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«Grüezi Schwiiz» – Kulturelle Beobachtungen einer Gaststudentin aus China

Die Germanistikstudentin Hasel Chin aus China studierte 2018/2019 als Gaststudentin im Bachelor Angewandte Sprachen und verfasste ihre Masterarbeit in Digital Linguistics. Dabei lernte sie nicht nur viel über die deutsche Sprache und über die Linguistik, sondern auch über das Leben in der Schweiz. In ihrem Gastbeitrag teilt sie kulturelle Beobachtungen und erzählt, wie man in China ein Zimmer mietet, wie sie sich trotz Schweizerdeutsch verständigen konnte und wie anders SchweizerInnen 2019 Party machten oder sich begrüssten.

von Hasel Chin, Gaststudentin am Departement Angewandte Linguistik

Ich begann erst in der letzten Woche vor der Abfahrt nach einer Unterkunft in der Schweiz zu suchen, da ich ein kleines Problem mit meinem Visum hatte. Es wurde keine Unterkunft im Studentenwohnheim angeboten. Deswegen musste ich selbst ein Zimmer in Winterthur suchen und mieten. Es war schwer, denn ich war noch in China und musste alles via E-Mail und Skype machen. Das ist unvorstellbar bei uns in China. Wir mieten und vermieten die Wohnung immer durch eine Immobilienvermittlung, um mögliche Sicherheitsprobleme zu vermeiden. Selten kontaktieren wir den Vermieter direkt.

Wohnungsbesichtigung über Skype – erste kulturelle Unterschiede

Ich hatte Glück bei der Wohnungssuche. Nach ein paar Absagen erhielt ich drei Einladungen zur Wohnungsbesichtigung. Leider konnte ich das Zimmer auch nicht besichtigen, da ich noch in China war. Glücklicherweise war einer der Vermieter so nett, dass er mir die ganze Wohnung über Skype gezeigt hat. Ich bin mit dem WG-Zimmer jetzt auch sehr zufrieden. Ich habe mich für dieses Zimmer entschieden und dem Vermieter meine Entscheidung per E-Mail mitgeteilt. Er war einverstanden, das Zimmer an mich zu vermieten. Er zog die Anzeige zurück, ohne dass wir einen offiziellen Mietvertrag unterzeichneten. Wir haben beide ein Risiko auf uns genommen, denn eine solche mündliche Vereinbarung ist heikel: Wäre ich nicht in die Schweiz gekommen, hätte der Vermieter erneut einen Mieter finden müssen; hätte der Vermieter seine Meinung geändert, hätte ich in einem Hotel übernachten müssen, bis ich eine Wohnung gefunden hätte. Die Wohnungssuche hat somit fast auf blindem Vertrauen beruht. Zum Glück hat alles gut geklappt.

Hasel Chin, Gaststudentin aus China, auf einer Brücke. Im Hintergrund ein Schloss vor blauem Himmel.
Hasel Chin, Gaststudentin aus China, auf Entdeckungstour in Paris.

Die Einheimischen sind warmherzig und hilfsbereit

Die meisten Menschen, die ich bisher getroffen und kennengelernt habe, sind sehr nett und freundlich zu mir. Als ich in der Schweiz ankam, stiess ich auf grosse Schwierigkeiten bei der mündlichen Kommunikation mit den Einheimischen. Ich verstand nur sehr wenig Schweizerdeutsch, auch wenn die Menschen Hochdeutsch sprachen, war es für mich unmöglich, alles zu erfassen. Aber die meisten Leute zeigten Toleranz und Verständnis. Sie waren bereit, ihre Worte langsam zu wiederholen oder auf Englisch zu erklären, was die Kommunikation erleichterte.

Das Gefühl der Nervosität und Angst, dass ich am Anfang hatte, verschwand rasch. Die Leute sind warmherzig und jederzeit bereit anderen zu helfen. Sie halten die Bustür für diejenigen auf, die zu spät kommen und denselben Bus nehmen wollen. Sie zeigen Fremden den Weg, wenn sie sich in der Stadt nicht gut auskennen, oder sie lassen einen Schlitten fahren… Etwas Herziges ist mir passiert, als ich und meine Kollegin einen Ausflug auf die Rigi machten. Es war im Winter, nachdem wir am Gipfel den malerischen Sonnenuntergang genossen hatten. Es war schon sehr spät und der letzte Zug fuhr in ca. 10 Minuten ab. Wir waren jedoch mehr als 15 Minuten zu Fuss von der Zugstation entfernt und wegen dem Schnee konnten wir nicht schnell laufen. Ein Ehepaar, das mit einem Schlitten unterwegs war, sah uns und bot uns eine Fahrt mit dem Schlitten zur Station an. Wir haben nicht nur den Zug erreicht, sondern sind auch zum ersten Mal Schlitten gefahren. Wir waren ihnen für die Hilfe sehr dankbar.

Ab und zu kam es auch vor, dass ich von den Leuten komisch angesehen wurde, weil ich als Ausländerin ein wenig aus der Menge heraussteche. Manchmal sprachen Menschen mich einfach auf der Strasse an und redeten über Politik oder Gesellschaft. Aber sie waren alle höflich und freundlich. Ich freue mich auch, dass Leute sich für mein Heimatland interessieren.

Wie SchweizerInnen Party machen

Leider war ich nur auf sehr wenigen Parties in der Schweiz, deswegen habe ich auch nur eine kleine Ahnung, wie eine solche Party abläuft. Aber einige Parties auf denen ich war, waren ziemlich anders als chinesische Parties. Der chinesische „Partyablauf“ sieht folgendermassen aus: Die Studierenden treffen sich um ca.18 Uhr zum gemeinsamen Essen, sehr häufig zum sogenannten „Hot Pot“, dem chinesischen Fondue. Um 20 Uhr geht es dann in eine Karaoke-Bar, hier singen wir chinesischen Rock-Pop und auch internationale Lieder, denn Karaoke ist eine der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen der Chinesen. Wir feiern ohne Drogen, aber wir trinken schon viel. Nur die Allerwenigsten rauchen.

Auf einer Party in der Schweiz haben wir zu Hause gemeinsam das Essen vorbereitet und erst um ca. 20 Uhr war das Essen fertig und dann begann die Party. Während dem Essen stand die Unterhaltung im Mittelpunkt. Die Kommunikation miteinander hat hier einen grossen Stellenwert. Dabei spielt die Musik auch eine wichtige Rolle. Beim Kochen und Essen wird durchaus Musik gespielt. Meine Vermutung ist, dass die Schweizer damit die Stille während des Gesprächs vermeiden wollen – bei uns in China läuft normalerweise der Fernseher. Das Abendessen hat bis um 22 Uhr gedauert. Nachdem alle ihre Getränke getrunken haben, sind wir zu einer Bar gegangen und dort tranken wir weiter. Gegen Mitternacht war ich schon ein wenig müde und dachte, dass es das Ende der Party war. Wir sind aber direkt von der Bar zu einem Nachtklub gegangen. Wir haben die ganze Nacht gefeiert.

Sicherheit

Studierende in der Hochschubibliothek der ZHAW

Vor der Abreise habe ich bereits von der niedrigen Kriminalitätsrate der Schweiz gehört. Das hat für mich viele Vorteile: Ich fühle mich sicher, auch wenn ich alleine in der Nacht unterwegs bin. Es gibt keine Sicherheitskontrolle am Bahnhof; ich kann meinen Laptop in der Bibliothek lassen und essen gehen, ohne mir Sorgen machen zu müssen. Bei uns in der Wohnung müssen wir die Tür beim Schlafen nicht abschliessen. Als alleinreisende Frau kann ich sicher und angenehm durch das ganze Land reisen. Ich muss meine Tasche oder meine Gepäckstücke auch nicht immer im Auge behalten.

«Grüezi» – «schönen Abend» – «bis bald»

In der westlichen Kultur umarmen und küssen sich die Leute bei der Begrüssung (oder taten dies zumindest vor der Corona-Pandemie), während wir uns in China normalerweise mit einem Händeruck begrüssen. Ältere Frauen oder Menschen mit einer höheren sozialen Position wie z. B. ChefInnen, LeiterInnen, LehrerInnen geben zuerst die Hand. Ansonsten sind Augenkontakt und ein Lächeln auch genug. Viele chinesische Frauen umarmen ihre guten FreundInnen beim Begrüssen, aber das ist von Person zu Person unterschiedlich.

Am Anfang war die westliche Begrüssung für mich ein wenig ungewohnt, denn ich umarme nur meine Familie und meine besten FreundInnen zur Begrüssung und zur Verabschiedung. Aber ich habe mich schnell daran gewöhnt und lerne auch diese herzliche und warme Begrüssung zu schätzen. Was das Küssen betrifft: Wir küssen uns nicht zur Begrüssung und Verabschiedung. Ich habe jedoch das Gefühl, dass Küssen auch nicht so üblich ist in der Schweiz. Ich habe nur einmal jemanden zur Verabschiedung geküsst. Ich war ein wenig verlegen, denn ich wusste nicht, wie ich den Kopf drehen sollte und wie viele Wangenküsse es zur Verabschiedung gibt.

Die Begrüssungs- und Verabschiedungsfloskeln waren für mich am Anfang auch etwas Ungewöhnliches, beispielsweise an der Kasse im Supermarkt. Die KassiererInnen begrüssen die Kunden mit «Grüezi» und verabschieden sich mit „schönen Tag“ oder „schönes Wochenende“. So etwas passiert bei uns fast nie. An der Kasse in China scannen die KassiererInnen alle Waren und die KundInnen bezahlen schweigend. Manchmal sehen die KassiererInnen ihre KundenInnen nicht an. Das ist aber nur ihr Arbeitsstil. Sekunden vor der Ankunft der KundenInnen unterhalten sich die KassiererInnen, sie sehen ganz glücklich aus. Sobald sie mit dem Scannen beginnen, schweigen sie sofort.

Als ich mich am Anfang von meinen Schweizer Kollegen und Kolleginnen verabschiedete, war die Verabschiedungsfloskeln auch eine kleine Überraschung für mich. Meine lieben Kollegen und Kolleginnen haben mir so viel nette Worte und Wünsche gesagt, wie z. B. „Schönen Abend“, „Fahr gut nach Hause“, „Schöne Ferien“, „Gute Reise“, „Hat mich gefreut, dass du gekommen bist “, „Vielen Dank für das Essen“ usw. Dennoch wusste ich nicht, wie ich richtig reagieren sollte, denn bei uns ist „Tschüss“ oder „Bis bald“ genug. Langsam habe ich ein paar Floskeln aufgeschnappt, kulturelle Beobachtungen der Schweiz angenommen, so dass ich mich jetzt auch richtig verabschieden kann.


Informationshinweis zur Ausbildung zum International-Account-Manager/in an der ZHAW

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Im Bachelor Angewandte Sprachen bildet das IUED Institut für Übersetzen und Dolmetschen Sprachinteressierte zu Sprach- und Kommunikationsprofis aus, die sich souverän zwischen Sprachen, Kulturen und Domänen bewegen. Das Studium mit den Vertiefungen Mehrsprachige Kommunikation, Multimodale Kommunikation und Fachkommunikation und Informationsdesign (bisher: Technikkommunikation) qualifiziert für eine Tätigkeit im mehrsprachigen Projekt-, Event- oder Informationsmanagement, in verschiedenartigen Übersetzungskontexten oder in der Technischen Dokumentation an der Schnittstelle zwischen Mensch und Technik.

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Ein Kommentar

  1. Maura Maura

    So ein toller Beitrag! Selten wird einem bewusst, wie „eiget“ die eigene Kultur ja doch ist, wie beim Kontakt mit Austauschstudierenden. Ich mag mich noch gut und gerne an Hasel erinnern.

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