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Kulinarische Reise durch die chilenische Arbeitswelt

Im Herbst 2019 hat sich Nicole Reis für ein Praktikum nach Chile gewagt, was mit Blick zurück von ihr ganz schön viel Mut gebraucht hat. Während ihres Praktikums stand Chile Kopf und es wurde der Ausnahmezustand verhängt. In ihrem Beitrag wagt sie jetzt einen Vergleich –zwischen der chilenischen Chorrillana und der chilenischen Gesellschaft.

von Nicole Reis, Studentin Bachelor Angewandte Sprachen

Die Chorrillana ist ein typisches chilenisches Gericht, bei dem es sich um die perfekte Kombination von Kartoffeln, Fleisch, Spiegeleiern und Zwiebeln handelt. Es ist ein vielschichtiges Gericht – der chilenischen Kultur gleich. Die Basis der Chorrillana sind Bratkartoffeln oder Pommes. Die Basis einer Kultur sind Menschen. In der chilenischen Kultur gibt es neben den typisch dunkelhaarigen, braunäugigen Chilenen noch verschiedene Facetten mehr kennen zu lernen, wie z.B. die Mapuche, dunkelhäutige Menschen mit glänzendem, schwarzem Haar und rundem Gesicht. Es ist das einzige indigene Volk, das die Spanier niemals besiegten.

Chiles Wirtschaft: die Pommes sind nicht alle gleich dick

Chile geniesst den Ruf, die stabilste Wirtschaft Südamerikas zu haben, mit funktionierendem Nahverkehr und geringer Inflationsrate. Doch wem es gelingt, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen, stellt schnell fest, dass die Pommes nicht für alle gleich dick sind. Rund 1% der Bevölkerung verfügt über ca. 30% des Reichtums. Diejenigen, die sich dem Wohle der Gesellschaft widmen, wie Polizisten, Lehrer und Pflegepersonal, verdienen einen Bruchteil eines europäischen Lohnes, bei Lebenskosten, die ähnlich hoch sind wie die unseren. Der soziale Graben wird vor allem beim Bildungssystem sichtbar. Staatliche Schulen sind bezahlbar, doch auch mit Bestnoten bleibt vielen der Weg zu gutbezahlten Jobs verwehrt, denn wichtiger als die schulische Leistung ist der Name der besuchten Privatschule und Universität.

Expat-Erfahrung: ein herzhaftes Stück Schweinefleisch

Santiago ist das Herz des Landes. Als Expat fühlte ich mich hier wie die herzhaften Stücke Schweinefleisch der Chorrillana, verteilt zwischen den Pommes – irgendwie zugehörig und doch nicht gleich. Während meines Praktikums betreute ich englisch- und deutschsprachige Austausch-SchülerInnen und Reisende. Meine Aufgaben waren vielfältig. Ich vermittelte Sprachkurse, professionelle Praktika und Work & Travel-Jobs. Ich erstellte Offerten für Mietautos, buchte Flüge und reservierte Hotelübernachtungen. Für die Kunden hält die Homepage meiner Praktikumsunternehmung eine umfangreiche Sammlung Informationen bereit. Ich übersetzte Artikel und Beiträge zu zahlreichen Destinationen und verfasste neue Posts für den unternehmenseigenen Blog.

Nicole Reis im Nationalpark Torres del Paine
Nicole Reis im Nationalpark Torres del Paine

Im Ausnahmezustand

Meine Erlebnisse in Santiago waren süss und pikant, genauso wie die karamellisierten Zwiebeln, die über den saftigen Fleischstücken aufgestapelt werden. Die grosse Anzahl gering Verdienender schloss sich eines Abends zusammen und teilte der Regierung und bald der ganzen Welt mit, dass das Land mit seiner Vorzeigewirtschaft eben nicht für alle gleich dicke Pommes frittiert. Innert Stunden eskalierte die Situation in der Metropole dermassen, dass am Folgetag eine Ausgangssperre verhängt wurde und das Militär mit Panzern auffuhr. Beim Verlassen des Gebäudes erwarteten mich morgens Soldaten und auf dem Arbeitsweg rollten die gepanzerten Fahrzeuge der Polizei an mir vorbei. Auf dem Rückweg musste ich an der Hausecke den richtigen Moment abwarten, um zwischen zwei Wolken Tränengas zurück ins Haus zu gelangen. Ich fühlte mich über Wochen äusserst angespannt, denn ich wusste nie, was als nächstes passieren würde. Es versteht sich von selbst, dass die Nachfrage nach Sprachkursen wie eine glitschige Zwiebel von der Gabel rutschte.

Die Situation beruhigte sich, als Weihnachten nahte, denn das Zusammensein mit der Familie hat einen hohen Stellenwert in Chile. Wie das Eigelb des Spiegeleis, das den krönenden Abschluss der Chorrillana bildet.

Nicole Reis vor dem Perito Moreno Gletscher.
Ausflug zum Perito Moreno Gletscher

Während meines Praktikums in Chile habe ich einen absoluten Ausnahmezustand miterlebt. Das war alles andere als ein positives Erlebnis. Doch hat mich mein Praktikum persönlich wachsen lassen und mir wieder einmal gezeigt, dass unsere Schweiz eine kleine Insel ist, auf der ich viele Dinge neu wertschätzen kann. Mein Praktikum in Chile war teilweise so schwierig, wie das angefutterte Fett wieder weg zu trainieren und doch so gut, wie eben nur ein Teller Chorrillana sein kann.

Dies ist einer von fünf prämierten Blogbeiträgen aus dem Herbstsemester 2019 des Bachelor Angewandte Sprachen.


Weitere Praktikumsberichte


Im Bachelor Angewandte Sprachen bildet das IUED Institut für Übersetzen und Dolmetschen Sprachinteressierte zu Sprach- und Kommunikationsprofis aus, die sich souverän zwischen Sprachen, Kulturen und Domänen bewegen können. Das Studium qualifiziert für eine Tätigkeit im mehrsprachigen Projekt-, Event- und Informationsmanagement, in verschiedenartigen Übersetzungskontexten oder in der Technikkommunikation an der Schnittstelle zwischen Mensch und Technik.

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