Management im Gesundheitswesen

Wie die Digitalisierung den Fachkräftemangel entschärfen soll

Quelle: Colourbox.de

Von Sarah Schmelzer

Überlastung, Pflegenotstand, Fachkräftemangel. Das sind nur einige Stichworte, welche uns täglich in den Medien begegnen. Durch die aktuelle Corona-Pandemie ist die Thematik wieder stärker ins Bewusstsein gerückt. Jedoch ist das Problem nicht neu, sondern begleitet das Gesundheitswesen schon seit vielen Jahren, wie auch ein vergangener Blogbeitrag zeigt.

Was dabei oft vergessen wird ist, dass es doch bereits vielversprechende Lösungen gibt! Ob diese wirklich halten, was sie versprechen und damit systemrelevant sein können, will ein aktuelles SNF-Forschungsprojekt des WIG analysieren.

Crowd Working als Lösung?

Eine der Herausforderungen für Pflegefachpersonen ist die Vereinbarkeit von Beruf- und Privatleben. Es ist frustrierend, wenn ich dann arbeite, wenn alle anderen Wochenende haben oder die Feiertage nicht mit der Familie, sondern im Betrieb verbringen muss. Natürlich ist dies den meisten Fachpersonen bei der Berufswahl bewusst, jedoch kann das Gefühl, keinen Einfluss auf die Schichtplanung zu haben, langfristig belastend sein. So sind diese Überlegungen ein gewichtiger Grund, wieso fast 50% der Pflegefachpersonen nicht langfristig in ihrem Beruf bleiben wollen. Würden weniger Pflegefachpersonen den Beruf verlassen, könnte der Fachkräftemangel deutlich entschärft werden.

Mehr Selbstbestimmung bei der Schichtplanung verspricht die digitale Vermittlungsplattform von Careanesth. Die innovative Plattform greift die Idee von anderen Crowd-Working-Plattformen (bspw. Uber) auf: Pflegefachpersonen erfassen ihre Verfügbarkeiten in einem Onlinekalender. Kann eine Institution eine oder mehrere Schichten nicht mit dem bestehenden Personal abdecken, können entsprechende Pflegefachpersonen online gebucht werden. Die Pflegefachpersonen arbeiten in der neuen Arbeitsform ganz oder teilweise als Temporärkräfte. Ihr Pensum schwankt mit den Schichten, für die sie über die Plattform gebucht werden.

Also eigentlich eine Win-Win Situation für alle. Die Pflegefachpersonen können selbstbestimmt ihre Schichtpläne gestalten, Institutionen können die Personalbesetzung ihrer Schichten bedarfsgerechter vornehmen und das Ganze ist digital. Zahlreiche Spitäler in der deutschsprachigen Schweiz arbeiten bereits mit dieser Plattform-Lösung.

Die Relevanz von digitalen Plattformen zeigt sich genau jetzt

Die digitale Vermittlungsplattform wurde bereits Anfang der 2000er Jahre entwickelt und steht seither im Einsatz. Doch gerade im Zusammenhang mit Covid-19 wird die Wichtigkeit und das Potential von digitalen Plattformen für den flexiblen Einsatz von medizinischem Personal nochmals offenbar. Intensivstationen, Testcenter und neu die Impfcenter haben grosse Personalbedarfe und müssen diese schnell und flexibel nach Belegungszahlen bzw. Test/Impf-Intensität hoch- und runterfahren können, das Personal anderer Abteilungen und Stationen ist wiederum gegenwärtig weniger ausgelastet.

Konventionellen Koordinationsmethoden (bspw. telefonisch) fehlt hier die nötige Agilität. Deshalb bewährt sich auch hier die digitale Lösung, welche Einsatzwillige und Institutionen schnell und unkompliziert zusammenbringt.

Evidenzgrundlagen fehlen (noch)

Was bisher fehlt, ist ein fundiertes Forschungswissen zu den Auswirkungen der digitalen Arbeitsvermittlung von Pflegefachpersonen. Diese Forschungslücke soll in dem laufenden SNF-Projekt «Crowd Working in der Schweiz (CroWiS)» unter der Leitung von PD Dr. Florian Liberatore geschlossen werden. Zusammen mit den Universitäten Basel und Fribourg untersucht die ZHAW die Effekte auf individueller, organisatorischer und gesellschaftlicher Ebene. Die zentralen Projektziele umfassen:

  • Den Marktmechanismus auf Online-Plattformen für Temporärarbeit sowie die Konsequenzen für die Arbeits- und Lebenswelten des Temporärpersonals zu verstehen.
  • Die Auswirkungen von plattformbasierter Temporärarbeit für die Arbeitsorganisation, -abläufe und die Qualität der Arbeitsergebnisse offenzulegen.
  • Die Auswirkungen auf den Fachkräftemangel in der Schweiz zu quantifizieren.
  • Den regulatorischen Bedarf bei diesen Arbeitsformen auszuarbeiten.

Weitere Informationen zum laufenden Projekt finden sich hier. Zudem wird über die Ergebnisse laufend auf diesem Blog berichtet. 

Sarah Schmelzer ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Team Management im Gesundheitswesen am WIG.

Discussion

2 responses to ‘Wie die Digitalisierung den Fachkräftemangel entschärfen soll

  1. Spannendes und wichtiges Thema! Danke für diesen anschaulichen Beitrag! Wann kann man etwa mit einem Abschluss des Projekts rechnen? Viele Grüsse von ZHAW digital

    • Vielen Dank für die Frage.
      Das Gesamtprojekt wird Mitte 2024 abgeschlossen sein. Bis dahin werden wir laufend auf diesem Blog über Ergebnisse der Teilprojekte berichten.
      Liebe Grüsse
      Sarah

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