Die Veränderung des CH-Gesundheitswesens 2018–2022: Bleibt alles anders?

Quelle: Eigene Grafik Alfred Angerer

Von Dr. Alfred Angerer

Vor einigen Monaten bekamen wir einen Anruf von unserem Verlag MWV in Berlin. Man wollte uns informieren, dass unser Lehrbuch „Management im Gesundheitswesen – Die Schweiz“ bald ausverkauft sein würde.  Und ob wir dies nicht als eine Chance nutzen wollen, das Werk zu überarbeiten, bevor der nächste grosse Druck erfolgt. Mein geschätzter Co-Autor Florian Liberatore und ich kamen ins Grübeln. 2017 haben wir angefangen, das Buch zu schreiben, welches 2018 dann vollendet und gedruckt wurde. Die Inhalte sind also bereits vier Jahre alt. Da lohnt es sich wohl darüber nachzudenken, wie aktuell das Wissen noch ist!

Der erste Reflex ist natürlich zu sagen, dass in den vergangenen vier Jahren so vieles passiert ist, dass wir das Buch eigentlich komplett neu schreiben müssten. 2018 wussten wir noch nichts über Coronaviren. Die Vorstellung, unser Gesundheitssystem könnte jemals Gefahr laufen, an seine Kapazitätsgrenzen zu gelangen, wäre damals als sehr alarmistisch verurteilt worden. Heutige heisse Themen wie das elektronische Patientendossier (EPD), Telematik oder die Stiftung „Meineimpfungen“ wurden damals nur unter ExpertInnen diskutiert. Andererseits wissen wir auch, dass unser Gesundheitssystem komplex und träge ist. Vielleicht passieren innerhalb von vier Jahren praktisch keine Veränderungen? Es gibt gute Argumente für beide Seiten, es lohnt sich also, über das Thema vertiefter nachzudenken.

Die Konstanz in unserem Gesundheitssystem

Das Buch soll unseren Studierenden und PraktikerInnen aus den Bereichen Betriebswirtschaft, Medizin sowie allen Gesundheitsberufen einen Überblick über das Gesundheitswesen und ihre Akteure vermitteln. Und im Grunde haben wir immer noch die gleichen Akteure wie vor vier Jahren. Auch wenn die Schweizer Start-up-Landschaft wächst und gedeiht, gab es keine markterschütternden Veränderungen. Die Big-Tech Players (Google, Facebook, Apple et al.) spielen auch heute keine bedeutende Rolle (was nicht heisst, dass es auch in den nächsten Jahren so sein wird!). Insgesamt konnten wir unsere Kapitelaufteilung nach den Akteuren so belassen wie bei der ersten Auflage:

  • Spitäler und Kliniken
  • Niedergelassene Ärzteschaft
  • Medizintechnologie
  • Pharma
  • Apotheken
  • Krankenversicherungen
  • Vernetzte Strukturen und Themen

Weiterhin soll das Buch auch die grundlegenden Managementaspekte vermitteln. Auch wenn hier durchaus neue Ideen am Horizont erscheinen (Stichwort «New Healthcare Management»). Die Basics der Betriebswirtschaft müssen nach wie vor verstanden und angewendet werden. Vor vier Jahren so wie auch heute müssen wir für unsere Organisationen klare Visionen, Strategien und Prozesse entwickeln. Die vielen betriebswirtschaftlichen Fragestellungen komprimieren wir auf drei Hauptfragen. Das war die Geburtsstunde der «ELS-Logik», die das Buch strukturiert:

  1. Entwickeln“: Wie positionieren sich Organisationen im Gesundheitswesen strategisch klug?
  2. Leisten“: Wie werden Produkte und Dienstleistungen effizient und qualitativ hochwertig produziert?
  3. Steuern“: Wie werden Organisationen erfolgreich geführt?
Eigene Grafik

Und auch vier Jahre später behaupten wir: Organisationen im Gesundheitswesen können nur dann erfolgreich sein, wenn die drei Basis-Dimensionen „Entwickeln-Leisten-Steuern“ gut umgesetzt werden!

Veränderungen und Trends

Während die Presse gerne Schlagzeilen produziert mit dem Stichwort «Kostenexplosion», könnten BWLer auch sachlicher behaupten, dass es sich lediglich um eine Branche handelt, die wächst und mehr Umsatz generiert. Immer mehr Menschen arbeiten im Gesundheitswesen (siehe bspw. die untere Abbildung). Bei sich verändernden Märkten ist es deswegen nur folgerichtig, dass wir praktisch alle Kennzahlen neu recherchieren und anpassen mussten.

Eigene Abbildung: Anzahl der Ärzte und Ärztinnen nach Jahr

Spannende Entwicklungen gab es in den letzten Jahren auch bei den regulatorischen Rahmenbedingungen. Als Beispiel sei der Komplex der Tarifrevisionen genannt. Das ist ein Thema, bei welchem wir uns sicher sind, dass auch zukünftig ständige Anpassungen notwendig sein werden. So ist zum jetzigen Zeitpunkt jede Aussage zum Thema TARDOC in dem Augenblick veraltet, wo wir sie niederschreiben.

Und natürlich sorgt das Thema Innovation und Digital Health für Veränderungen im Gesundheitswesen. Auch wenn meiner Meinung nach das Thema Digitalisierung immer noch zu langsam voranschreitet , so haben wir versucht, mittels kleiner Fallstudien die Innovationsexperimente im Schweizer Gesundheitswesen aufzuzeigen. Beispielsweise haben wir eine kleine Fallstudie des Telemedizinzentrums santé24 mit dem Heimgerät TytoHome eingebaut.

Fazit

Unser Gesundheitswesen hat sich in den letzten vier Jahren sicherlich nicht revolutioniert. Und es wird sich wohl auch in den nächsten vier Jahren nicht grundlegend ändern. Wir beobachten vielmehr kleine, konstante Veränderungen. Leider handelt es sich nicht immer um Fortschritte. Und auch wenn ich mir und Florian das Leben damit schwerer mache: Ich würde mir wünschen, dass wir für die dritte Ausgabe viel mehr Kapitel verändern müssen, als dies für die aktuelle Ausgabe notwendig war. Ich möchte sehen können, wie die Vorteile von New Healthcare Management und der Digitalisierung unsere Gesundheitsorganisationen stark beflügeln werden. Für dieses bessere Gesundheitswesen schreibe ich sehr gerne ein komplett neues Buch.

Prof. Dr. Alfred Angerer ist Leiter der Fachstelle Management im Gesundheitswesen am WIG.

Das Buch «Management im Gesundheitswesen – Die Schweiz» (2. Überarbeitete Auflage) ist unter der ISBN Nummer ISBN: 978-3-95466-713-0 überall im Buchhandel oder beim Verlag  erhältlich.


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