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Wort des Jahres Schweiz: eine forschungsbasierte, interaktive und mehrsprachige Wahl

Das Wort des Jahres Schweiz wird seit 2017 unter der Trägerschaft des Departements Angewandte Linguistik der ZHAW gewählt. In allen vier Landessprachen – wie es sich für die mehrsprachige Schweiz gehört. Warum das Wort des Jahres überhaupt gewählt wird und was das mit uns als Gesellschaft und mit Angewandter Linguistik zu tun hat, erklären die Projektleitenden Daniel Perrin und Marlies Whitehouse.

von Christa Stocker, Verantwortliche Wissenschaftskommunikation am Departement Angewandte Linguistik

Die Schweiz ist mehrsprachig. Darum wird das Wort des Jahres Schweiz seit 2019 für alle vier Landessprachen gewählt. Aber wozu braucht es eigentlich ein Wort des Jahres Schweiz? Und: Was sagt dieses über die Schweiz aus?

Die Sprache ist ein Spiegel der Welt. Wenn man den Sprachgebrauch in einem Jahr systematisch analysiert, wie man das mit den Methoden der Angewandten Linguistik tut, findet man über die Wörter die Themen, die die Gesellschaft in diesem Jahr bewegt haben. Das Wort des Jahres gibt also einen Hinweis darauf, was für die Schweiz besonders, wichtig, neu, unerwartet war.

Wozu ein Wort des Jahres Schweiz?

Es reicht nicht, dass jeder Sprachraum für sich ein Wort des Jahres kürt. Denn: „Dass über die Landesgrenzen hinweg ein deutscher, französischer oder italienischer Sprachraum besteht, heisst nicht, dass es darin nur eine Kultur gibt“, so der strategische Leiter des Projekts, Daniel Perrin. Kulturell gesehen ist die Romandie nicht gleich Frankreich, das Tessin nicht gleich Italien und die Deutschschweiz nicht gleich Deutschland oder Österreich. Wenn man also etwas über die Schweiz erfahren will, braucht es ein Wort des Jahres auch für die Schweiz.

Daniel Perrin: „Wir haben immer wieder gesehen, dass in der Schweiz ein Wort in einer Landessprache sehr nahe Entsprechungen in den anderen Landessprachen hat. Es gibt einen schweizerischen Diskurs – sprachraumübergreifend. Uns beschäftigen andere Themen, Rahmungen, andere Aspekte als Deutschland, Frankreich, Italien. Dadurch bieten sich in der Schweiz oft ganz andere Begriffe als Wörter des Jahres an als in den Nachbarländern, in denen dieselbe Sprache gesprochen wird.“ Die Sprachen in der Schweiz greifen im öffentlichen Diskurs ineinander. So erstaunt nicht, dass die vier Jurys unabhängig voneinander oftmals auf sehr ähnliche Ergebnisse kommen, wie Marlies Whitehouse, Leiterin der deutschsprachigen Jury, weiss. Der gemeinsame schweizerische Diskurs spiegelt sich damit auch in den Wörtern des Jahres.

Warum am Departement Angewandte Linguistik der ZHAW?

In der Sprache spiegeln sich die Bewegungen in der Gesellschaft. Die Wörter zeigen, welche Themen in einem Jahr wichtig sind, diskutiert werden und allenfalls umstritten sind. „Die Wahl des Wort des Jahres ist ein Anwendungsfeld für die Korpuslinguistik“, so Daniel Perrin. „Das Departement hatte zuvor die Korpuslinguistik ausgebaut und hatte mit dem mehrsprachigen Textkorpus Swiss-AL das ideale Tool für die Bestimmung des Wortes des Jahres. So sagte ich „Ja“, als ich gefragt wurde, ob das Departement die Trägerschaft für das Wort des Jahres Schweiz übernehmen wolle. Am Beispiel des Wort des Jahres können wir der Öffentlichkeit zeigen, was es heisst, ein Korpus zu analysieren und daraus abzuleiten, wie Diskurse laufen, wie sich Sprache verändert.“ Er führt weiter aus: „Die Wahl des Wort des Jahres am Departement Angewandte Linguistik ist eine spielerische Anwendung der Angewandten Linguistik, sozusagen ein Nebenprodukt der korpus- und diskurslinguistischen Forschung.“

Die „harte“ linguistische Arbeit steckt das Departement z.B. in die Erforschung der Energiediskurse in der Schweiz, der Diskurse zu Antibiotikaresistenzen oder ganz aktuell der Covid-19-Diskurse.

Mit linguistischen Analysen lasse sich zeigen, wie Meinungen und gesellschaftliches Verständnis entstünden, aber auch, wie es zu Missverständnissen komme und wie von verschiedenen Akteuren politisch Druck gemacht werde – kurz: wie in den verschiedenen Sprachräumen öffentliche Meinung gemacht werde, so Perrin. Marlies Whitehouse verweist zudem auf den diagnostischen Wert der Angewandten Linguistik: „An Sprache können wir zeigen, wo die Probleme liegen, was die Bevölkerung bewegt und wo man intervenieren sollte.“

Welche Wörter können „Wort des Jahres“ werden?

Die beiden Projektleitenden sind sich einig: Die Wörter, die schliesslich gewählt werden, sind nicht unumstritten. Sie können Anlass sein zu kontroversen Diskussionen – wie die gesellschaftlichen Entwicklungen, die sie in Sprache fassen.

Ausgewählt werden sie in einem europaweit einmaligen, dreistufigen Verfahren:

  1. Mithilfe der Korpuslinguistik wird pro Landessprache eine Liste von Wörtern erstellt, deren Bedeutung sich im laufenden Jahr verschoben hat, die neu aufgekommen sind und/oder die besonders häufig verwendet wurden.
  2. Die Öffentlichkeit wird aufgerufen, Vorschläge einzusenden (per E-Mail, über Social Media oder die SRG).
  3. Sprachschaffende aus den vier Sprachräumen bringen für ihre Muttersprache Vorschläge ein.

Daraus wird eine Basisliste mit etwa 70 Wörtern zusammengestellt, aus der die vier unabhängigen Jurys für jeden Sprachraum je drei Wörter des Jahres küren. Daniel Perrin zur Auswahl: „Jedes der drei Wörter ist für die Jury subjektiv wichtig und im Korpus als relevant nachweisbar, auch wenn es – absolut gesehen – vielleicht noch nicht sehr häufig, dafür aber neu und in der Verwendung sprunghaft angestiegen ist.“ Dies war bei #metoo (2017, Deutsch, 1. Rang) und auch bei infox (2018; Französisch, 3. Rang ) der Fall. Daniel Perrin: „Es sind Wörter, die den Diskurs befeuern, die in der Sache stark umstritten sind.“

Die Wörter des Jahres Schweiz seit 2017

Rückblick und Ausblick

Auf die Frage nach einer Prognose für 2020 meint Marlies Whitehouse: „Es werden nicht drei Wörter aus demselben Bereich sein. Der Diskurs soll in seiner Breite abgebildet werden, soweit das mit drei Wörtern möglich ist,“ und ergänzt: „Es wird nicht Corona, Corona und Corona sein, sondern es wird sicher auch etwas Politisches vertreten sein und etwas Kulturelles. Die Wörter sollen sich ergänzen.“ So wie beispielsweise die Wörter des Jahres 2018 Doppeladler, Rahmenabkommen und weglachen, die sie zur Illustration nennt. Auf die Frage, ob sie im Rückblick auch schon anders abgestimmt hätte, meint sie überzeugt: „Es waren die richtigen Wörter. Es sind alles Wörter, die es verdient haben, gewählt zu werden.“ Und sie ergänzt: “In den Jurys werden harte Diskussionen geführt, bis man zu einer einstimmigen Wahl kommt.“ Das spricht für das konsequent mehrsprachige Projekt und das mehrstufige Verfahren.

Was werden die Wörter des Jahres 2020 über den Diskurs in der Schweiz aussagen – wissenschaftlich abgestützt und mit sprachlicher Intuition, rückschauend und vorausschauend? Lassen wir uns überraschen. Am 8. Dezember wissen wir mehr.

Welches Wort hat Sie in diesem Jahr bewegt? Reichen Sie Ihr Wort des Jahres 2020 ein!


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