Versorgungsforschung

Was bringen Disease-Management-Programme in der Behandlung von Diabetes?

Quelle: Colourbox

Von Dr. Brigitte Wirth

Gemäss Schätzungen des BAG leiden in der Schweiz ca. eine halbe Million Menschen an Diabetes. Die Tendenz ist steigend. Die Prävalenz steigt mit zunehmendem Alter stark an: bei den über 75-Jährigen litten 2017 15% der Männer und 10% der Frauen an Diabetes. Diese Entwicklung hat Auswirkungen auf die entstehenden Gesundheitskosten. Um diese einzudämmen, werden auch in der Schweiz zunehmend strukturierte, evidenzbasierte Behandlungsprogramme, sog. Disease-Management-Programme (DMP), in der Behandlung von Diabetes eingesetzt. Dabei wird zusammen mit den Patientinnen und Patienten ein individueller Behandlungsplan erstellt, und Massnahmen und Ziele werden definiert und in regelmässigen Abständen überprüft. Weitere wichtige Bestandteile eines DMPs sind die Behandlung durch interdisziplinäre Teams sowie deren regelmässige Weiterbildung. Im Auftrag der SWICA Krankenversicherung haben wir untersucht, was solche Programme in Bezug auf Wirtschaftlichkeit und Qualität in der Behandlung von Diabetikerinnen und Diabetikern bringen.

Basierend auf Abrechnungsdaten der SWICA Krankenversicherung verglichen wir 530 Diabetikerinnen und Diabetiker, welche in einem DMP betreut wurden, mit einer Kontrollgruppe von 5050 Diabetikerinnen und Diabetikern, die nicht in einem solchen Programm behandelt wurden. Um die Gruppen vergleichen zu können, konstruierten wir mittels sog. Matching-Verfahren zwei Gruppen, die im Hinblick auf diverse Merkmale identisch sind (z.B. Alter, Geschlecht, Begleiterkrankungen). Dann verglichen wir, ob und wie sich die beiden Gruppen bzgl. Kosten und Anzahl Hospitalisationen unterschieden. Zudem wollten wir wissen, ob die Behandlungsqualität in den beiden Gruppen unterschiedlich war. Dazu verglichen wir die Gruppen im Hinblick darauf, ob die Behandlung gemäss den entsprechenden Richtlinien durchgeführt wurde, ob also Blutzucker- und Blutfettwerte sowie Nieren und Augen regelmässig untersucht wurden.

Bessere Behandlungsqualität und weniger Hospitalisationen bei geringeren Kosten?

Die Behandlungsqualität entwickelte sich in der DMP-Gruppe signifikant besser als in der Kontrollgruppe, v.a. weil sich die Anzahl der Nierenuntersuchungen in der DMP-Gruppe um 10% und die Anzahl der Augenuntersuchungen um 6% erhöhte, diese in der Kontrollgruppe aber ungefähr konstant blieb. Bei den Patientinnen und Patienten, welche in einem DMP behandelt wurden, lag der Anteil der Hospitalisationen im Jahr 2019, zwei Jahre nach Einführung des DMPs, um 4% tiefer relativ zum Baselinejahr 2017 und der Kontrollgruppe (Difference-in-Difference-Schätzer). Bei den DMP-Patientinnen und Patienten reduzierten sich zudem die gesamten Gesundheitskosten um 909 CHF pro Person, was rund 10% der Gesamtkosten von 8783 CHF in der DMP-Gruppe und 11450 CHF in der Kontrollgruppe entspricht. Die Unterschiede in den Hospitalisationen und in den Kosten waren statistisch nicht signifikant, und die Resultate müssen daher vorsichtig interpretiert werden.

Wie verhalten sich die gefundenen Effekte über längere Zeit?

Tiefere Kosten und weniger Hospitalisationen bei besserer Behandlungsqualität – obwohl nur teilweise statistisch signifikant, sind diese Resultate auf jeden Fall vielversprechend: hochgerechnet auf alle Diabetikerinnen und Diabetiker in der Schweiz könnten so möglicherweise Millionen eingespart werden. Unsere Resultate bekräftigen eine ähnliche Schweizer Studie, welche mit Daten eines anderen Krankenversicherers (Helsana) mögliche Einsparungen durch die Einführung von DMPs in der Diabetesbehandlung von 778 CHF pro Person errechnete bei gleichzeitig geringerer Hospitalisationswahrscheinlichkeit Bericht. Interessant ist es nun, die Auswirkungen von DMPs auf die Kosten und Qualität der Diabetesbehandlung über längere Zeit zu verfolgen, um zu sehen, ob sich die gefundenen Effekte auch längerfristig zeigen.

Brigitte Wirth ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Versorgungsforschung am WIG. Ebenfalls am Projekt beteiligt waren Marc Höglinger, Teamleiter der Versorgungsforschung am WIG, Maria Carlander, Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Versorgungsforschung am WIG sowie mehrere Personen von SWICA und Medbase.

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