Studien zeigen: Jede vierte Frau erlebt unter der Geburt eine Form von Zwang. Dabei liesse sich das oft vermeiden. Mit Forschung, Lehre und praxisbezogenen Projekten tragen Hebammen an der ZHAW dazu bei, Gebärende in ihrer Selbstbestimmung zu stärken.
von Alena Sibrava
Am Beispiel des Kaiserschnitts zeigt sich der enorme Wandel und Fortschritt der Medizin. Während bis Mitte des 19. Jahrhunderts nahezu jede operative Geburt tödlich endete, konnte der Kaiserschnitt durch optimierte Schnitttechniken und medizinische Errungenschaften wie Antibiotika und Transfusionsmedizin so weit perfektioniert werden, dass das Sterblichkeitsrisiko für Mütter heute in der Schweiz auf ein Rekordtief gesunken ist.
Dieser medizinische Erfolg hat jedoch auch seine Kehrseite. In den meisten industrialisierten Ländern mit gut ausgebauten Gesundheitssystemen wird heute aus Sicherheitsüberlegungen und auch wegen der Planbarkeit tendenziell zu früh und zu häufig interveniert, sei es durch Kaiserschnitte oder Geburtseinleitungen. Die Schweiz belegt im europäischen Vergleich einen Spitzenplatz: 34 Prozent der Geburten sind Kaiserschnitte, während die WHO eine Zielquote von 10 bis 15 Prozent empfiehlt. Ein Drittel der Geburten ohne geplanten Kaiserschnitt wird eingeleitet – vor zehn Jahren war es noch rund ein Viertel. Diese Entwicklungen beobachten Hebammen mit Sorge.
Heilen statt erhalten
«Unser Gesundheitssystem konzentriert sich stärker auf die Behandlung von Krankheiten als auf den Erhalt von Gesundheit», sagt Piroska Zsindely, Forscherin am Institut für Hebammenwissenschaft und reproduktive Gesundheit der ZHAW. Für die Geburtshilfe, bei der in der Regel gesunde Menschen im Fokus stehen, hat diese Haltung weitreichende Folgen. Interventionen treiben nicht nur die Kosten in die Höhe, sie können auch psychische und physische Belastungen mit sich bringen.
«Eine erste Intervention macht weitere Interventionen im Geburtsverlauf wahrscheinlicher», erklärt Isabel Widmer, ebenfalls Hebammenwissenschaftlerin an der ZHAW, und führt dies anhand eines Beispiels aus. «Wenn eine Gebärende eine Periduralanästhesie, kurz PDA, gegen die Schmerzen erhält, kann das dazu führen, dass die Wehen schwächer werden. Dann sind Medikamente nötig, um die Wehen wieder anzuregen. Dadurch kann ein Wehensturm entstehen, der wiederum behandelt werden muss.»
Neben den wirtschaftlichen und gesundheitlichen Auswirkungen kann ein hoher Interventionsgrad auch das Risiko von «Obstetric Violence» erhöhen, also Gewalt in der Geburtshilfe. Eine gross angelegte Studie mit über 6000 Teilnehmenden aus dem Jahr 2019 kam zum Ergebnis, dass jede vierte Frau während der Geburt Zwang erlebt. Das heisst, sie wird in irgendeiner Form – mental oder physisch – zu etwas gedrängt, das sie nicht will. Familien wünschen sich jedoch, bei der Geburt mitreden zu können, und dass ihre Bedürfnisse in Entscheidungen mit einbezogen werden. «Heute haben wir eher die Situation, dass die Fachperson der Gebärenden erklärt, was sie macht, und diese sagt ja», erklärt Piroska Zsindely. Es gibt also noch viel Handlungsbedarf, um den Familien mehr Gehör zu schenken, aber auch schon viele Bemühungen, um dies in Zukunft besser zu machen.
Ein gutes Beispiel hierfür ist das «TeamBirth», ein Betreuungsmodell, das in den USA und Schweden bereits in klinischen Settings angewendet wird. In der Schweiz wird es als «TeamBirth Switzerland» unter der Leitung der ZHAW demnächst bei ersten Praxispartner:innen eingeführt. Bei «TeamBirth» finden alle Absprachen gemeinsam mit der Familie statt. In sogenannten «Huddles» trifft sich das Geburtsteam mit der Gebärenden und ihrer Begleitperson in regelmässigen, zusammen definierten Abständen, um den weiteren Verlauf der Geburt zu besprechen und gemeinsam Entscheidungen zu treffen. «Alle beteiligten Personen können bei Bedarf ein ‹Huddle› einberufen, die Fachpersonen genauso wie die Gebärende oder ihre Begleitperson. Der Grundgedanke: Eltern sollen nicht nur miteinbezogen werden, sondern ihre Geburt aktiv gestalten können», sagt Isabel Widmer.
In Kliniken, in denen «TeamBirth» bereits angewendet wird, zeigt sich: Neben zufriedeneren und gesünderen Familien hat das Modell viele positive Nebeneffekte. Kaiserschnittrate und Medikalisierung sind insgesamt niedriger, die Fachpersonen sind freundlicher zueinander, weil die Kommunikation untereinander stimmt, und Spitäler profitieren von einer steigenden Nachfrage.
Das tönt gut – aber ist es im hektischen Spitalalltag auch umsetzbar? «In den USA zeigte sich, dass ‹TeamBirth› auch in Spitälern mit angespannter Personalsituation gut funktioniert hat», sagt Piroska Zsindely. So gut, dass das Modell inzwischen auch auf andere Abteilungen ausgeweitet worden sei.
Sicherheit hat viele Facetten
In den letzten Jahren sind in der Schweiz einige Geburtshäuser in Kooperation mit Spitälern entstanden, während Gebärabteilungen an Spitälern schliessen mussten. Eine Trendwende? «So weit würde ich nicht gehen», sagt Piroska Zsindely. Aber auch diese Entwicklung zeige, dass das Bedürfnis von Familien und Hebammen nach individueller Betreuung steige. «Frauen möchten in der Sicherheit des Spitals gebären, aber danach auf das ganz Individuelle zurückgehen: das Einzelzimmer, in dem auch Geschwisterkinder und Partner:innen übernachten können, und ein Versorgungsmodell, das Kontinuität zulässt und Familien ins Zentrum rückt und stärkt.»
Mit ihrer Forschung und Lehre an der ZHAW untersuchen Isabel Widmer und Piroska Zsindely solche Konzepte, entwickeln sie weiter und versuchen, sie in die Praxis zu überführen.
«Für die Zukunft wünsche ich mir, dass Frauen und ihre Partner:innen nach der Geburt sagen können: Ich fühlte mich ernst genommen, ich war gut informiert und konnte unsere Geburt mitgestalten», sagt Isabel Widmer. Und Piroska Zsindely ergänzt: «Wenn jede Frau ihren Kindern die Geschichte ihrer Geburt erzählen könnte und sich dabei gut fühlen würde, hätten wir viel erreicht.»

Isabel Widmer, Piroska Zsindely
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2022 – Neue departementsübergreifende Projekte
Das «G» beteiligt sich an departementsübergreifenden Kompetenznetzwerken: GEKONT, CYPHER und Age+. GEKONT bringt Expert:innen für Technologien im Gesundheitswesen zusammen, während CYPHER Fachpersonen aus dem Bereich «Child and Youth Public Health» vernetzt. Bei Age+ stehen Forschung und Lehre zum Schwerpunkt Angewandte Gerontologie im Zentrum. Gemeinsam mit dem ZHAW-Departement Life Sciences and Facility Management wird der Studiengang Biomedizinische Labordiagnostik aufgebaut, der 2022 startet.