und Klima kooperativ gestalten» der Fachstelle Klima der Stadt Winterthur und des Departements Gesundheit zielt ab auf die co-kreative Entwicklung eines Umsetzungskonzeptes für die Klimawoche Winterthur 2027 mit dem Fokusthema «Gesundheit». Als Anlaufpunkt bietet sich das Wohnareal Lokstadt in Zusammenarbeit mit dem Living Lab Lokstatt an. Die Überbauung zeigt, wie Klimaschutz und Anpassung geplant und umgesetzt werden können. «Geko-Win» steht im theoretischen und ethischen Rahmen der Planetaren Gesundheit, die die enge Verbindung zwischen der Gesundheit des Menschen und den natürlichen Systemen der Erde betont.

Mehr zu «GeKo-Win»

Vitamin G, S. 27


Meilensteine
2018 – Hoher Besuch
Gemeinsam mit Bundesrat Johann Schneider-Ammann besucht die US-Bildungsministerin Betsy DeVos die ZHAW. Bei einem Rundgang durch das Departement Gesundheit bekommt sie Einblicke in den Skillsunterricht der Studierenden und unsere praxisorientierte Forschung. Mit rund 1700 Studierenden hat sich die Studierendenzahl seit der Gründung im Jahr 2006 bereits verachtfacht.
Start des im deutschsprachigen Raum einzigartigen Doktoratsprogramms «Care & Rehabilitation Sciences» in Kooperation mit der Universität Zürich UZH.

2019 – Lancierung eigener Masterstudiengänge
Nach einer neunjährigen, erfolgreichen Zusammenarbeit mit der Berner Fachhochschule BFH und der FHS St. Gallen bietet die ZHAW ab dem Herbstsemester eigene Masterstudiengänge in Pflege, Physiotherapie und Hebammenwissenschaft an. Im Oktober eröffnet die schweizweit einmalige «Zürcher interprofessionelle klinische Ausbildungsstation» (ZIPAS)» am Universitätsspital Zürich, in der Lernende und Studierende aus verschiedenen Gesundheitsberufen Patient:innen unter Anleitung erfahrener Fachpersonen betreuen.

2020 – Der neue Campus steht und setzt Massstäbe
Nach sieben Jahren Planung und Bau wird das Haus Adeline Favre Ende August 2020 eingeweiht. Es ist das landesweit grösste Bildungs- und Forschungszentrum für die Gesundheitsberufe und bringt das Departement seiner Vision einer «Health University» einen Schritt näher.
Dazu gehört auch das angegliederte Therapie-, Trainings- und Beratungszentrum Thetriz, das eine Brücke zwischen Lehre, Forschung und Praxis schlägt.


Magazin «Vitamin G – für Health Professionals mit Weitblick»


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