Sandro Brotz: 150 Interviews in fünf Jahren

Für sein Interview mit dem syrischen Machthaber wurde er scharf kritisiert, Ueli Maurer kanzelte seine Fragen im Bundesratsinterview als «journalistisch schwache Leistung» ab, nannte ihn tendenziös und «bireweich» und Christoph Mörgeli fragte Sandro Brotz, ob er «vom Aff bisse» sei. Die Interviews des Rundschau-Moderators und stellvertretenden Redaktionsleiters geben nicht nur zu reden, Brotz muss sich dafür auch einiges anhören. An der Columni-GV Ende Oktober zeigte der Journalist Ausschnitte seiner aufsehenerregendsten Interviews, erklärte, mit welchen Techniken er sich vorbereitet und verriet gar einige seiner Tricks.

von Kathrin Reimann, freie Journalistin und IAM-Absolventin (JO08)

«Manchmal hatte ich aber auch ganz einfach Glück», sagt der 49-Jährige, der seit 30 Jahren journalistisch tätig und seit fünf Jahren bei der Rundschau ist. «In dieser Zeit habe ich 150 Interviews geführt, und wenn mich jemand fragt, welches das beste sei, sage ich: Das kommt erst noch.» Glück hatte er im Falle von Sepp Blatter. Den suspendierten Weltfussballpräsidenten hatte er mehrmals für ein Interview angefragt, aber nie eine Antwort erhalten. «Dann traf ich ihn per Zufall an einem Marroni-Stand, sprach ihn an, es gab eine Zusage, einen Handshake und er kam.» Im Gespräch mit dem «gezeichneten Mann» sei dann auch der Satz des Jahres «Einen Weltcup kann man nicht kaufen» gefallen.

Mit Fragen Emotionen auslösen

«Damit meine Interviews funktionieren, habe ich sieben Regeln für mich definiert», sagt Brotz, der mindestens zwei Tage und zwei Nächte braucht, um sich auf seine Live-Interviews vorzubereiten. Diese beginnen mit der Grundsatzfrage, was für eine Art Interview es geben soll: Ein konfrontatives, ein investigatives oder eher ein Streit- oder Expertengespräch? Dann liest, hört und sieht sich Brotz alle Beiträge an, die er über die Person finden kann und spricht mit Freunden, Gegnern oder Beobachtern. «Mein Ziel ist es, mit meinen Fragen Emotionen auszulösen und mein Gegenüber zu überraschen.» Normalerweise erstellt er aber einen Antwortbaum mit sieben Fragen, um darauf vorbereitet zu sein, in welche Richtung das Gespräch verlaufen kann. «Trotzdem muss ich immer damit rechnen, dass auch eine Extremsituation entsteht oder sich das Interview in eine unerwartete Richtung entwickelt. «Wichtig ist es, dass das Gespräch beim Thema bleibt.»

Abgang ohne Adieu

Brotz trifft sich – wenn möglich – mit seinem Interviewpartner im Vorfeld, um sich auszutauschen und die Positionen zu checken. Dann überlegt er sich eine Taktik, um den Gesprächsverlauf zu steuern, und geht das Interview mit dem Produzenten durch, um sich auf Reaktionen einstellen zu können. «In acht von zehn Fällen kommt es so wie erwartet. Spannend sind aber vor allem die Interviews, in denen es nicht so ist.» Während des Interviews achtet Brotz darauf, dass alle Fragen wirklich beantwortet werden und er flexibel mit der Abfolge seiner Fragen bleibt. «Ausserdem achte ich darauf, ruhig zu bleiben. Was mir nicht immer gelingt», sagt Brotz, der bereits mehrmals von erzürnten Interviewpartnern diffamiert wurde. «Besonders vorsichtig bin ich bei schwierigen Interviewpartnern.» So habe beispielsweise Christoph Blocher immer versucht, den Spiess umzudrehen, habe Gegenfragen gestellt und ihm versucht, die Zügel zu entreissen. «Auch wenn das Gespräch hitzig verläuft, ist die Stimmung nachher entspannt.» Ausser Christoph Mörgeli sei niemand ohne ein Adieu schnurstracks davongelaufen.

Chronist und passionierter Fragensteller

Da Brotz für seine aufsehenerregenden Interviews auch kritisiert wird, hat er sich nicht nur eine dicke Haut zugelegt, er liest gewisse Beiträge, Kommentare oder Rückmeldungen gar nicht erst. «Manchmal frage ich mich schon, warum ich mir das antue», sagt Brotz. Der bei seiner Reise nach Syrien ab und zu ein ungutes Gefühl hatte und sich sorgte, ob er und sein Team nicht einfach verschwinden würden. «Gedanken, die sich übrigens auch mein 12jähriger Sohne machte.» Doch Brotz versteht sich als Chronist und betrachtet Interviews als spannendste und meist unterschätzte journalistische Gattung. «Reporter war ich lange genug, im Moment möchte ich nichts anderes als Interviews machen.»


Columni ist die Ehemaligenorganisation der Absolventinnen und Absolventen des IAM Institut für Angewandte Medienwissenschaft der ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Schlagwörter: Columni

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.