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Unterwegs durch die Newslandschaft einer Digital Native

Ein zentraler Teil der aktuellen ZHAW-Studie rund um den Nachrichtenkonsum von Jugendlichen in der Schweiz ist das Medientagebuch: Studienteilnehmende dokumentieren zwei Wochen lang ihren Nachrichtenkonsum mit Hilfe einer App. Alex, 16 Jahre alt, hat an der Studie teilgenommen. Der Blogbeitrag gibt einen Einblick in ihre News-Welt.

Von Valery Wyss, Wissenschaftliche Assistentin im Forschungsschwerpunkt Medienlinguistik am IAM Institut für Angewandte Medienwissenschaft

Während Alex sich nach der Fokusgruppenbefragung auf den Heimweg macht, geht sie den Auftrag im Kopf nochmal durch. Im Zug inspiziert sie die Tagebuch-App auf ihrem Smartphone und nimmt sich vor, wirklich alles detailliert zu dokumentieren, was sie als Nachrichten wahrnimmt und konsumiert. Sie möchte sich keinesfalls blamieren, wenn ihr beim retrospektiven Interview spezifische Fragen zu den Einträgen gestellt werden. 

Eine Push-Nachricht erscheint auf dem Screen und verdeckt die Teilnahmeinstruktionen. Alex klickt drauf und gelangt auf einen Instagram-Post. Schmunzelnd betrachtet sie das Meme eines Influencers. Sie mag politische Satire. Wenn sie schon auf Instagram ist, wirft sie gleich einen Blick auf die Privatnachrichten. Ein Freund hat ihr einen Link geschickt. Sie klickt ihn an und landet auf der SRF-Sport-App. Na super, schon wieder Fussballresultate. Hat er keine anderen News? Genervt schliesst sie die App und schreibt ihrer Freundin auf WhatsApp. Diese schickt ihr ein YouTube Video zu einer Klimademo, mit ziemlich emotionalen Szenen. Das interessiert Alex schon mehr. Sie sucht auf Google nach weiteren Informationen dazu, überfliegt ein paar Headlines und schaut sich die Bilder an. Bei einem Artikel bleibt sie hängen, hat jedoch Mühe, ihn gänzlich zu verstehen. Vielleicht sollte sie die SRF-News-App doch herunterladen? Da war doch dieser ältere Junge in der Fokusgruppe, der immer wieder betonte, dass er ein überzeugter Fan dieser App sei und sie als Hauptnachrichtenquelle nutze.

Plötzlich erscheint das Foto ihrer Mutter auf dem Screen. Alex nimmt den Anruf an und stoppt das Vibrieren des Smartphones. Ihre Mutter fragt besorgt, wo sie denn sei, und ob sie die Sturmwarnung nicht mitgekriegt habe. Alex versichert, dass sie von der Wetter-App schon am Morgen vor dem Sturm gewarnt wurde und laut Google Maps bald zu Hause sein werde. Um die restliche Fahrzeit zu überbrücken, öffnet sie die 20Minuten-App und überfliegt ein paar kürzere Artikel. So viel Negatives! Können die Medien nicht zur Abwechslung mal über die schönen, humorvollen und faszinierenden Dinge des Lebens berichten? Leicht betrübt wechselt Alex auf Snapchat und amüsiert sich über die neusten Promi-Schlagzeilen.

Beim Aussteigen denkt sie, dass es eigentlich eine App bräuchte, auf der man die Themen auswählen könnte, je nach Stimmung und Interesse. Filterbubble hin oder her. Das würde sie viel weniger frustrieren! Diese ganze Informationsflut kann manchmal schon überfordernd sein. Wie soll man da noch die Themen finden, die einen wirklich betreffen und interessieren? So eine simple App mit Bildern, kurzen Videos und Texteinblendungen, die das Wichtigste zusammenfasst. Das wäre doch was.

Zu Hause legt Papa ihr seine abonnierte Zeitung auf den Schreibtisch und meint, dass dort ein spannender Artikel zu ihrem aktuellen Referatsthema drin sei. «Ach du meine Güte, Nachrichten!». Sofort macht sie ein Foto der Zeitung und postet es in der Tagebuch-App. Sie liest den Artikel und notiert ihre Eindrücke, anhand vorgefasster Fragen. «Der Artikel hinterlässt einen faktenbasierten und vertrauenswürdigen Eindruck». Wie konsumiert? «Teilweise gelesen». Warum gelesen? «Interesse, und um zu wissen, worüber so gesprochen wird. Die Information ist nützlich für mich und die Schule». Wo konsumiert? «Zu Hause». Gefühl während des Lesens? «Erstaunt und zufrieden.»

Stolz betrachtet Alex ihren ersten Tagebucheintrag und möchte gewohnheitsmässig gleich die Netflix-App öffnen, erinnert sich dann aber an die Zugfahrt zurück. Hat sie da nicht auch schon News konsumiert? Im Fokusgruppengespräch hatte sie doch verkündet, dass ihrer Meinung nach zum Begriff «News» alles gehört, was gerade in der Welt passiert, aktuell ist und neue Informationen beinhaltet. Schnell sucht sie den Instagram-Post, den Fussball-Resultate-Link, das YouTube Video und macht einen Screenshot von einem 20minuten-Artikel, an dessen Inhalt sie sich noch erinnern kann. Gehört das Wetter auch dazu? Und was ist mit der Fahrplanänderung? Die Promigeschichten bestimmt, oder? Sicherheitshalber dokumentiert sie alles, was sie als «News» definieren würde. Erstaunt stellt sie fest, wie viele Nachrichten sie konsumiert. Das war ihr nicht bewusst. Vor dem Einschlafen schaut sie sich die Bildschirmzeit-Statistik ihres Smartphones an. Sie weiss, dass die Forschenden sie auch sehen. Sechs Stunden Nutzungszeit?! Davon zwei Stunden auf YouTube, eineinhalb auf Instagram, eine Viertelstunde auf 20Minuten und die restliche Zeit auf diverse Apps verteilt. Da werden ihre Eltern aber keine Freude haben. Obwohl, die müssen das ja nicht erfahren, oder?


Bachelor-Kommunikation-Studiengang-ZHAW
Bachelor-Kommunikation-Studiengang-ZHAW

Die dreiteilige Blogserie gibt einen Einblick in das laufende Projekt «Schweizer Digital Natives mit Nachrichten erreichen». Ein Forschungsteam der ZHAW taucht in die Lebenswelt von Jugendlichen in drei Schweizer Sprachregionen ein und nutzt ein Mehrmethodendesign, um die Nachrichtennutzung der Jugendlichen aus der Innenperspektive zu begreifen (siehe erster Blogbeitrag der Serie: Jugendliche mit Informationsmedien erreichen). Das hier beschriebene Szenario zeigt beispielhaft, wie die Daten im Projekt generiert wurden. Die Erkenntnisse aus der Datenanalyse werden im nächsten Blogbeitrag vorgestellt.

Am 5. November 2020 findet ein Schlussworkshop mit Medienschaffenden statt. Dort werden die Ergebnisse präsentiert. Zudem wird ein Publikumsmodells diskutiert, das helfen soll, Jugendliche besser mit Nachrichtenageboten zu erreichen.


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