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Wie Energiezukunft in aller Öffentlichkeit entsteht

Wie unsere Energiezukunft aussieht, hängt nicht nur von technischen Innovationen ab. Ebenso wichtig ist, dass Energiepolitik und Wirtschaft eine gemeinsame Sprache finden. Ein Projekt der Angewandten Linguistik hat ein mehrsprachiges Textkorpus zum Thema Energie aufgebaut und die Energiediskurse in der Schweiz untersucht. Erste Ergebnisse wurden im Dezember an einem Transferworkshop in Bern präsentiert. Der Einladung folgten zahlreiche Interessierte aus Energiepolitik, Energiewirtschaft und von Umweltverbänden. Sie machten klar: Die Energiebranche ist interessiert an den neuen Möglichkeiten der strategischen Umfeldanalyse und wünscht sich weitere Detailauswertungen.

von Peter Stücheli-Herlach, Sprecher der Projektleitung und Professor für Organisationskommunikation und Öffentlichkeit und Christa Stocker, Leiterin Wissenschaftskommunikation Departement Angewandte Linguistik

Dass Strom «aus der Steckdose» kommt, stimmt höchstens beim Lampenanzünden. Beim Häuserbauen und bei der «Energieplanung» sieht es schon anders aus, in der Infrastrukturentwicklung und gar in der Politik klingt’s dann nochmals anders. Hier ist von «Anreizen», von «Hochspannnetzen», von «kostendeckender Einspeisevergütung» (KEV) oder von «Marktdesign» die Rede. Wir reden also immer wieder anders über Energie, aber wie eigentlich? Im Projekt «Energiediskurse in der Schweizer» haben DiskurslinguistInnen der ZHAW nach Antworten gesucht, einige davon gefunden und vor allem: Die Grundlagen für weitere Analysen gelegt.

Kollektiv geteiltes Wissen – eine Voraussetzung für demokratischen Dialog

Je nach Situation wechselt die Energie ihre sprachliche Gestalt. Und doch ist es möglich, uns darüber zu verständigen, worüber wir reden, wenn zum Beispiel von der «Energiezukunft» unseres Landes die Rede ist. Den Rahmen für dieses Verständnis bilden öffentliche Energiediskurse.

Diskurse speichern und vermitteln kollektiv geteiltes Wissen in seiner sprachlichen Form. Sie entstehen in der öffentlichen Kommunikation über verschiedene Situationen und Jahre (wenn nicht Jahrzehnte) hinweg. Ihre sprachlichen Muster und Regeln zu kennen, ist eine unabdingbare Voraussetzung für den demokratischen Dialog und für erfolgreiche interdisziplinäre Innovationen.  «In öffentlichen Diskursen entwickelt sich ein ‘common ground’, an den Akteure in der Kommunikation anschliessen müssen, wenn sie verstanden werden wollen», erläutert Peter Stücheli-Herlach. «Beispiele sind etwa das Reden über so genannt ‘erneuerbare Energien’ oder den ‘Klimawandel’».

Interdisziplinäre Forschung für die Praxis

Gefördert wurde das Projekt «Energiediskurse der Schweiz» durch das Programm «Energie – Wirtschaft – Gesellschaft (EWG)» des Bundesamtes für Energie (BFE). Es legt mit einer der grössten Textsammlungen ihrer Art im rasanten Wandel von Energiepolitik, -wirtschaft und -forschung die Grundlage für künftige Projekte der strategischen Umfeldanalyse.

Das Textkorpus Swiss-AL-ED-C (Swiss Applied Linguistics Energy Discourses Corpus) umfasst rund 1,2 Milliarden Wörter und reicht bis ins Jahr 2010 zurück. Die Texte stammen aus im Internet frei zugänglichen Textquellen von Webseiten von Bundesbehörden, energiepolitisch aktiven Interessensverbänden und politischen Parteien sowie Tages-, Wochen- und Fachmedien. Es ist mehrsprachig – Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch.

Methodisch stützt sich die Analyse auf den Zugang der «Diskurslinguistik in Anwendung DIA» (demnächst in der Zeitschrift für Diskursforschung). Ergebnisse der Analysen sind:

  • Erkenntnisse über geografische Bezüge der mehrsprachigen Energiediskurse, in denen nationale und internationale Orientierungen der Landesteile deutlich werden und die sich in Heatmaps visualieren lassen (ein Beispiel zeigt das Beitragsbild),
  • Erkenntnisse über Schlagworte, die auf überraschende Brennpunkte von Diskurskontroversen und Diskurskoalitionen verweisen,
  • Erkenntnisse über die diskursive Prägung des Handelns von Akteuren der Energiediskurse wie Doris Leuthard, das Bundesamt für Energie oder die Nagra sowie
  • Erkenntnisse über Unterschiede aber wechselseitige Einflüsse verschiedener Landessprachen der Schweiz.

Unterschiedliche Muster in den Landessprachen

«Erste Erkenntnisse zeigen, dass sich die Energiediskurse in den Schweizer Landessprachen Deutsch, Französisch und Italienisch nicht nur voneinander unterscheiden, sondern auch wechselseitig beeinflussen», sagt Peter Stücheli-Herlach. Die jeweiligen Diskurse orientieren sich dabei deutlich an der jeweils eigenen Sprachregion und am jeweiligen Nachbarland Deutschland, Frankreich oder Italien.

Unterschiede zeigen sich beispielsweise in der diskursiven Gewichtung erneuerbarer gegenüber nicht-erneuerbarer Energien. In der Deutschschweiz werden beide Formen inzwischen in etwa gleich häufig genannt, während in der französischen Schweiz das Reden über ‘fossile Energien’ ein stärkeres Gewicht hat. Das zeigt, wie eng die Schweizer Diskurse mit denen des umgebenden Auslands verwoben sind.

Jedoch lassen sich im Diskursvergleich auch Gemeinsamkeiten und wechselseitige Beeinflussungen nachweisen, dies beispielsweise durch die Orientierung an wichtigen politischen Prozessen wie Volksabstimmungen und durch Übersetzungen. So sind erneuerbare Energien seit der Katastrophe von Fukushima zunehmend häufiger auch in den romanischen Sprachräumen zum Thema geworden.

Transfer in die Praxis: Energiebranche wünscht weitere Detailauswertungen

Der Einladung zum ersten Transferworkshop vom Dezember im Politforum Käfigturm in Bern folgten zahlreiche Interessierte aus Energiepolitik, Energiewirtschaft und schweizerischer politischer Kommunikation. Ihre Reaktionen zeigten: Die Energiebranche ist interessiert an diesen neuen Möglichkeiten der strategischen Umfeldanalyse und wünscht sich weitere Detailanalysen etwa zu Schlagworten, zu Akteursnetzwerken, zu phraseologischen Charakteristika von Energiedebatten und mehr.

Das interdisziplinäre mehrsprachige Projekteam bestehend aus den drei ProjektleiterInnen Maureen Ehrensberger-Dow, Maren Runte und Peter Stücheli-Herlach sowie – im Kernteam der letzten Projektphasen – Angelo Ciampi, Alice Delorme-Benites, Philippe Dreesen und Julia Krasselt steht bereit, ihr wissenschaftliches Knowhow für eine nachhaltige Energiezukunft der Schweiz einzusetzen.

Impressionen aus dem Transferworkshop im Politforum Käfigturm Bern (Credits: Natalie Schwarz),

Beitragsbild: Je «heisser», desto «häufiger»: Heatmap der Ortsbezeichnungen in den Schweizer Energiediskursen mit deutlichen Bezügen zu den umgebenden Ländern.


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