HTA und Gesundheitsökonomische Evaluationen

Wie sinnvoll sind Vitamin-D-Tests in der Allgemeinbevölkerung?

Quelle: Colourbox.de / Motortion

Von Christina Tzogiou und Renato Mattli

Das Thema «Vitamin D» kann teils zu hitzigen Diskussionen führen. Solche Diskussionen reichen von Referenzwerten für den Behandlungsfall und den Nutzen der Vitamin-D-Supplementierung bei verschiedenen Personengruppen bis hin zum Nutzen von Vitamin-D-Tests. In diesem Blogbeitrag werfen wir einen Blick auf das Thema Vitamin-D-Tests und deren wissenschaftliche Evidenz.

Vitamin D ist wichtig für eine gesunde Knochen- und Muskelkraftbildung, wird mit der Nahrung aufgenommen und wird durch natürliches Sonnenlicht in der Haut aktiviert. Der Tagesbedarf variiert mit dem Alter. Die Eidgenössische Ernährungskommission (EEK) empfiehlt für Kinder und Jugendliche sowie für Personen ab 60 Jahren eine Supplementation von Vitamin D mit 600-800 IU/Tag (15-20 μg/Tag) [1].

Und wie sieht es mit den Tests aus?

Eine aktuelle Studie von Huber et al. 2020 zeigt, dass sich die Schweizer Bevölkerung mit hoher und zunehmender Häufigkeit Vitamin-D-Tests unterzieht. Die Zweckmässigkeit dieser Tests ist jedoch fragwürdig. Nichtsdestotrotz ist zwischen 2012 und 2018 der Anteil der Personen, die einen Test gemacht haben, von 7,4 % auf 20,4 % gestiegen, was den stärksten Anstieg unter den Mikronährstoff-Labortests darstellt [2]. Im Jahr 2018 wurden diese Tests bei 4,5 % der Bevölkerung sogar mehr als einmal durchgeführt. Dabei zeigt ein aktueller Scoping Bericht [3] im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit (BAG), dass momentan keine wissenschaftliche Studie existiert, die den gesundheitlichen Nutzen von Vitamin-D-Tests für Risikogruppen bewertet. 

Was wird empfohlen?

Gemäss den Empfehlungen der EKK und der amerikanischen Ärzte-Initiative «Choosing wisely» [4] sind Vitamin-D-Tests in den meisten Fällen unnötig. EEK und «Choosing wisely» empfehlen Vitamin-D-Tests lediglich für Risikopatienten. Dabei handelt sich um Personen mit Knochenerkrankungen oder Krankheiten, die die Fähigkeit der Körpers Vitamin D zu bilden negativ beeinflussen (bspw. entzündliche Darmerkrankungen, Zöliakie, Nierenerkrankungen, Lebererkrankungen und Pankreatitis), ältere sowie übergewichtige oder schwangere Personen, Personen mit dunkler Hautfarbe und Leistungssportler [5]. «Choosing wisely» [4] empfiehlt allen anderen, sich stattdessen ausreichend der Sonne auszusetzen, die Ernährung entsprechend anzupassen, mit dem Rauchen aufzuhören, ein gesundes Gewicht anzustreben und ganzjährig körperlich aktiv zu sein. Gemäss «Choosing wisely» ist selbst bei den erwähnten Risikogruppen für Vitamin-D-Mangel ein Test nicht zielführend, da das Testresultat die Arztempfehlung mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht verändern wird. Zusätzliche Tests führen somit lediglich zu zusätzlichem Ressourcenverbrauch und damit verbundenen Kosten. Zu hohe Dosen von Vitamin D könnten sogar gefährlich sein und zu Nierenproblemen führen.

Was kosten diese Tests?

Die Kosten der Vitamin-D-Tests werden in der Schweiz unabhängig von der Zugehörigkeit zu entsprechenden Risikogruppen für einen Vitamin-D-Mangel durch die Obligatorische Krankenversicherung abgedeckt. Ein Vitamin-D-Test im Blut kostet 53 Franken [6]. Im Jahr 2018 beliefen sich die Kosten für diese Tests auf rund 90 Million Franken [7].

Welchen Aspekt der Diskussion finden wir besonders interessant?

Wir finden das Thema zu Vitamin D sehr interessant, da trotz der Gegenpositionen aus der Medizin und der mangelnden wissenschaftlichen Evidenz Vitamin D in der Schweizer Bevölkerung weiterhin sehr beliebt zu sein scheint. Fehlende wissenschaftliche Evidenz wird gerne ignoriert, da sie die eigene Meinung ja nicht direkt widerlegt und Empfehlungen für Risikogruppen werden gerne auf das eigene Leben ausgeweitet. Daher werden die Tests und auch die damit verbundenen Kosten weiter steigen.

Ohne entsprechende Studien zur Wirksamkeit von Vitamin-D-Tests lässt sich die finanzielle Auswirkung von der auf wissenschaftlicher Evidenz beruhenden Durchführung von Tests auf das Budget der Kostenträger (Budget Impact) nicht berechnen. Die Kosten von Vitamin-D-Tests sind für die Bevölkerung jedoch nicht zu vernachlässigen und sollten mit Hinblick auf mögliche Ressourcen-«Verschwendungen» stärker beleuchtet werden. Diese «Verschwendungen» verhindern die effiziente Allokation von Ressourcen, was in der Schweiz, angesichts der hohen Gesundheitsausgaben, von besonderer Bedeutung ist. Diesbezüglich wäre es wertvoll die Treiber für unangemessene Tests zu eruieren und sich schliesslich die Fragen zu stellen: Does it work? Is it worth it?

Christina Tzogiou ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Fachstelle HTA und gesundheitsökonomische Evaluationen am WIG.

Renato Mattli ist Teamleiter der Fachstelle HTA und gesundheitsökonomische Evaluationen am WIG.

Referenzen

[1] Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV). Vitamin D-Mangel (2012). unter: https://www.blv.admin.ch/blv/de/home/das-blv/organisation/kommissionen/eek/vitamin-d-mangel.html (abgerufen am 20.01.2021)

[2] Huber CA, Nagler M, Rosemann T, Blozik E, Näpflin M, Markun S. Trends in Micronutrient Laboratory Testing in Switzerland: A 7-Year Retrospective Analysis of Healthcare Claims Data. Int J Gen Med 13, 1341-1348 (2020). https://doi.org/10.2147/IJGM.S275406

[3] Bhadhuri A, Sutherland CS, Suter-Zimmermann K, Schwenkglenks M, Rohrmann S, Hysai O, Tomonaga Y, Pestoni G, Karavasiloglou N. HTA Scoping Report: Vitamin D Testing. Bundesamt für Gesundheit (BAG) (2020)

[4] Choosing Wisely. Vitamin D Tests. unter: https://www.medix.ch/wissen/guidelines/stoffwechselkrankheiten/vitamin-d-mangel/  (abgerufen am 20.01.2021)

[5] Eidgenössische Ernährungskommission (EEK). Vitamin D deficiency: Evidence, safety, and recommendations for the Swiss population. Expertenbericht von EKK. Bundesamt für Gesundheit (BAG) (2012)

[6] Krankenpflege-Leistungsverordnung KLV, Anhang 3, Analysenliste. Bundesamt für Gesundheit (BAG) (2021)

[7] Essig S, Merlo C, Reich O, Trottmann M. Potentially inappropriate testing for vitamin D deficiency: a cross-sectional study in Switzerland. BMC Health Serv Res 20,1097 (2020). https://doi.org/10.1186/s12913-020-05956-2

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