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Jugendliche mit Informationsmedien erreichen – kann man das? Wir finden es heraus!

Wie kann man Jugendliche für journalistische Nachrichten begeistern? Welche Nachrichtenformate haben das Potenzial, die Grenzen der Schweizer Sprachregionen zu überwinden? Das sind Fragen, die Medienverlage genauso beschäftigen wie die Wissenschaft. Ein Forschungsteam der ZHAW taucht in die Lebenswelt der Jugendlichen ein und nutzt ein Mehrmethodendesign, um die Mediennutzung der Jugendlichen aus der Innenperspektive zu begreifen. In dieser dreiteiligen Blogserie werden die Ideen hinter dem Forschungsdesign erklärt, die relevantesten Befunde diskutiert und wird aufgezeigt, wie die Erkenntnisse aus dem Projekt in die Praxis fliessen.

Von Valery Wyss, Wissenschaftliche Assistentin im Forschungsschwerpunkt Medienlinguistik am IAM Institut für Angewandte Medienwissenschaft

 «Jugendliche interessieren sich nicht für journalistische Informationsmedien, sie wandern ins Internet ab, verlieren sich dort auf sozialen Nischenplattformen, und konsumieren irrelevante Inhalte». So lautet ein weit verbreitetes Klischee einer letztlich sehr dystopischen Sichtweise. Aktuelle quantitative Studien prognostizieren tatsächlich eine eher düstere Zukunft des Medienkonsums: So sollen gemäss den Autoren des Jahrbuchs «Qualität der Medien» in der Altersgruppe der 16- bis 29-Jährigen deutlich mehr als die Hälfte so genannte «News-Deprivierte» sein. Diese Nutzergruppe sei sowohl quantitativ wie auch in qualitativer Hinsicht unterversorgt, was den Konsum von gesellschaftlich relevanten News anbelange. Die News-Deprivierten nutzen Smartphone, Internet und Social Media zur Unterhaltung und für die Pflege sozialer Kontakte, während Nachrichten nicht auf der Prioritätenliste stünden. Auch die Ergebnisse der aktuellen JAMES-Studie sprechen dafür, dass das tagesaktuelle Weltgeschehen für die Jugendlichen nebensächlich ist. Sie nutzen Nachrichtenquellen nur selten, was dazu führe, dass sie wenig Kompetenzen im Umgang mit News entwickeln und somit vulnerabler für Desinformation seien.

Sind die dystopischen Befunde von den Forschungsmethoden beeinflusst?

Kann es sein, dass die dystopischen Befunde der quantitativen Studien auch mit der Methode und mit der Definition der «Nutzung von Informationsmedien» zusammenhängen? Die Inhalte von Fragebogen widerspiegeln die Perspektive der Forschenden und lassen wenig Spielraum für die Sichtweise der Befragten. Ausserdem beruhen die Antworten meist auf Retrospektion und können somit durch Erinnerungslücken und Wahrnehmungsverzerrung verfälscht sein. Um präzisere Prognosen zur künftigen Medienentwicklung machen oder sogar eine demokratiefördernde Mediensozialisation mitgestalten zu können, ist es wichtig, das Nachrichtenverhalten von Jugendlichen wirklich zu verstehen. Hier sind Methoden gefragt, die den tatsächlichen Nachrichtenkonsum von Jugendlichen erfassen und die Erkenntnisse quantitativer Forschung kontextualisieren.

ZHAW IAM Informationsmedien und die Jugend

Mit dem Mixed-Methods-Design den Jugendlichen auf der Spur

Für die Studie «Schweizer Digital Natives mit Nachrichten erreichen» arbeitet das Forschungsteam des Instituts für Angewandte Medienwissenschaft der ZHAW in Zusammenarbeit mit der USI in Lugano und der Universität Lausanne. Die Studie untersucht das Nachrichtenverhalten von Jugendlichen im Alter von 12 bis 20 Jahren in drei Schweizer Sprachregionen (Deutschschweiz, Romandie und Tessin). Gewählt wurde ein qualitatives Forschungsdesign, das mehrere Methoden kombiniert.

Als Allererstes ging es darum zu begreifen, was die Jugendlichen selbst unter «News» verstehen, welche Nachrichten sie nutzen und warum. Dafür wurden die Jugendlichen in Fokusgruppen befragt. In jeder Sprachregion wurden sie in zwei Altersgruppen eingeteilt (12- bis 15- jährige & 16- bis 20-jährige). In der moderierten, interaktiven Diskussion erzählten sie, welche Relevanz Nachrichten in ihrem Leben haben, welche Themen sie interessieren, welche Nachrichtenformate sie ansprechen und warum.

Die Fokusgruppen machten zwei Dinge deutlich: Die Jugendlichen haben ein viel breiteres Nachrichtenverständnis als das der gängigen Definitionen – und, entgegen den Vorannahmen der Forschenden, stehen nicht die sozialen Medien im Zentrum des Nachrichtenkonsum, sondern das Smartphone. Deshalb war eine Smartphone-Ethnographie der nächste logische Forschungsschritt. Die Handys der Jugendlichen wurden zwei Wochen lang getrackt, so konnten der Nachrichtenkonsum und die Interaktion der Jugendlichen rund um Nachrichtenangebote systematisch beobachtet werden. Gleichzeig haben die Studienteilnehmenden ihre Nachrichtennutzung in Medientagebüchern dokumentiert, mit Screenshots, Fotos und Texteinträgen. Der Nachrichtenkonsum wurde also in Echtzeit erfasst und anschliessend mit retrospektiven Interviews verifiziert: In Gesprächen mit den Forschenden haben die Jugendlichen die Handydaten und Tagbucheinträge kommentiert, ihre Motivation für den Nachrichtenkonsum erläutert und ihre Meinungen zu den Nachrichtenbeiträgen geäussert.

Möchten Sie wissen, was Jugendliche unter Nachrichten verstehen, welche News sie konsumieren und warum? Antworten auf diese Fragen gibt der nächste Blogbeitrag dieser Serie


Bachelor-Kommunikation-Studiengang-ZHAW

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