Das Wort des Jahres 2021 – und ich mittendrin

Am 4. Dezember kürten Jurys in den vier Landesteilen die Wörter des Jahres Schweiz 2021. Irina Brandenberger, Studentin am Departement Angewandte Linguistik, weiss, was die Schweiz 2021 bewegt hat. Sie war Mitglied der deutschsprachigen Jury und hat mitdiskutiert und mitentschieden. In diesem Beitrag teilt sie ihre Gedanken zur Wahl von «Impfdurchbruch», «Starkregen» und «entfreunden».

von Irina Brandenberger, Studentin Bachelor Kommunikation

Ich sitze im Vorlesungssaal und schaue gedankenverloren dem Regen zu, der heute unaufhörlich seine Spuren hinterlässt. Kein Starkregen, denke ich mir, und schon wandern meine Gedanken zum Wort des Jahres. Vorletzten Samstag kürten Sprachprofis aus Kunst, Journalismus und Wissenschaft das Wort, das den Schweizer Diskurs 2021 am meisten geprägt hat. Eine Jury bestehend aus Sprachwissenschaftler:innen und Sprachschaffenden – und ich mittendrin. Eine junge Studentin, die gerade frisch in die Kommunikationswelt startet. Doch trotz Altersunterschied und verschiedener Erfahrungsschätze hatten alle im Raum eine grosse Gemeinsamkeit: Wir waren alle Sprachliebhaber:innen.

Die ZHAW sammelt durchs Jahr hindurch Texte, die in der Schweiz publiziert werden oder auf Social Media entstehen, und füttert damit eine Datenbank: das Korpus Swiss-AL. Im Jahr 2021 umfasste das Korpus rund 1.8 Milliarden Wörter. Im Diskurs sehr häufig auftretende Ausdrücke, neue Wortkreationen und Wörter, deren Bedeutung sich verschoben hat, kommen für das Wort des Jahres Schweiz in die engere Auswahl. Nebst der Datenbank werden auch Publikumseinsendungen berücksichtigt. Zwei Milliarden Wörter und noch ein bisschen mehr also. Aus dieser scheinbar ungreifbaren Menge sollte nun dieses eine Wort gewählt werden?

Elf Sprachköpfe und drei Wörter

Als Jury befassten wir uns mit einer engeren Auswahl von rund 100 Wörtern, bestehend aus den Top 40 aus dem Korpus Swiss-AL und den Top 60 aus den Publikumseinsendungen. In einer ersten Runde beschäftigte sich jedes Jurymitglied still und leise mit der Liste und verteilte Stimmen. Nach mehreren Runden von Stimmabgaben schrumpfte die Liste auf rund 30 Wörter, die wir genauer besprachen. Jetzt kam der für mich spannendste Teil der Wahl: Wer verbindet was mit den einzelnen Wörtern? Denn jede Person schenkt jedem Wort eine andere Bedeutung. Oft sind es ganz persönliche Bedeutungen, geformt durch Emotionen, Stilistik und Assoziationen – und darüber diskutierten wir.

Die Diskussion nahm an Fahrt auf. Es wurde für Wort-Favoriten argumentiert, ja schon fast gekämpft, und gleichzeitig wurden Gegenstimmen laut. Kurz vor Schluss fragte ich mich, wie elf Sprachköpfe sich auf nur drei Wörter einigen sollten. Mehr Platz hat das Siegertreppchen einfach nicht zu bieten. Zu meiner grossen Verwunderung fanden wir dann aber so rasch einen Konsens, dass ich das Gefühl hatte, etwas verpasst zu haben. Doch nein, wir waren uns wirklich alle einig, welche Wörter gekürt werden sollten:

1. Impfdurchbruch

Ein ungemein starkes Wort mit einem „Donner in sich“, wie Thamar Xandry aus der Jury, so schön sagte. Der Hoffnung im Frühling wich Ernüchterung im Herbst und etwas zerbrach. Es gab sinnbildlich einen Durchbruch durch die Erwartungen hindurch. Doch gleichzeitig wurde auch Raum geschaffen – und aus Vergangenem kann Neues entstehen. Und damit wachsen, ganz behutsam, neue Hoffnungen.

2. Starkregen

Den Sommer 2021 verbinde ich mit Geborgenheit und Zuflucht, mit Regenbogen und guten Büchern. Denn ich mag Regen, und was er uns nebst der Nässe sonst noch schenkt. Diesen Sommer erlebten wir oft intensiven Regen und Wettervorhersagen berichteten dannzumal von „Starkregen“: Viel Regen in wenig Zeit.

3. entfreunden

Die Impfdebatte stellt Freundschaften auf eine harte Probe. Man traut sich fast nicht zu fragen „bisch gimpft?“ und wenn doch, tun sich manchmal ungeahnte Gräben auf. Das Verb entspringt dem Button „unfollow“ von Social Media. Das Wort ist aber nicht nur durch Ernüchterung geprägt, sondern auch durch Klarheit.

Die Wahl des Wort des Jahres ist vollbracht

Nach wochenlanger Vorfreude und zwei Stunden Jurybesprechung standen die drei Wörter also fest. Jetzt wurden Jurymitwirkende von SRF interviewt und gefilmt. Nur kurze Zeit später war ich auf dem Heimweg und blickte aus dem Zug in die dunkle Landschaft und vorbeiziehenden Lichter. Ein zufriedenes Lächeln legte sich auf meine Lippen. Die Wahl des Wort des Jahres mag nicht für alle bedeutsam sein. Wie auch ein einzelner Regentropfen unbedeutend scheint. Doch nur in der Vereinigung von unzähligen Tropfen kann Starkregen entstehen. Und nur durch die Gesellschaft wird ein Wort derart geprägt, dass es sich zu küren lohnt. Die Wahl ist also ein Gemeinschaftswerk. Trotz Entfreundungen und Impfdurchbrüchen.


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