Wie wird eigentlich die Qualität und der Erfolg unserer Spitäler gemessen?

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Von Mélanie Stamm

Spitäler sind aus den gesundheitspolitischen Diskussionen nicht wegzudenken. Auch wenn sie neben der Grundversorgung mit den Hausarztpraxen, Apotheken und weiteren Akteuren nur ein Standbein unseres Gesundheitssystems sind, sind die Spitäler aufgrund ihrer Rolle als wichtige Arbeitgeber und der generierten Kosten ein besonders gründlich beobachteter Akteur. Ich habe mich daher gefragt, wie in der Schweiz aktuell die Qualität und der Erfolg der Akutspitäler gemessen und beurteilt wird, und in diesem Blogbeitrag eine kleine Übersicht zusammengestellt.

Eine Art der Erfolgsmessung betrifft die rein betriebswirtschaftliche Ebene. Die Spitäler und Spitalgruppen veröffentlichen ihre Jahreszahlen in hübsch ausgestalteten Jahresberichten, die oft sogar in einer animierten online-Version zur Verfügung stehen.[1] Hier geht es primär darum, ob das Spital bzw. die Spitalgruppe als Jahresergebnis einen Gewinn präsentieren kann oder einen Verlust erlitten hat, und natürlich um die Höhe dieses Betrages. Während der Covid-Pandemie haben diese Zahlen stark gelitten – das Ausbleiben des finanziellen Erfolgs bedeutet aber natürlich noch lange nicht, dass die Spitäler nicht qualitativ hochstehende Leistungen erbracht haben. Es braucht also mehr als nur die jährlichen Erfolgsrechnungen.

Die Beurteilung der Behandlungsqualität erfolgt beispielsweise auf Basis von Fallzahlen von einzelnen Operationen. Dabei wird gemessen, wie oft jedes Spital welche Operation in einem Jahr durchgeführt hat – und dabei wird Routine mit erhöhter Qualität gleichgesetzt. So werden die Vor- und Nachteile von Mindestfallzahlen regelmässig diskutiert und das Thema wird auch in den Medien immer wieder aufgegriffen.[2] Ob die Mindestfallzahlen als Qualitätsindikator direkt übernommen werden können, sollte eigentlich überprüft werden, indem beispielsweise der kurz- und langfristige Operationserfolg mit der Anzahl der durchgeführten Operationen in Relation gesetzt wird. Auch H+, der Verband der Schweizer Spitäler, empfiehlt, die Fallzahlen in Kombination mit Zahlen zur Ergebnis- und Indikationsqualität zu interpretieren.[3] Zusätzlich stellt sich die Frage, ob die Anzahl Operationen pro Operateur eventuell eine bessere Kennzahl bezüglich Operationsroutine darstellen würde als die Anzahl Operationen pro Spital.

Natürlich gibt es auch offizielle Qualitätsindikatoren des Bundesamts für Gesundheit (BAG) für die Akutspitäler. Diese fokussieren auf fünf verschiedene Aspekte: Fallzahlen, Mortalitätszahlen, Anteilswerte (z.B. Anteil Kaiserschnitten an allen stationären Geburten), Aufenthaltsdauern und Verlegungsraten. Diese Indikatoren werden für 60 Behandlungsbilder und Erkrankungen dokumentiert. Auch hier wird die Anzahl der Fälle also als Qualitätsindikator herbeigezogen, dabei aber mit weiteren Indikatoren ergänzt. Obwohl diese Indikatoren breiter aufgestellt sind als die zuvor genannten Kennzahlen, fällt auf, dass die Patientenperspektive auch hier fehlt. Es wird allerdings darauf hingewiesen, dass die (im Folgenden vorgestellten) Qualitätsindikatoren des ANQ als wertvolle Ergänzung der BAG-Indikatoren angesehen werden.[4]

Der Nationale Verein für Qualitätsentwicklung in Spitälern und Kliniken ANQ hat Qualitätsmessungen für Spitäler und Kliniken der Akutsomatik, der Psychiatrie und der Rehabilitation entwickelt. In diesen Messungen wird nun auch die Patientenzufriedenheit sowie weitere Qualitäts-Aspekte wie beispielsweise vermeidbare Rehospitalisierungen und Reoperationen oder Wundinfekte eingeschlossen. Diese Indikatoren werden auf der Webseite www.spitalinfo.ch verwendet, um den Patienten eine transparente Beurteilung der Qualität der zur Verfügung stehenden Spitälern zu ermöglichen. Auch der Spitalverband H+ bezieht sich in seiner Strategie zur Qualitätsentwicklung auf diese Indikatoren, welche breit anerkannt sind und eine deutliche Verbesserung der Qualitätsmessung darstellen.

Was in den Indikatoren des ANQ zwar vorkommt, aber auch nur via Proxy der Rehospitalisierung und Reoperation gemessen wird, ist der tatsächliche Outcome der Behandlungen. Sehr spannend wäre hier aber auch eine Untersuchung des Gesundheitszustandes und der Lebensqualität der Patienten einige Monate nach der Behandlung – schliesslich ist es doch aus Sicht des Patienten am wichtigsten, wie es sich nach einem Eingriff oder einer Behandlung lebt. Einzelne Spitäler erheben gemäss H+ bereits selbstständig sogenannte PROMs (patient-reported outcome measures) – doch eine Untersuchung über alle Schweizer Spitäler und verschiedenste Behandlungen und Eingriffe hinweg würde eine breit angelegte und längerfristig fortgeführte Patientenbefragung voraussetzen, die bezüglich Aufwand die bisherigen Befragungen der ANQ deutlich übertreffen würde.

So bleibt es vorläufig bei den bisherigen Messinstrumenten, die je nach Interesse und Blickwinkel einzeln oder in Kombination bereits ein relativ umfassendes Bild ergeben können – und doch aus meiner Sicht ein zentrales Element vermissen lassen.

Mélanie Stamm ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Team Gesundheitsökonomische Forschung am WIG.


[1] Beispiele finden sich hier Geschäftsbericht – 2020 USZ Jahresbericht (usz-jahresbericht.ch) oder hier Jahresbericht 2020 | Luzerner Kantonsspital (luks.ch)

[2] Zuletzt beispielsweise im SRF, siehe Mindestfallzahlen – Wenn Spitälern beim Operieren die Routine fehlt – News – SRF

[3] Siehe H+ (2021), Mindestfallzahlen: Grundlagen und H+ Position. URL: https://www.hplus.ch/fileadmin/hplus.ch/public/Politik/Position/Mindestfallzahlen_Grundlagen_und_Position_H__1.0_2021127_D_final.pdf

[4] Siehe BAG, Qualitätsindikatoren der Schweizer Akutspitäler 2019 – Facts and Figures 2019. URL:  https://spitalstatistik.bagapps.ch/data/download/qip19_facts_de.pdf?v=1621241045


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