Weiterbildung

Einen Vitra-Sessel für jedes Spitalzimmer, bitte!

Quelle: Colourbox

Von Olivia Malek

Warum eigentlich nicht? Ich könnte mich mit der Vorstellung gut anfreunden: Top durchdesignte Spitalzimmer für jeden Patienten! Es liegt allerdings auf der Hand, dass wir im Gesundheitswesen nicht unbedingt diese Richtung ansteuern sollten. Und doch stolpere ich in meiner täglichen Arbeit als Studiengangleiterin am Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie immer wieder über den Begriff «Design».

ÄrztInnen und Pflegende als Designer

Neben der hauptsächlichen Tätigkeit den Gesundheitszustand der Patienten zu verbessern, ist das medizinische Fachpersonal immer mehr gefordert auch betriebswirtschaftliche Herausforderungen anzugehen: Sei es z.B. im Entwickeln von Zusammenarbeitsmöglichkeiten mit externen Akteuren oder Kreieren neuer Arbeits-/Behandlungsabläufe. «Entwickeln», «Kreieren», «Schaffen», «Konzipieren»… Begriffe, die eben nicht nur im engeren Sinne einen Designer ausmachen.

«Dafür habe ich keine Zeit!»

Es ist uns allen bewusst, dass nicht nur im aktuellen Pandemie-Zeitalter das medizinische Personal an seine Grenzen kommt. Die Situation ist angespannt und die Prioritäten liegen einfach in der Behandlung der Patienten. Projekte, ausserhalb der eigentlichen medizinischen Tätigkeit kommen oftmals zu kurz, und werden gerne hinausgeschoben. Da wäre es doch schön, ein Tool zu haben, welches einen dabei unterstützt, Probleme und Herausforderungen in kurzen regelmässigen Abständen anzugehen und vor allem eins, welches nicht viel Zeit in Anspruch nimmt. Und genau das verspricht die Methode des Design Thinking.

Design Thinking: Zwei grundlegende Prinzipien

Der Name ist Programm: «Denke wie ein Designer». Um das Mindset in seiner Gänze zu erfassen sowie die einzelnen Phasen im Detail zu durchleuchten, empfehle ich das Video mit Tim Brown und die Webseite des Hasso-Plattner-Instituts (siehe Referenzen unten). Die drei grundlegenden Prinzipien dieses Tools möchte ich dennoch gerne hier aufgreifen1:

  1. Empathie – Um Lösungen für ein spezielles Problem zu finden, braucht es den Blick auf die Zielgruppe. Wer ist von dem Problem betroffen und wem soll es mit einer Lösung besser gehen? Je nach Fragestellung können es die eigenen Patienten sein, aber auch andere Personengruppen, wie z.B. Kollegen anderer Kliniken oder Lieferanten von Medizinalprodukten. Das Ziel in diesem ersten Schritt ist, möglichst viel über ihre Bedürfnisse zu lernen, indem wir unsere Zielgruppe beobachten und mit ihr interagieren.
  2. Handeln – Aus der Vielzahl der gesammelten Informationen über unsere Zielgruppe ergeben sich bereits die ersten Ideen für potenzielle Lösungsmöglichkeiten. Nun gilt es sich nicht lange mit Nachdenken und perfekt ausgearbeiteten Konzepten zu befassen. Einfach mal machen! Dies geschieht am ehesten mit dem Erstellen einfachster Prototypen, als haptische Objekte, als Comics oder als Rollenspiele, um diese grobe Ausarbeitung bereits in einer sehr frühen Phase im geschützten Raum zu testen. Eine frühe Testung führt zwangsläufig zu Fehlern. Aber nur so schaffen wir es, mehr über unsere Zielgruppe zu erfahren und eine verbesserte Lösung anzustreben.
  3. Iteration – Deswegen zeichnet sich Design Thinking als iterativer Prozess aus. Es werden Ideen kreiert, diese sogleich als Prototyp getestet, um dann ein schnelles Feedback zu erhalten mit dem Ziel einen verbesserten Prototypen zu generieren und diesen wiederum zu testen.

Empathie Ja – Handeln Naja, oder doch?

Dem Empathie-Prinzip ist nichts entgegenzusetzen, denn es ist einleuchtend, dass man nur eine Lösung für eine Zielgruppe erarbeiten kann, wenn man deren Bedürfnisse, Wünsche und Ängste kennt. Schwieriger fassbar ist das Prinzip des Handels und der Iteration: Besonders im Gesundheitswesen müssen Lösungen optimal sein und Fehler weitestgehend vermieden werden, denn es geht letztendlich um die Gesundheit der Patienten. Dieses Verständnis ist naturgemäss tief im medizinischen Fachpersonal verankert. Aber vielleicht lässt sich an diesem Verständnis ein wenig, mit dem folgenden Beispiel2, rütteln.

The Rotterdam Eye Hospital

Die Rotterdamer Augenklinik stand vor der Aufgabe, die Patientenauslastung zu erhöhen. Mit Hilfe des Design Thinking-Ansatzes evaluierte das Team in einem ersten Schritt die Erfahrung und die Bedürfnisse der jungen Patienten. Dabei wurde schnell deutlich, dass die Kinder Ängste verspürten, nach der Behandlung zu erblinden. So abwegig dies für uns manchmal auch klingt, so wichtig ist es, diese negativen Gefühle ernst zu nehmen.

Als primäres Ziel galt demnach die Reduktion der Ängste. Nach einer kurzen Ideengenerierung wurden sogleich die ersten (kleinen) Anpassungen umgesetzt. Eine dieser Ideen war eine App, wo die Kinder spielerisch lernten, dass Augentropfen sie nicht verletzen, sondern lediglich ein wenig kitzeln können. Darüber hinaus erhielten die Kinder vor der Behandlung ein T-Shirt mit einem speziellen Tieraufdruck und mit der Aufforderung dieses T-Shirt in der Klinik zu tragen. Die behandelnde Ärzteschaft trug einen Sticker mit eben diesem Tier. Dies führte zwischen ihnen und den Kindern zu einem Gemeinschaftsgefühl.

Das Ziel, die Ängste der kleinen Patienten zu reduzieren und ihnen dabei ein positives Gefühl zu vermitteln, wurde erreicht. Die Ergebnisse waren weniger komplizierte Behandlungen und vor allem eine Erhöhung der Patientenauslastung; und dies mit einem geringen finanziellen sowie zeitlichen Aufwand.

Epilog

Anhand des oben erwähnten Beispiels lässt sich leicht erkennen, dass es möglich ist, mit wenig Aufwand viel zu bewirken. Wir sind heutzutage in unserem (Arbeits-)Leben mit Herausforderungen konfrontiert, die es vor zehn Jahren noch nicht gab. Die Standardverfahren helfen eben nicht mehr unsere Probleme zu lösen. So ist die Design Thinking-Methode eine gangbare Möglichkeit Entwicklungspotenziale zu erkennen und auf innovative und kreative Art auf die Zukunft zu reagieren.

Olivia Malek ist Studienleitung CAS am WIG.

Weiterführende Quellen zum Thema

1 Hollenstein, E., Angerer, A., Liberatore, F., Kriech, S. und Kikel, V. (2018). Innovative Krankenhausprozesse nach dem Design Thinking-Ansatz – Die Potenziale interprofessionell genutzter Simulationszonen. In M. A. Pfannstiel, P. Da-Cruz und C. Rasche (Hrsg.): Entrepreneurship im Gesundheitswesen III. S. 97 – 114. Heidelberg/Berg: Springer Verlag.

2 Het oog ziekenhuis rotterdam (2021). The Rotterdam Eye Hospital. Abgerufen von https://www.oogziekenhuis.nl/the-rotterdam-eye-hospital

Harpernik S., Muller F. (2020). Patienten ins Zentrum stellen mit Design Thinking. Abgerufen von https://www.medinside.ch/de/post/die-patienten-ins-zentrum-stellen-mit-design-thinking

TED (2009). Tim Brown urges designerst o think big. [Video Datei]. Abgerufen von https://www.youtube.com/watch?v=UAinLaT42xY 

Hasso-Plattner-Institut (2021). Die sechs Schritte im Design Thinking Innovationsprozess. Abgerufen von https://hpi.de/school-of-design-thinking/design-thinking/hintergrund/design-thinking-prozess.html

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