Welche Aspekte der Ernährung führen zu welchem Verlust an Lebensjahren und Lebensqualität in der Schweiz?

Von Linda Vinci und Dr. Renato Mattli

Das WIG hat in Vergangenheit verschiedene Studien im Bereich der verhaltensbezogenen Risikofaktoren für nichtübertragbare Krankheiten in der Schweiz durchgeführt. Dabei lag der Fokus auf dem Tabakkonsum und der körperlichen Inaktivität. Gemäss der Global Burden of Disease (GBD) Studie sind Aspekte der Ernährung der verhaltensbezogene Risikofaktor, der nach dem Rauchen in der Schweiz am meisten Disability-Adjusted Life-Years (DALYs) verursacht. Aber welche Aspekte der Ernährung tragen wie viel zu dieser Krankheitslast bei?

Die GBD-Studie untersucht weltweit das Ausmass und die Ursachen für Krankheiten und Unfälle sowie deren Folgen. Neben den bekannten epidemiologischen Grössen wie Anzahl Todesfälle, Inzidenz und Prävalenz sind die DALYs eine wichtige Messgrösse. In den DALYs wird der Verlust an Lebensjahren und der Verlust and Lebensqualität in einer Messgrösse zusammengefasst.

Welcher Aspekt der Ernährung verursacht wie viele DALYs?

Bei den verhaltensbezogenen Risikofaktoren verursacht in der Schweiz der Tabakkonsum am meisten DALYs, anschliessend folgen die Ernährung, der Alkoholkonsum und die körperliche Inaktivität. Beim Tabakkonsum scheint der Zusammenhang zwischen dem Verhalten und den Krankheiten offensichtlich. Bei der Ernährung ist dieser Zusammenhang jedoch komplexer. Deshalb haben wir explorativ untersucht, welche ernährungsbezogenen Aspekte wie viele DALYs in der Schweiz verursachen (Tabelle 1). Gemäss diesen Daten der GBD-Studie verursachen die folgenden fünf ernährungsbezogenen Aspekte am meisten DALYs in der Schweiz: Eine vollkornarme Ernährung, eine Ernährung mit hohem Anteil an rotem Fleisch, eine hülsenfruchtarme Ernährung, eine Ernährung mit einem hohen Anteil an verarbeitetem Fleisch und eine ballaststoffarme Ernährung.

Tabelle 1: Durch ernährungsbezogene Aspekte verursachte DALYs in der Schweiz im Jahr 2019 gemäss Daten der GBD-Studie

Aspekt der ErnährungDALYsAnteil an gesamten DALYs
Zu wenig Vollkornprodukte40’3871.8%
Zu viel rotes Fleisch31’7491.4%
Zu wenig Hülsenfrüchte23’6361.1%
Zu viel verarbeitetes Fleisch18’9140.8%
Zu wenig Ballaststoffe18’3400.8%
Zu viel Salz14’3440.6%
Zu wenig Früchte14’3280.6%
Zu viele Transfettsäuren11’1090.5%
Zu wenig Gemüse9’6650.4%
Zu wenig mehrfach ungesättigte Fettsäuren5’5850.2%
Zu viele gezuckerte Getränke5’1960.2%
Zu wenig Omega-3-Fettsäuren5’0760.2%
Zu wenig Nüsse und Samen4’1990.2%
Zu wenig Milch3’9690.2%
Zu wenig Kalzium1’4380.1%
Quelle: Global Burden of Disease Collaborative Network. Global Burden of Disease Study 2019
(GBD 2019) Results. Seattle, United States: Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME), 2020. Available from
http://ghdx.healthdata.org/gbd-results-tool.

Welche Krankheiten werden mit welchem Aspekt der Ernährung in Verbindung gebracht?

Wie Tabelle 2 erkennen lässt, werden primär kardiovaskuläre Krankheiten, Diabetes Typ 2 und verschiedene Krebsarten mit den berücksichtigten Aspekten der Ernährung in Verbindung gebracht. Dabei muss beachtet werden, dass die metabolischen Risiken, wie beispielsweise hoher Blutdruck oder hoher Body Mass Index, als eigene Risikofaktoren berücksichtigt werden (siehe einleitende Abbildung). Auch der Alkoholkonsum wird als separater Risikofaktor analysiert.

Tabelle 2: Aspekt der Ernährung und berücksichtigte Krankheiten in der GBD-Studie

Bezug zur Schweizer Lebensmittelpyramide

Wenn wir die Resultate mit der Schweizer Lebensmittelpyramide (Abbildung 1) vergleichen, dann sind die Aspekte, welche gemäss der GBD-Studie in der Schweiz aktuell am meisten DALYs verursachen, tendenziell in der Mitte der Pyramide zu finden. Es geht dabei um Getreideprodukte, den Fleischkonsum, Hülsenfrüchte und Ballaststoffe (welche aus unterschiedlichen Quellen wie Obst, Gemüse, Getreide oder auch Hülsenfrüchten stammen können).

Abbildung 1: Schweizer Lebensmittelpyramide

In der GBD-Studie werden nicht alle verfügbaren Schweizer Daten berücksichtigt

Eine Stärke der GBD-Studie ist sicherlich die internationale Vergleichbarkeit der Ergebnisse. Wie wir aber bereits bei verschiedenen Projekten feststellen konnten, können sich die Ergebnisse durchaus unterscheiden, wenn wir Schweiz-spezifische Datenquellen verwenden. Auch die GBD-Studie verwendet verschiedene Datenquellen aus der Schweiz. Im Bereich der Ernährung scheint sie aber beispielsweise die Ergebnisse der nationalen Ernährungserhebung menuCH nicht zu verwenden. Ein wichtiges Ergebnis von menuCH zeigt die Abbildung 2. Darin ist zu erkennen, dass im Vergleich zur Empfehlung in der Schweiz zu viel Fleisch, «hinzugefügte tierische Fette» sowie «Süssigkeiten, salzige Snacks und Alkohol» konsumiert wird und zu wenig «Früchte und Gemüse», «Getreide und Kartoffeln», «Milchprodukte» und «hinzugefügte pflanzliche Öle». Es wäre sicherlich spannend, die Ergebnisse der GBD-Studie anhand der Ergebnisse von menuCH im Detail zu plausibilisieren…

Abbildung 2: Empfehlung versus Realität gemäss menuCH

Linda Vinci ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Fachstelle HTA und gesundheitsökonomische Evaluationen am WIG.

Renato Mattli ist Teamleiter der Fachstelle HTA und gesundheitsökonomische Evaluationen am WIG.

Referenzen:

  1. Chatelan, A., Beer-Borst, S., Randriamiharisoa, A., Pasquier, J., Blanco, J. M., Siegenthaler, S., Paccaud, F., Slimani, N., Nicolas, G., Camenzind-Frey, E., Zuberbuehler, C. A., & Bochud, M. (2017). Major Differences in Diet across Three Linguistic Regions of Switzerland: Results from the First National Nutrition Survey menuCH. Nutrients, 9(11), 1163. https://doi.org/10.3390/nu9111163


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