Gesundheitsökonomische Forschung

Hausärztemangel in der Schweiz: Fakt oder Fiktion?

Abbildung 1: Zugänglichkeitsindex pro Gemeinde für die ambulante Grundversorgung 2016

Von Janina Nemitz

Im letzten Jahrzehnt wurde der drohende beziehungsweise sich verschärfende Hausärztemangel in der Schweiz von den verschiedensten Medien immer wieder thematisiert. Doch können wir in einem Land, welches im Allgemeinen eher durch eine Überversorgung gekennzeichnet ist, überhaupt von einem Mangel sprechen? Dieser Blog-Beitrag liefert eine Antwort auf diese Frage und ist Teil einer Serie, die sich mit der möglichen Problematik eines Hausärztemangels in der Schweiz befasst.

Hausärzte – ein zentrales Element unseres Gesundheitssystems

Stellen Sie sich vor Sie seien krank. Nicht einer dieser kleineren Schnupfen, die nach ein paar Tagen wieder von selbst verschwinden, sondern richtig krank. Seit Tagen plagt sie ein lästiger Husten, Sie haben Luftnot und Schwindelgefühle. Hinzu kommt mittlerweile hohes Fieber, Ohren- sowie starke Hals- und Gliederschmerzen. Sie wollen am liebsten nur noch schlafen. Also vielleicht doch eine echte Grippe? Zeit für einen Arztbesuch, würde ich sagen.

Vermutlich suchen Sie Ihren Hausarzt auf. Und das nicht ohne Grund: Er kennt Ihre Krankheitsgeschichte. Er weiss was zu tun ist und wird sie, sofern nötig, auch an den richtigen Facharzt überweisen. Auch koordiniert er die Behandlungen zwischen verschiedenen Leistungserbringen, denn bei ihm laufen alle Fäden zusammen. Kurzum, Ihrem Hausarzt kommt im Zuge Ihrer Behandlung eine zentrale Bedeutung zu. Und das ist auch gut so, denn durch seine Rolle als Gatekeeper, Triagist und Koordinator trägt er mitunter dazu bei, dem Kostenwachstum im Schweizerischen Gesundheitssystem entgegen zu wirken, und das spüren letztendlich auch Sie durch einen geringeren Anstieg Ihrer Krankenkassenprämie. Doch nicht nur das: Wissenschaftliche Studien zeigen auch, dass in Gesundheitssystemen mit einer gut ausgebauten Grundversorgung bessere Gesundheitsoutcomes zu erwarten sind, und dass diese zudem sogar noch gleichmässiger in der Bevölkerung verteilt sind. Ein guter Zugang zu Hausärzten ist deshalb nicht nur aus Kostengründen von Bedeutung, sondern auch eine Frage der Gerechtigkeit. Doch wie sieht es mit dem Zugang zu Hausärzten in der Schweiz aus?

Hausärztliche Versorgung: Überdurchschnittlich in urbanen Zentren und unterdurchschnittlich in ländlichen Regionen des Mittellands

Eine kürzlich erschienene Studie hat die räumliche Zugänglichkeit für die ambulante Grundversorgung in der Schweiz untersucht (s. Abbildung 1). Sie zeigt, dass es deutliche Unterschiede zwischen den Gemeinden in der Schweiz gibt. Während im Jahr 2016 vor allem Städte und urbane Zentren eine überdurchschnittliche Zugänglichkeit zu ambulanten Grundversorgern aufwiesen, zeigte sich insbesondere in ländlichen Gemeinden des Mittellands eine unterdurchschnittliche Versorgung. Etwas überraschend mag für viele die ausgesprochen hohe Zugänglichkeit in den meisten Alpentälern erscheinen. Diese ist laut Autoren der Studie jedoch auf eine fehlende Berücksichtigung der Touristenströme zurückzuführen und dürfte tatsächlich deutlich tiefer liegen. Statt des üblichen Indikators, der Ärztedichte (d.h. der Anzahl Ärzte pro tausend Einwohner), wurde in dieser Studie eine Berechnungsmethode herangezogen, welche die Zugänglichkeit zu ambulanten Grundversorgern völlig losgelöst von administrativen Grenzen beurteilt. Möglichen Patientenströmen von einer Gemeinde in eine andere wird so Rechnung getragen. Zudem schlägt sich die Konkurrenzsituation der Anbieter und Nachfrager im Indikator nieder, was einen klaren Vorteil gegenüber herkömmlichen Dichteindikatoren darstellt.

Können wir also in ländlichen Regionen der Schweiz aktuell von einem Hausärztemangel sprechen?

Abbildung 1 gibt darauf per se keine Antwort. Sie zeigt nur, dass der Zugang zu Hausärzten in ländlichen Regionen schlechter ist als in urbanen Zentren. Zu bedenken ist hierbei jedoch, dass es sich bei der Schweiz um ein Land mit ohnehin schon höherer Hausarztdichte handelt. Zum Vergleich: Während die Schweiz rund 1,2 Hausärzte auf 1000 Einwohner zählt, sind es in Dänemark oder Schweden gerade mal etwas mehr als die Hälfte. Im OECD-Vergleich liegt die Schweiz sogar etwas über dem Durchschnitt. Grundsätzlich könnte es sich in der Schweiz also bei Regionen mit unterdurchschnittlichem Zugang auch um Regionen mit adäquater Versorgung handeln, während in Städten eher von einer Überversorgung ausgegangen werden müsste.

Ob in ländlichen Regionen der Schweiz von einer Unterversorgung gesprochen werden kann, ist letztendlich eine Frage des tatsächlichen Bedarfs. Wird der Bedarf der Schweizer Bevölkerung berücksichtigt, so zeigt sich ein ähnliches Bild. Das heisst, Regionen mit mehrheitlich unterdurchschnittlichem Zugang zählen tendenziell auch zu den Regionen, in denen bereits heute von einer leichten Unterversorgung ausgegangen werden muss (santésuisse, 2018). Daher können wir in ländlich geprägten Regionen der Westschweiz bereits heute von einem Hausärztemangel sprechen.

Wenn Sie wissen wollen, ob auch künftig mit einem Hausärztemangel in der Schweiz zu rechnen ist, bleiben Sie dran. In einem unserer nächsten Blog-Beiträge (Teil 2 dieser Serie) werden wir darauf näher eingehen.

Janina Nemitz ist Co-Teamleiterin der Fachstelle gesundheitsökonomische Forschung am WIG.

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