«Wir müssen Prävention anders denken»

Community Health berücksichtigt, wie das Umfeld die Gesundheit beeinflusst. Das Konzept zeichnet sich zudem durch interdisziplinäre Kooperation und Teilhabe aus. Für die beiden Forschenden Veronika Waldboth und Michael Galatsch kann das nachhaltige Veränderungen anstossen.

von Eveline Ruth

Was spricht dafür, in der Gesundheitsversorgung nicht Einzelpersonen, sondern eine Gemeinschaft in den Blick zu nehmen? 
Michael Galatsch: Gesundheit findet nicht nur in der Hausarztpraxis oder im Spital statt. Sie wird vielmehr von Faktoren wie Wohnsituation, Einkommen, Bildung, Arbeit, soziale Beziehungen und Umweltbelastungen geprägt. Da setzt Community Health an. Der Ansatz ist zudem partizipativ. Einzelne und Gemeinschaften sollen mitgestalten.
Veronika Waldboth: Wir Menschen sind Teil von sozialen Systemen. Zuerst von der Familie, dann von weiteren Gemeinschaften. In diesen Systemen gibt es Wechselwirkungen, Kommunikation und Interaktion. Die Pflege berücksichtigt diese systemische Perspektive seit jeher. Community Health beinhaltet zusätzlich, dass mehrere Disziplinen zusammenarbeiten.

Gibt es Bereiche oder Bevölkerungsteile, die besonders von Community Health profitieren?
Galatsch: Der Ansatz ist ganzheitlich und transprofessionell. Es geht darum, umzudenken. Davon ist die gesamte Lebenswelt betroffen. 
Waldboth: Es handelt sich um ein Konzept, eine Haltung oder eine Herangehensweise. Community Health hat mit Partizipation zu tun, mit Transformation und Empowerment. Der Ansatz ist einerseits auf die ganze Bevölkerung anwendbar, wenn es um Prävention oder die Grundversorgung geht. Andererseits kann er spezifisch ausgerichtet sein, zum Beispiel auf vulnerable Gruppen. Diese fallen häufig durchs Versorgungsnetz.

Welche Bedeutung hat der Ansatz an der ZHAW?
Waldboth: Er wird in der Lehre und Forschung eingesetzt und hat auch in der Entwicklung von Mitarbeitenden und Studierenden eine grosse Wirkung. Wichtig ist, dass man eine theoretische Grundlage schafft.
Galatsch: An unserem Departement haben sich Hebammenwissenschaft, Physiotherapie, Pflege, Public Health und Ergotherapie zusammengesetzt. Im Austausch haben wir eine Leitlinie zum gemeinsamen Verständnis und zur Arbeit in der Community geschaffen. Sie wird seit 2025 angewandt. Jetzt möchten wir weitere Departemente einbeziehen.
Waldboth: Die ZHAW hat Community Health schon davor strategisch verfolgt. An unserem Institut gibt es Professuren sowie Fachgruppen zu Community Health, gemeindezentrierter Pflege und Global Health. Das Grundlagenpapier hilft nun, interdisziplinäre Projekte zu fördern und bestehende Forschungsschwerpunkte zusammenzubringen.

Welche Aufgaben kann die Pflege in einem interprofessionellen Netzwerk übernehmen? 
Waldboth: Es gibt verschiedene Rollen mit unterschiedlichen Kompetenzen. Im Projekt «G-meinsam» schauen wir mit Gemeinden, wo Bedarf besteht. Das ist charakteristisch für Community Health: Man evaluiert gemeinsam, wo es Problemstellungen gibt und wer welche Kompetenzen einbringen kann. Die ZHAW kann in der Lehre, Entwicklung und Evaluation unterstützen.
Galatsch: Solche Projekte zeigen beispielsweise, dass die Qualifikationen der Advanced Practice Nurses (APN) gefragt sind. Bei der Spitex Zürich betreuen APN komplexe Fälle. Sie arbeiten interprofessionell zusammen und übernehmen viele an Familien orientierte Aufgaben. Leider sind diese oft nicht adäquat finanziert.
Waldboth: Pflegende sind nah am Alltag und für den Menschen in seiner Ganzheit verantwortlich. Sie müssen kommunikativ stark sein und berücksichtigen, was Ärzt:innen und Therapeut:innen machen. Sie können auch vermitteln. Aktuell ist die Pflege aber mit knappen Ressourcen und Kostendruck konfrontiert.
Galatsch: Community Health findet momentan meist aus intrinsischer Motivation einzelner Gruppen statt. Der Ansatz wird nicht systematisch verfolgt. Dafür fehlt oft der politische Wille. 
Waldboth: Community Health ist herausfordernd. Man muss einander zuhören und sich auf eine andere Perspektive einlassen. Das braucht Zeit. Das Vorgehen ist aufwändiger, als klare Vorgaben zu machen. Es führt jedoch zu nachhaltigeren Resultaten.

Unsere Gesellschaft wird älter, chronische Erkrankungen nehmen zu. Kann Community Health helfen, die damit verbundenen Herausforderungen zu bewältigen?
Galatsch: Der Ansatz ist auf die Zukunft ausgerichtet. Vieles, was den demographischen Wandel angeht, betrifft die nächsten zwanzig Jahre. Und da wirken andere Konzepte zu kurzfristig und zu wenig bedürfnisorientiert. Wir müssen berücksichtigen, wie sich die Gesellschaft verändert – und das tut sie ständig. Der Bund und der Kanton Zürich gehen künftig von einer mündigeren Bevölkerung aus. Das müssen wir beachten und Prävention anders denken.

Können andere Länder da als Vorbild dienen?
Galatsch: In Skandinavien sind schulische Gesundheitsdienste strukturell verankert und niedrigschwellig erreichbar. Es gibt viele Aspekte, die man sich anschauen könnte. Wir müssen sie aber an unsere Lebensrealität anpassen. 
Waldboth: Es lohnt sich, auf Länder zu blicken, die förderliche Rahmenbedingungen haben. In Nordeuropa, Kanada und den USA sind APN-Rollen in der Grundversorgung fest verankert. Da gibt es klare Profile, Gesetze und nationale Datengrundlagen. In der Schweiz wird die APN-Stufe hoffentlich auch bald im Gesundheitsberufegesetz reglementiert. Es braucht zudem Abrechnungsmöglichkeiten für die Leistungen, die APN jetzt schon erbringen. 

Die ZHAW ist in einem Transformationsprozess zu einer Health University. Was heisst das?
Galatsch: Wir von der ZHAW schauen über den Tellerrand und wollen eine Vorreiterrolle übernehmen.  
Waldboth: Es geht um eine Veränderung, die wir mitgestalten können. Wir fühlen uns als Teil eines Netzwerks. Wir möchten vermehrt über Institutions- und Ländergrenzen hinausdenken, Kooperationen ausloten und gemeinsam weiterkommen.  

Vitamin G, S. 22-23


Michael Galatsch ist Professor für Globale (Kinder-) Gesundheit und Planetary Health. Er lehrt im Masterstudiengang und leitet Forschungsprojekte.  

Veronika Waldboth ist Professorin für familienzentrierte Pflege. Sie ist Co-Leiterin des Masterstudiengangs Pflege sowie des Bereichs Forschung und Entwicklung Pflege.


Meilensteine
2015 – Ausbau der internationalen Kooperationen
Mit der Dreiländertagung «Health Universities» positioniert sich das «G» im deutschsprachigen Raum als Kompetenzzentrum für interprofessionelle Bildung im Gesundheitswesen. Forschende aus den Bereichen Technik und Physiotherapie entwickeln zusammen mit europäischen Partnern ein flexibles Exoskelett für Menschen mit einer Gehbeeinträchtigung.

2016 – Happy Birthday – 10 Jahre «G»!
Im Jubiläumsjahr startet am Departement Gesundheit der schweizweit einzige Bachelorstudiengang in Gesundheitsförderung und Prävention. Nach zehn Jahren übergibt Gründungsdirektor Peter C. Meyer die Leitung des Departements an Andreas Gerber-Grote. Zum ersten Mal wird auch die International Winter School am Departement durchgeführt: 100 Studierende und 20 Dozierende aus elf Ländern treffen sich, um über die Berufs- und Landesgrenzen hinweg voneinander zu lernen. Das «G» zählt nun 1353 Bachelor- und 139 Masterstudierende.


Magazin «Vitamin G – für Health Professionals mit Weitblick»


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