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Einblicke in den neuen Studiengang «Sprachliche Integration»

Mariarosina Natale ist neu an der ZHAW Angewandte Linguistik. Seit September 2020 gehört sie zu den ersten Studierenden im Bachelor Sprachliche Integration. Die Euphorie über neue Fächer und KommilitonInnen wich kurz der Ernüchterung. Alles kam irgendwie anders, vor allem ist vieles digital: virtuelle Lounges statt Klassenzimmer und Mensa. Dieser Beitrag berichtet über einen holprigen Studienstart zu Pandemiezeiten, aber auch über die Notwendigkeit eines Studiengangs und dem Anliegen einer jungen Frau mehr Verständnis für Menschen mit Migrationshintergrund zu schaffen.

von Mariarosina Natale, Studentin Bachelor Sprachliche Integration; aufgezeichnet von Stefanie Krüsi Kommunikationsverantwortliche ILC Institut of Language Competence

Das erste Semester war spannend, herausfordernd und bot viele Einblicke in die Bereiche Linguistik, Didaktik, Praxis, Kontexte und ins wissenschaftliche Arbeiten. Der Stundenplan war vollgepackt mit insgesamt zehn unterschiedlichen Modulen, die sich übergreifend ergänzen.

Sprache als Schlüsselkompetenz

Das Beherrschen einer Sprache bringt in beruflicher wie auch gesellschaftlicher Hinsicht sehr viele Vorteile mit sich. Dieses Bewusstsein, das ich durch meinen eigenen Migrationshintergrund erlangt habe, war mein Beweggrund für die Wahl dieses Studiengangs. Mein Vater kam vor 33 Jahren in die Schweiz und war hier als Saisonarbeiter tätig. Obwohl er immer wieder Sprachkurse besuchte, hat er den Anschluss nie richtig gefunden. Denn nach neun Monaten wurde er jeweils wieder zurück nach Italien geschickt. Erst drei Monate später durfte er wieder in die Schweiz einreisen. Für Saisonniers gab es damals keine entsprechenden Kurse, wo die Deutschlernenden auf ihrem Wissensstand abgeholt wurden. Er hatte deshalb grosse Mühe, sich immer wieder zu motivieren, um die Sprache einigermassen zu lernen.

Arabisch lernen im Bachelor Sprachliche Integration
Im Bachelor Sprachliche Integration haben die Studierenden die Möglichkeit, Arabisch zu lernen


Der neue Studiengang Sprachliche Integration

Vor dem ersten Studientag war ich – trotz grosser Motivation und Vorfreude – sehr aufgeregt. Nicht nur für die Studierenden, sondern auch für die Dozierenden war alles neu, weil der Studiengang erstmals so durchgeführt wird. Die Dozierenden sind stets sehr bemüht, unsere Feedbacks abzuholen und diese umzusetzen. Gegen Ende des Semesters machte sich dann aber auch etwas Unruhe spürbar: Das Thema Prüfungen und Leistungsnachweise wurde immer konkreter und so kamen auch mehr Fragen auf. Vielleicht hätte es geholfen, wenn wir uns mehr vor Ort hätten treffen können. Doch wegen der Pandemie war das kaum mehr möglich.

Virtuelle Lounges statt Klassenzimmer und Mensa

Zu Beginn des Semesters hatten wir noch abwechselnd Fern- und Präsenzunterricht und durften einige Unterrichtsstunden vor Ort in einem Klassenzimmer geniessen. Seit Anfang November lief alles über Fernunterricht. Zuerst dachte ich, dass dies gut zu meistern sei. Schliesslich hatten wir schon etwas Erfahrung mit virtuellem Unterricht. Doch bereits zwei Wochen später merkte ich, dass mir die Situation zu schaffen machte. Es fiel mir schwerer, mich zu Hause lange zu konzentrieren und mich nicht ablenken zu lassen. Auch die Ungewissheit, wie lange diese Situation anhalten würde, bereitete mir Mühe. Doch am meisten fehlte mir der Austausch mit meinen Mitstudierenden. In der Pause spontan eine Frage zu stellen oder über Privates zu quatschen, war plötzlich nicht mehr möglich. Wir wussten uns zum Glück weiterzuhelfen. Und Dozierende boten uns die Möglichkeit, online in Gruppen zu arbeiten oder richteten eine Lounge ein, wo wir uns über die Studieninhalte austauschen konnten.

Den Tränen nah wegen einer Semesterarbeit

Im Rahmen des Moduls Migrationsbiografien durften wir ein Interview mit einer Person mit Migrationshintergrund durchführen. Ich entschied mich für meinen Vater. Auf die Frage «Was bedeutet Integration für dich?» und «Wer ist integriert?» bekam ich eine emotionale Antwort: «Hundertprozent integriert bist du nie. Weil irgendwann kommt immer einer und sagt: ‹Ach ja du bist Italiener.› Auch wenn du schon seit vielen Jahren in der Schweiz bist, bleibst du für viele immer ein Ausländer.» Meinen Vater den Tränen nahe zu sehen, hat mich in der Wahl meines Studiengangs nochmals bestätigt.

Studentin mit igrem Vater zu seinem Geburtstag
Mariarosina mit ihrem Vater an seinem Geburtstag

Verständnis schaffen für Menschen mit Migrationshintergrund

Nun bin ich mitten in der Prüfungsvorbereitung und kann sagen, dass mir die Notwendigkeit dieses Studiengangs nach nur einem Semester noch viel bewusster geworden ist. Trotz einiger Umstellungen, die viel Flexibilität verlangt haben, war das Semester sehr lehrreich und ich würde das Studium wieder wählen – sei es nun für meinen Vater oder um das Verständnis für Menschen mit Migrationshintergrund zu stärken. Ich bin gespannt auf die weiteren Semester und hoffe sehr, dass das Studium meinen Vater nicht nochmals zum Weinen bringt. Das hat mich sehr bewegt.



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