Wie kantonale Unterschiede in der Krebshäufigkeit die Wissenschaft nach Erklärungen suchen lassen


Abbildung: Durchschnittliche Anzahl Neuerkrankungen und Sterbefälle
pro Jahr nach Krebslokalisation (2014-2018),
Quelle: //www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/gesundheit
/gesundheitszustand/krankheiten/krebs/spezifische.html

Von Romeo Albrecht

Als Medizinstudent bleiben einem so manche Vorlesungen[1] in besonderer Erinnerung und daher möchte ich die Gelegenheit nutzen, Ihnen mit diesem Blogeintrag interessante Aspekte aus einer jener Vorlesungen näher zu bringen, welche die Häufigkeitsverteilung von Krankheiten thematisierte. Zugleich möchte ich dadurch aufzeigen, wie wichtig es für die Forschung sein kann, in umfassendem Umfang Daten zu erheben. Mit diesen lassen sich nämlich kausale Zusammenhänge noch besser abbilden und verstehen, insbesondere auf der Suche nach den Ursachen sowie Risiken gewisser Erkrankungen wie beispielsweise Prostatakrebs.

Jeder Zweite wird an Krebs erkranken

Auch wenn zurzeit Corona die Berichterstattung dominiert, so werden uns nach Ende der Pandemie andere Krankheiten wieder stärker beschäftigen und den Diskurs um eine nachhaltige und gesellschaftlich anerkannte Gesundheitspolitik bestimmen. Um diesen Herausforderungen auch dereinst gerecht werden zu können, braucht es enorme Anstrengungen auf den unterschiedlichsten Ebenen der Gesundheitsversorgung. Dabei kommen insbesondere bei Krebserkrankungen der Prävention und Früherkennung eine besonders gewichtige Bedeutung zu. Und dennoch prophezeit Karl Lauterbach, derzeitiger deutscher Bundesminister für Gesundheit, in seinem Buch «Die Krebsindustrie», dass von den Angehörigen der Babyboomer-Generation der Jahrgänge 1950 bis 1970 jeder Zweite an Krebs erkranken wird[2]. Deren grösstes Risiko für Krebs sei nun mal leider die hohe Lebenserwartung, konstatiert Lauterbach.

Die kleine Schweiz mit ihren grossen Unterschieden: Was ist das Geheimnis der Tessiner?

Auch die Schweiz ist von dieser Tatsache nicht befreit. So stellte zwischen 2014 und 2018 Prostatakrebs die häufigste Krebserkrankung bei Männern (Neuerkrankungsrate von 118,4 pro 100’000 Einwohnern) und gleichzeitig auch die zweithäufigste Todesursache unter den Krebstodesfällen (Sterberate von 20,3 pro 100’000 Einwohnern) dar[3]. Auffällig dabei sind aber die Unterschiede zwischen den einzelnen Kantonen. So weisen die deutsch- und französischsprachige Schweiz eine höhere Neuerkrankungsrate und zugleich auch eine höhere Sterberate bei Prostatakrebs auf als die italienischsprachige. Weil keine nennenswerten regionalen Unterschiede in der Gesundheitsversorgung und den Vorsorgeuntersuchungen innerhalb der Schweiz bestehen, interessiert sich nun die Wissenschaft besonders für die Ursachen dieser regionalen Differenzen. Und so wird insbesondere nach möglichen protektiven Faktoren gesucht, von welchen die männliche Tessiner Bevölkerung vielleicht unbewusst profitiert.

Schützt die mediterrane Ernährung vor Krebs?

Auch wenn sich eine Herausarbeitung der Ursachen solcher Unterschiede als aufwendig und teilweise schwierig gestaltet, interessiert die Forschung dennoch die Frage: «Warum weist die italienischsprachige Schweiz eine geringere Neuerkrankungsrate für Prostatakrebs auf als die übrigen Regionen?» Gemäss der Krebsliga Schweiz existieren bis anhin keine Empfehlungen zur Vorbeugung von Prostatakrebs. Dennoch informiert sie, dass insbesondere der Lebensstil, also beispielsweise die Bewegung oder die Ernährung, die Entstehung gewisser Krebsarten beeinflussen kann. Vor diesem Hintergrund denkt man direkt an eine mögliche Korrelation zwischen der als gesund geltenden mediterranen Küche und der niedrigeren Rate an Neuerkrankungen bezüglich Prostatakrebs. Diese These wird auch durch die Tatsache gestützt, dass südeuropäische Länder wie Kroatien, Spanien, Zypern und Italien ebenfalls eine deutlich tiefere Inzidenz von Prostatakrebs aufweisen als ihre nördlichen Nachbarn. Der Ernährungshypothese widerspricht allerdings, dass die Schweiz innerhalb Europas eine deutlich höhere Inzidenz aufweist als beispielsweise Deutschland oder Österreich, beides Länder die doch einen ähnlichen Ernährungsstil pflegen.

Ist es doch die liebe Sonne?

Dennoch fällt auf, dass innerhalb Europas ein Nord-Süd-Gefälle besteht, also in Ländern mit weniger Sonnentagen eine erhöhte Inzidenz von Prostatakrebs besteht. Auch innerhalb der Schweiz verfügt nachweislich das Tessin über weit mehr Sonnentage als die Regionen nördlich der Alpengrenze. Bekanntlich ist Vitamin D für das Immunsystem unerlässlich, was eine tiefere Prostatakrebs-Inzidenz in Ländern, in welchen die Menschen einen Lebensstil mit erhöhter Sonnenexposition pflegen und dadurch Vitamin-D-Mangel weniger weit verbreitet ist, allenfalls erklären könnte. Der protektive Faktor von Vitamin D bezüglich der Entstehung von Krebs ist jedoch nach wie vor umstritten und wissenschaftlich noch nicht belegt.

Fragen über Fragen, aber die Wissenschaft bleibt dran

Daraus ergibt sich abschliessend für die Situation innerhalb der Schweiz noch keine Evidenz, dass durch die Wahl des richtigen Lebensstils oder durch Sonnenexposition eine tiefere Inzidenz von Prostatakrebs zu erwarten wäre. Das schweizerische Krebsregister erlaubt derzeit ebenfalls noch keine Aussagen dazu, da nur beschränkt Informationen zum Lebensstil vorhanden sind.

Sie sehen also, wie aufwendig sich daher die Suche nach Erklärungen solcher regionalen Unterschiede auch in einem kleinen Land wie der Schweiz gestalten kann. Gleichzeitig ist es wichtig, dass die Forschung über genügend und lückenlose Daten verfügt, um daraus Rückschlüsse für die zukünftige Gesundheit der Bevölkerung zu ziehen.

Romeo Albrecht ist Praktikant der Fachstelle Management im Gesundheitswesen am WIG.

Referenzen:

[1] Die Ihnen präsentierten Erkenntnisse stammen aus der Vorlesung «Prostata Cancer in Switzerland-large differences in a small country» von Frau Prof. Dr. Sabine Rohrmann (UZH)

[2] Lauterbach, Karl. (2015). Die Krebsindustrie. Rowohlt Berlin

[3] Bundesamt für Statistik BfS, Schweiz:  Spezifische Krebskrankheiten | Bundesamt für Statistik (admin.ch)


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