Schliessungen von Hausarztpraxen in der Schweiz: diese Regionen sind besonders betroffen

Von Xavier Schärer

Der Hausärztemangel ist in aller Munde, die Gründe sind bekannt: Ärztinnen und Ärzte werden älter, weniger Nachwuchs wählt den Beruf Hausarzt, und die Arbeitsbedingungen sind herausfordernd. Hausärzte im Pensionsalter finden oft keine Nachfolger für ihre Praxis, und ihre Patienten keinen neuen Hausarzt. Bisher wurde nicht systematisch untersucht, welche Regionen besonders von Praxisschliessungen betroffen sind und welche Auswirkungen dies auf die Versorgung hat. Dies liegt auch daran, dass Zahlen zu Praxisschliessungen in der Schweiz nicht erfasst werden.

In meiner Masterarbeit habe ich Praxisschliessungen in der Schweiz untersucht. Die Arbeit baut auf dem Ansatz einer Studie, die die Auswirkungen auf die betroffenen Patienten untersucht hat, auf und verschiebt den Fokus auf die regionale Versorgungsebene. Kurz zusammengefasst: Wenn eine Hausarztpraxis in einer unterversorgten Region schliesst, bleibt diese Lücke offen. Währenddessen sie in Regionen mit besserer Versorgung schnell geschlossen wird.

Datengrundlage

Insgesamt habe ich in den Abrechnungsdaten der Obligatorischen Krankenversicherung in den Jahren 2020 bis 2023 über 1000 Praxisschliessungen ohne Nachfolge identifiziert. Ich untersuche die Auswirkungen von Schliessungen in einzelnen Regionen. Die Regionen teile ich dazu in drei Kategorien ein, je nach Hausarztdichte (niedrige, mittlere, hohe Hausarztdichte). Dies ermöglicht eine differenzierte Analyse nach der regionalen Versorgungssituation (siehe Abbildung). Die durchschnittliche Schliessungsrate lag im Zeitraum bei drei Prozent aller Praxen und war über die Regionen konstant. Die beobachtbaren Praxischarakteristika wie Praxisalter und Alter des Arztes waren ebenfalls vergleichbar zwischen den drei Kategorien.

Abbildung 1: Einteilung der Regionen nach Hausarztdichte, Regionen mit Versorgungslücke nach Schliessung in Rot

Wegfall des Angebots kann nicht in allen Regionen aufgefangen werden

Die Daten belegen, dass in Regionen mit tiefer Hausarztdichte das Angebot von schliessenden Praxen vollumfänglich wegfällt. Konkret sinkt das Angebot an Konsultationen und der Umsatz an Arztleistungen um ein Prozent, wenn ein Prozent der Patienten in der Region wegen der Schliessung den Hausarzt verliert. Dieser Rückgang kann nicht von umliegenden Ärzten kompensiert werden, da diese bereits an der Kapazitätsgrenze arbeiten. In besser versorgten Regionen gibt es jedoch keine Hinweise auf einen regionalen Versorgungsrückgang durch Schliessungen. Dies weist darauf hin, dass andere Praxen noch genug freie Kapazität haben, um den Verlust eines Leistungserbringers aufzufangen oder neue Praxen eröffnet werden.

Dies ist konsistent mit Befragungen, die zeigen, dass junge Ärztinnen und Ärzte urbane Gebiete bevorzugen, in denen die Ärztedichte bereits höher ist. Zusätzlich sieht man in den Daten eine geringe Patientenmobilität über die Regionen hinweg: durchschnittlich über 80% der Hausarztleistungen einer Region werden für die Bevölkerung dieser Region erbracht. Es gibt ausserdem keine überregionale Substituierungseffekte nach einer Schliessung.

Politischer Handlungsbedarf Da laut dem Berufsverband der Schweizer Ärzte FMH ein Viertel der Ärztinnen und Ärzte über 60 Jahre alt ist, wird sich dieses Problem in der Zukunft nur noch verstärken und möglichweise auch in den bisher besser versorgten Regionen ausbreiten. Es gibt verschiedene Möglichkeiten dem entgegenzuarbeiten: Einerseits ist es wichtig sich einen Überblick über die Versorgung in den Regionen zu verschaffen, um eine vorausschauende regionale Planung zu ermöglichen. Eine Möglichkeit dafür wäre ein Monitoring der regionalen Hausarztversorgung. Zusätzlich müssten Anreize gesetzt werden, um die Gesundheitsversorgung in ländlichen Gebieten sicherzustellen. Deutschland setzt hierzu schon verschiedene Initiativen wie Landarzt-Quoten, zusätzliche finanzielle Kompensationen sowie Unterstützung bei Praxiseröffnungen in unterversorgten Gebieten um.

Fazit

Praxisschliessungen von Hausärzten haben nicht in allen Regionen die gleichen Effekte. Während in gut versorgten Regionen die Abgänge auf der regionalen Ebene kompensiert werden können, sieht man in schlecht versorgten Regionen klare Lücken entstehen. Kantone und Gemeinden müssen gegensteuern, etwa durch bessere Planung oder gezielte Anreize für Ärztinnen und Ärzte in unterversorgten Gebieten.

Über die Studie

Dieser Beitrag basiert auf einer Masterarbeit an der Universität Zürich, die die Auswirkungen von über 1000 Praxisschliessungen in 101 Schweizer Arbeitsmarktregionen von 2020 bis 2023 untersucht. Die Daten stammen aus dem Datenpool der SASIS AG und wurden mit ökonometrischen Methoden analysiert.

Über den Autor
Xavier Schärer ist wissenschaftlicher Assistent im Team Gesundheitsökonomische Forschung am WIG.


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