Die einzige Konstante sei der Wandel, heisst es. Technologische Fortschritte bringen qualitative Verbesserungen mit sich, fordern aber laufende Anpassungen – besonders in der Bildung. Eine weitere Herausforderung: Überall wird der Mangel an Arbeitskräften beklagt, auch im Gesundheitswesen.
Berufe wie Advanced Pratice Nurses (APN) oder Physician Associates, die am Departement Gesundheit ausgebildet werden, tragen erwiesenermassen zu einer Entlastung der Ärzt:innen bei. Studien zeigen auch, dass die Versorgungsqualität bei chronisch kranken Menschen ohne komplexen Verlauf durch APNs gleich gut ist wie durch Ärzt:innen.
Im Interview sprechen Andreas Gerber-Grote, Direktor Departement Gesundheit, und Jessica Pehlke-Milde, stellvertretende Direktorin, über Fachpersonenmangel, Generationenunterschiede und nachhaltige Lösungsmodelle für das Gesundheitswesen.
«Der Fokus auf Ärzt:innen ist zu hinterfragen»
Andreas Gerber-Grote und Jessica Pehlke-Milde über Generationen, Fachpersonenmangel und nachhaltige Lösungsmodelle für das Gesundheitswesen.
von Marc Bodmer
Die letzten Babyboomer gehen nächstens in Pension. Was bedeutet das für das Gesundheitssystem?
Andreas Gerber-Grote: Quantitativ gesehen ist es eine sehr grosse Generation. Dadurch fallen auch sehr viele Arbeitskräfte weg, die in kurzer Zeit ersetzt werden müssen. Aber auch qualitativ ändert sich etwas: Die Babyboomer waren Pionier:innen, sie haben viel Neues gestartet, mussten sich einiges hart erarbeiten. Die jetzige Generation ist auch nicht auf Rosen gebettet, aber teils wurde ihnen der Weg gebahnt, beispielsweise das Doktorat für die Gesundheitsberufe.
Jessica Pehlke-Milde: Dass es in manchen Bereichen einen Mangel geben wird, ist nichts Neues – auch aufgrund der demografischen Entwicklung. Seit längerem sind verschiedene Massnahmen am Start, um das abzufedern, aber bei weitem nicht so umgesetzt, dass wir 2029 beruhigt in Pension gehen können.
Gerber-Grote: Unsere Generation war sich gewohnt, 100 Prozent zu arbeiten – jetzt haben wir eine Generation, die mehr Teilzeit wünscht Das ist nicht wertend gemeint. Aber es hat zur Folge, dass es eine grössere Zahl an Fachkräften braucht, die ausgebildet werden muss, um die freien Stellen zu besetzen. Und es braucht andere Arbeitszeitmodelle.
Wie können Lösungsmodelle aussehen?
Pehlke-Milde: Ansetzen könnte man bei der Verbesserung der Berufsverweildauer, etwa durch neue Arbeitszeitmodelle. Sowohl Ärzt:innen als auch Hebammen zeigen eine hohe Bereitschaft, den Beruf früh zu verlassen. Das führt zu weniger erfahrenen Fachpersonen, die Verbleibenden sind überlastet, werden immer unzufriedener im Beruf und steigen aus. Das ist eine Abwärtsspirale. Was fehlt, ist eine verlässliche Bedarfsplanung, eine übergeordnete Strategie und ein entsprechendes Anreizsystem, um die Versorgung im stationären und ambulanten Bereich neu zu gestalten.
Auf politischer Ebene wird auf die Ausbildung von mehr Ärzt:innen gesetzt. Macht das Sinn?
Gerber-Grote: Der Fokus auf Ärzt:innen im Gesundheitswesen ist zu hinterfragen. Das darf ich als Arzt sagen. Natürlich brauchen wir mehr Ärzt:innen, nicht zuletzt, weil sie auch Teilzeit arbeiten. Aber man muss prüfen, welche Aufgaben Ärzt:innen in der Schweiz erledigen sollen. Sollten sie nicht primär für komplexe Situationen da sein, für die sie so lange ausgebildet werden?
Was wäre die Alternative?
Gerber-Grote: Es gibt andere Berufe wie Advanced Practice Nurses (APN) oder Physician Associates (PA), die Aufgaben im administrativen Bereich bis zur Betreuung von chronisch kranken Menschen ohne komplexen Verlauf übernehmen können. Bei einer schwierigeren Situation nehmen sie Rücksprache mit den Ärzt:innen. Dahingehend sind sich eigentlich alle Expert:innen – politisch von links bis rechts – einig. Jetzt braucht es die Unterstützung von der Politik.
Oft wird argumentiert, dass die Qualität gefährdet sei.
Gerber-Grote: Die Patient:innen haben das kleinste Problem damit, von wem sie genau betreut werden. Sie merken aber, wenn sie nicht gut betreut werden. Und: Studien zeigen, dass die Qualität der Versorgung durch die APN gleich gut ist wie durch Ärzt:innen. Und wenn sich Chirurg:innen mit angemessenen Arbeitszeiten auf ihre Operationen konzentrieren können, dann werden sie noch besser.
Pehlke-Milde: Die Schweiz bildet hoch qualifizierte Gesundheitsfachpersonen aus. Diese werden aber noch zu wenig gezielt und entsprechend ihren Qualifikationen eingesetzt, so dass es zu Doppelspurigkeiten sowie Fehl-, Über- und Unterversorgung kommt. So könnten beispielsweise Hebammen eine kontinuierliche Primärversorgung während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett anbieten und entsprechend dem Bedarf gezielt die erforderliche Expertise von Fachpersonen aus Gynäkologie, Psychologie oder Sozialer Arbeit hinzuziehen.
Gerber-Grote: Es ist erwiesen, dass zum Beispiel APN bei Patient:innen mit Herzinsuffizienz in der ambulanten Pflege sehr gute Versorgung leisten. Sie können die Wiederaufnahme ins Spital unterbinden, weil sie die Symptome, die auf eine Entgleisung der Herzinsuffizienz hindeuten, frühzeitig erkennen und eingreifen können. Die APN haben auch einen guten Blick auf die soziale Situation von Patient:innen. Sie verbinden die medizinische Perspektive mit jener der Angehörigen, was wiederum zur Stabilität der Pflegesituation beiträgt.
Täuscht der Eindruck, dass mit den technischen Fortschritten auch der Anspruch ans Gesundheitssystem wächst?
Gerber-Grote: Es gibt in der Gesundheitsökonomie zwei Perspektiven dazu, wie Nachfrage entsteht: angebotsinduziert oder nachfrageinduziert. Nehmen wir beispielsweise kardiologische Interventionen wie Herzkatheter in Deutschland. Davon werden unheimlich viele gesetzt, aber die Ergebnisse sind im Vergleich zu den Niederlanden, die weit weniger Eingriffe machen, schlechter. Warum? Die «Nachfrage» ist angebotsinduziert, weil es regional viele Ärzt:innen gibt. Ein weiteres Beispiel aus Deutschland: die Mandeloperation. Es kann nicht sein, dass sich die Indikationsstellung zur Operation in benachbarten Landkreisen um den Faktor acht unterscheiden kann. Kurz: Ich habe Mühe, wenn gesagt wird, die Patient:innen wollten etwas. Sie können es in der Regel nicht beurteilen, ob ein Eingriff tatsächlich nötig ist.
Pehlke-Milde: Ähnlich sieht es bei meinem Lieblingsthema aus: Die hohen medizinischen Interventionsraten bei den «multimorbiden» Schwangeren und «alten» Erstgebärenden.
Bei diesen wird aus Sicherheitsgründen oft ein Kaiserschnitt empfohlen.
Pehlke-Milde: Grundsätzlich gilt, dass die Frauen in allen industrialisierten Ländern älter werden und sich die jüngsten Generationen oft entscheiden, später oder keine Kinder zu kriegen. Und: Seit ungefähr 20 Jahren wird behauptet, das gesundheitliche Risikoprofil der älteren Gebärenden sei verantwortlich, dass viele Geburten eingeleitet oder Kaiserschnitte durchgeführt werden müssen. Sicher steigt das Risiko für Diabetes und andere Erkrankungen mit zunehmendem Alter. Aber die 35-Jährigen haben auch Schutzfaktoren, unter anderem einen höheren sozioökonomischen Status, gesunde, ausgewogene Ernährung oder viel Bewegung. Seit Jahren belegen Studien, dass das medizinische Risikoprofil der Schwangeren und Gebärenden keine Erklärung für die vielen Eingriffe bietet. Ich sage nicht, dass es keine Herausforderungen gibt, aber ein medizinischer Eingriff ist nicht immer die geeignete Massnahme, um einer Gebärenden die erforderliche Sicherheit zu geben.
Der politische Wandel in den USA hat seinen Schatten bis in die Schweiz geworfen, Klima- und Genderthemen stehen weltweit unter Druck. Wie geht die ZHAW damit um?
Gerber-Grote: Die ZHAW hat Anfang Jahr eine Policy «ZHAW und Politik» herausgebracht und stellt sich klar hinter die Forschenden. Ich zitiere: «Wissenschaftliche Methodik und Evidenz leiten das Forschen an der ZHAW jenseits von politischen Präferenzen und ideologischen Überzeugungen, auch wenn sich Forschungsfragen aus aktuellen gesellschaftlichen Fragen entwickeln. Die ZHAW schützt die Freiheit ihrer Angehörigen, auch kontroverse oder unpopuläre Themen zu erforschen und in der Bildung zu vermitteln, solange dies nach wissenschaftlichen Standards und innerhalb rechtsstaatlicher Prinzipien geschieht.» Das deckt das Thema für mich vollkommen ab.
Pehlke-Milde: In den USA sieht die Situation leider ganz anders aus als bei uns. Die Wissenschaftler:innen sind aufgrund der vielen Kündigungen und gestrichenen Drittmittel verängstigt. Ich denke, die Schweiz ist hier sehr gut aufgestellt, diese Themen zu übernehmen – insbesondere mit dem Forschungsprogramm «Gender Medicine and Health» des Schweizer Nationalfonds. Dass da investiert wurde, müssen wir unglaublich schätzen.
Gerber-Grote: Nur weil bestimmte Themen einem frauenfeindlichen Politiker in einem fernen Land nicht passen, sollten wir unsere Werte nicht aufgeben, die auch wissenschaftlich fundiert sind. Gerade im Bereich Gendermedizin wissen wir durch wissenschaftliche Studien, dass Frauen bei der Diagnose und Behandlung des Herzinfarkts deutlich benachteiligt sind. Da brauchen wir Gendermedizin. Es geht hier um wissenschaftliche Fragen, die auch eine politische Note haben.

Prof. Dr. Jessica Pehlke-Milde
Prof. Dr. Jessica Pehlke-Milde leitet seit 2022 das Institut für Hebammenwissenschaft und reproduktive Gesundheit an der ZHAW und ist seit 2026 stellvertretende Direktorin des Departements Gesundheit. Nach ihrer Ausbildung 1987 arbeitete sie als Hebamme in Berlin und promovierte 2009 an der Charité Universitätsmedizin. Im gleichen Jahr wechselte sie an die ZHAW, seit 2011 ist sie Professorin für Hebammenwissenschaft. Von 2014 bis 2022 leitete sie die Forschungsstelle am Institut und führt nach wie vor umfangreiche Forschungsprojekte durch, insbesondere zur Transition und Inklusion rund um die Geburt.
Andreas Gerber-Grote
Prof. Dr. Andreas Gerber-Grote leitet seit 2016 das Departement Gesundheit und amtet zudem als Vize-Rektor (seit 2024) und Ressortleiter Forschung und Entwicklung der ZHAW (seit 2017). Er hat Theologie, Medizin und Gesundheitsökonomie in Deutschland und den USA studiert. Nach einigen Jahren in der Pädiatrie hat er sich an der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln in Gesundheitsökonomie und Versorgungforschung habilitiert. Von 2009 bis 2015 führte er das Ressort Gesundheitsökonomie am Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen in Köln und trieb international die Methode der Effizienzgrenze voran. Für die Gesundheitsberufe engagiert er sich in verschiedenen Fachverbänden, etwa als Präsident des Competence Network Health Workforce CNHW.
Meilensteine
2009 – Die ersten Bachelordiplome werden verliehen
Im Oktober feiern 166 Frauen und 28 Männer den Abschluss ihres Bachelorstudiums in Ergotherapie, Pflege oder Physiotherapie. Sie zählen damit zu den ersten, die in der Deutschschweiz einen Fachhochschulabschluss in einem Gesundheitsberuf erlangt haben. Parallel dazu bereitet das Departement in Kooperation mit anderen Fachhochschulen konsekutive Master-of-Science-Studiengänge in Pflege und Physiotherapie vor.
2010 – Auftakt für die Masterstudiengänge
In Kooperation mit der Berner Fachhochschule und der Fachhochschule St. Gallen treten im Herbst 39 Studierende ein Masterstudium in Pflege in Bern, St. Gallen und Winterthur an; das Masterstudium in Physiotherapie starten 25 Personen in Bern und Winterthur. Zudem feiert der Europäische Master of Science in Ergotherapie sein zehnjähriges Jubiläum an der ZHAW. Anfang Dezember findet am «G» erstmals ein Mastermodul in Ergotherapie statt.
2011 – 5 Jahre Departement Gesundheit
Das Departement Gesundheit feiert sein fünfjähriges Bestehen mit einem Jubiläumsfest und blickt zusammen mit Regierungsrat Thomas Heiniger und Gästen aus Bildung und Gesundheitswesen auf die erfolgreiche Aufbauarbeit zurück. Mit über 1250 Bachelor- und Masterstudierenden (Bachelor 1218, Master 67) wird 2011 ein neuer Höchststand erreicht: Seit der Gründung hat sich die Studierendenzahl mehr als verfünffacht.