Management im Gesundheitswesen

Die drei dringendsten Fragen zum Thema Digitalisierung des Schweizer Gesundheitswesens

Quelle: Colourbox.de

Von Prof. Dr. Alfred Angerer

Eine gefühlte Wahrheit: Die Digitalisierung ist die grösste Herausforderung unserer Zeit für die Führungskräfte im Gesundheitswesen. Wie bei allen Herausforderungen gibt es da viele offen Fragen. Doch wenn man die Top-3 der offenen Fragen zum Thema Digitalisierung auflisten würde, welche wären diese wohl?

Um die dringendsten Fragen herauszufinden, haben wir es uns einfach gemacht: Wir haben den Spiess umgedreht und die Frage an das Publikum weitergeleitet. In meinem zweiwöchentlichen Podcast «Marktplatz Gesundheitswesen» (www.gesundheitswesen.org) habe ich zusammen mit dem Digital Manager der Schulthess Klinik, Stefan Lienhard, die Frage gestellt: «Welche dringenden Fragen habt ihr rund um das Thema Digitalisierung?» Darauf haben die Zuhörerinnen und Zuhörer zahlreich geantwortet. Wenn man die vielen Fragen, die wir erhalten haben, kondensiert und kategorisiert, dann ergeben sich drei Fragengebiete: Transformationsprozess, Patientennutzen und Künstliche Intelligenz (KI). In diesem Blogbeitrag möchte ich diese drei Fragengebiete etwas genauer anschauen.

Transformationsprozess – Das «wie» der Digitalisierung

In diesem ersten Cluster gab es einige Fragen zur konkreten Umsetzung des Transformationsprozesses. So wollte beispielsweise Marco Richard, Verantwortlicher des Prozessmanagements am Kantonsspital Winterthur, wissen, worauf sich die Spitalführung besonders konzentrieren muss, wenn sich die Organisation digital transformieren will. Dies zeigt das Mindset vieler unserer Leistungserbringer. Es geht nicht mehr um das «ob», sondern vor allem um das «wie». Da die Ressourcen knapp sind, müssen wir einen klaren Transformationsplan entwickeln – so wie schon bei der Lean Transformation, ist dieser Plan ein komplexes Gebilde, das eine klare Vision enthalten muss, Strukturen und Spielregeln innerhalb der Organisation neu definiert und die Mitarbeitenden sowie Patientinnen und Patienten für diese Transformationsreise begeistern muss. Ein nicht triviales Unterfangen, das eher an einen Marathon als an einen Sprint erinnert.

Die Patientensicht – der konkrete Nutzen der Digitalisierung

Als Ökonom ist man gerne mit der Gestaltung und Optimierung von Gesundheitssystemen beschäftigt. Doch man darf niemals vergessen, dass diese Systemoptimierung keinen Selbstzweck verfolgt, sondern ein klares Ziel haben muss: Nutzen für die Patientinnen und Patienten. Unter knappen Ressourcen soll möglichst viel Wert für sie entstehen. Deswegen sind Fragen wie beispielsweise nach dem Nutzen einzelner Digitalisierungselemente ein Dauerbrenner. So wurden zum Thema elektronisches Patientendossier (EPD) gleich mehrere Fragen gestellt. Und hier zeigt sich die potenzielle Kraft der Digitalisierung: Denn wenn man es schafft, digitale Lösungen zu entwickeln, die sowohl aus Patientensicht erwünscht («alle Informationen an einem Ort») als auch aus Systemsicht ökonomisch attraktiv («keine Doppelbehandlungen») sind, dann hat man echten Wert geschaffen. Jedoch merken wir am Institut täglich, wie schwer es ist, diesen Nutzen hart zu quantifizieren. Zurzeit sind wir im Spital Triemli und Waid mit Forschungsgeldern der Innosuisse unterwegs, um den Nutzen einer KIS-Einführung (Krankenhausinformationssystem) zu bestimmen. Eine schwierige Aufgabe, die immer noch viele einzelne manuelle Messungen, Beobachtungen, Befragungen und Modellierungen benötigt, welche schliesslich auch nur einen Teil des Gesamtnutzens wirklich quantifizieren können.

Künstliche Intelligenz – die grosse Unbekannte

Aus all den vielen Werkzeugen der Digitalisierung hat eine bestimmte Technologie besonders viel Aufmerksamkeit erhalten: KI – Künstliche Intelligenz (besser: Maschine Learning). Ein Grund dafür ist sicherlich, dass uns dieses Thema schon seit Jahrzehnten begleitet und die Fantasie vieler beflügelt. Immer wieder gab es Hype-Zyklen, in dem der Durchbruch der KI verkündet wurde. Um dann in sogenannte «KI-Winter» zu münden, sprich Jahre, wo das Thema als Sackgasse betrachtet wurde.

Abbildung: Die KI-Winter. Quelle: Angelehnt and B. Agapiev

Die KI-Fragen, die wir erhalten haben, drehten sich um grosse Themen wie Arbeitsplatzverlust und die Stärken/Schwächen der KI. Natürlich gibt es auch bei diesem komplexen Thema keine einfachen Antworten. In unserer Analyse zum Thema «KI-Einsatz an Schweizer Spitälern» sind wir der Frage nachgegangen, was tatsächlich schon im Spital-Alltag mit KI gemacht wird. Die Kurzantwort ist ein «noch relativ wenig». Aber die wenigen Fallstudien, die wir gesehen haben, waren jetzt schon sehr beeindruckend. Die überwiegende Mehrheit der Befragten versprach sich im Bereich Qualität sehr grosse Fortschritte in den nächsten zehn Jahren. Das Thema KI ist also heiss und verdient wohl einen eigenen Blogbeitrag.

Fazit

Natürlich war diese Befragung der Zuhörerinnen und Zuhörer des Podcasts nicht repräsentativ für die gesamte Schweiz. Ausserdem ist der Podcast an Fachleute gerichtet und nicht an die breite Bevölkerung. Damit verschiebt sich automatisch der Fokus der gestellten Fragen. Spannend waren auch die Fragen, die nicht gestellt wurden. So gab es keine Fragen zum Thema Datensicherheit. Da scheint schon genug gesagt worden zu sein: Frei nach dem Motto «Nicht mehr darüber reden, sondern machen.»

Insgesamt würde ich das kleine Q&A-Experiment als erfolgreich betrachten. Wir haben sehr schwierige, gute Fragen erhalten. Fragen, auf die wir auch nicht die finalen Antworten haben, sondern eher Antwortskizzen. Es sind Fragen, die wir alle gemeinsam in den nächsten Jahren beantworten müssen, denn diese Antworten werden stark bestimmen, wie unser zukünftiges (digitales) Gesundheitswesen aussehen wird.

Prof. Dr. Alfred Angerer ist Leiter der Fachstelle Management im Gesundheitswesen am WIG.

Anmerkungen:

  • Bitte vormerken: Am 16. September 2021 findet der 3. Digital Health Lab Day zum Thema «Implementing Digital Health Innovations» statt.
  • Dort wird auch der aktuellste Digital Health Report 2021 vorgestellt. Der letzte Report «Digital Health – Revolution oder Evolution? Strategische Optionen im Gesundheitswesen» ist hier kostenlos erhältlich.
  • Die erwähnte Q&A Folge vom Podcast «Marktplatz Gesundheitswesen» ist hier abrufbar oder überall, wo es Podcasts gibt (bspw. Spotify, Apple Podcasts).
  • Anmeldung für Informationen zu Veranstaltungen des WIG. Hier.

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