Management im Gesundheitswesen

Mit Reisen monatlich 10‘000 Franken im Gesundheitswesen verdienen

Quelle: Colourbox.de

Von Sarah Schmelzer

Immer noch kämpfen Spitäler um qualifizierte Pflegefachpersonen, welche insbesondere auf Covid-19-Stationen Patientinnen und Patienten betreuen. Wie prekär die Situation ist, zeigt sich beispielsweise am Freiburger Kantonsspital. Dieses baute erst kürzlich drei Betten auf der Intensivstation ab. Die Empörung in der Bevölkerung war angesichts der schweizweiten hohen Auslastung der Intensivbetten hoch. Der Hintergrund des Abbaus ist ein altbekannter: Fachkräftemangel. Nur dort wo Fachpersonal vorhanden ist, können auch Intensivbetten betreut werden.

In solchen Situationen hilft manchmal ein Blick in andere Gesundheitssysteme: Die Realität in den USA, mit einem vergleichbaren Fachkräftemangel, sieht so aus: In einem Markt, welcher durch Angebot und Nachfrage bestimmt wird, gewinnt nicht selten derjenige, der am meisten bezahlt.

Travel Nurses als neue Arbeitsform?

Erst kürzlich wurde bekannt, dass sogenannten Travel Nurses in den USA horrende Wochenlöhne versprochen werden, wenn diese bereit sind, kurzfristig ihren Arbeitsort auf eine Covid-19-Station in einem anderen Spital zu wechseln. Als Gegenleistung für ihre Bereitschaft erhalten sie bis 12’000 Dollar Wochenlohn bezahlt. Agenturen, welche diese Kurzeinsätze vermitteln, sind zurzeit auf der Suche nach bis zu 30’000 arbeitswilligen Pflegefachpersonen. Ist das also eine neue, innovative Arbeitsform, welche den Arbeitsmarkt von Pflegefachpersonen zukünftig prägen wird?

Nicht ganz. Das Konzept der Travel Nurses existiert in den USA schon seit den 80er Jahren. Es handelt sich dabei um qualifizierte Pflegefachpersonen, die sich durch eine hohe Flexibilität, aber auch eine fundierte Expertise auszeichnen. Motiviert werden sie einerseits durch die Möglichkeit des Reisens, andererseits aber auch durch die Bezahlung. Schon vor Corona war ihr Lohn, verglichen mit einer festangestellten Pflegefachperson, tendenziell etwas höher, jedoch nicht doppelt so hoch.

Die Kehrseite der Medaille

Die aktuellen Entwicklungen werden von vielen kritischen Stimmen begleitet. So werden Festangestellte in Spitälern abgeworben und in Travel Nurses umgewandelt. Das bedeutet aber auch, dass sie an ihrem vorherigen Arbeitsort eine Lücke hinterlassen. Ob sie dort weniger dringend gebraucht worden wären, ist fraglich. Oft werden sogar Kündigungsfristen ignoriert, was eine Rückkehr an den ehemaligen Arbeitsplatz erschweren wird.

Die Arbeit als Travel Nurse bedeutet auch ein Verzicht auf das eigene soziale Umfeld. Die Freizeit wird fernab von Familie und Freunden verbracht. Durch den häufigen Wechsel des Arbeitsortes gelingt eine Integration in die Teams kaum. Im Gegenteil – die neuen Arbeitskolleginnen und -kollegen, welche ja den gleichen Job machen, können den Travel Nurses wegen des hohen Lohns sogar mit viel Missgunst begegnen.

Fraglich ist aus Perspektive einer Travel Nurse, ob es sich lohnt, für einen kurzfristigen, sehr hohen Verdienst auf ein funktionierendes soziales Umfeld zu verzichten, in einem angespannten Teamklima zu arbeiten und sich eine Rückkehr an den vertrauten Arbeitsplatz zu erschweren.

Integration ins Schweizer Gesundheitssystem?

Angesichts der anfangs erwähnten, prekären Situationen in den Schweizer Spitälern stellt sich die Frage, ob dieses Modell irgendwann in der Schweiz adaptiert werden wird. Obwohl es in der Schweiz bereits Agenturen wie beispielsweise Careanesth gibt, welche Pflegefachpersonen für kurzfristige Einsätze vermitteln, erfolgt dies bislang zu einem Einheitspreis. (Noch) wird das Abwerben von Personen durch hohe Löhne unter den Pflegefachpersonen als unethisch, mit fehlender Loyalität und Fairness assoziiert. Vermutet wird daher, dass Pflegefachpersonen in einem solchen Modell auf viel Abneigung im Arbeitsalltag selbst stossen würden. 

Fakt ist, dass sich die Arbeitsformen von Pflegefachpersonen ändern. Die Pandemie hat uns gelehrt, dass wir noch intensiver nach innovativen Lösungsansätzen suchen müssen, um ein lange bestehendes Problem zu beheben. Wie sich dieser Markt entwickelt und was die Potentiale und Herausforderungen dabei sind, untersuchen wir aktuell im SNF Projekt zu der Online-Vermittlung von Pflegefachpersonen.

Sarah Schmelzer ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Team Management im Gesundheitswesen am WIG.

Quellen:
https://www.medinside.ch/de/post/freiburger-kantonsspital-reduziert-intensivbetten

https://www.houstonchronicle.com/news/houston-texas/health/article/Job-offers-of-up-to-12-000-a-week-lure-Houston-15875348.php

Gan, I. (2020). How do nurse managers describe clinical nurses‘ work arrangements? A qualitative study. Nursing open7(1), 160-169.

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