Versorgungsforschung

Beobachtungen aus Finnland

Spaziergang während der Pause. Bild: Maria Carlander

Von Maria Carlander

Während ich diesen Blogbeitrag schreibe, tropft der Herbstregen ans Fenster in einer kleinen Stadt in der Nähe der finnischen Hauptstadt Helsinki. Weil meine ursprünglichen Reisepläne, inklusive Besuche bei Freunden und Familie in Finnland während der Sommerferien, ins Wasser gefallen sind, sitze ich nun hier nach den Sommerferien im finnischen Home-Office. Glücklicherweise erlaubt die neue Home-Office-Regelung der ZHAW das Arbeiten von zuhause aus auch für mehr als ein paar Tage in der Woche.

In diesem Blogbeitrag werde ich über eine Auswahl meiner eigenen Beobachtungen ausserhalb von und in Finnland während der Covid-19-Pandemie berichten.

Finnland hat sehr tiefe Covid-19-Fallzahlen. Ein Grund dafür sind die strengen Massnahmen gegen die Verbreitung des Virus. Bis vorgestern (08.09.2020) gab es total 8’337 bestätigte Fälle und 336 Todesfälle. Die Zahl der wöchentlichen Neuansteckungen liegt bei 250 und die meisten Fälle werden in Helsinki registriert.

Die Situation war und ist weiterhin eine Herausforderung für die finnische Regierung und es ist definitiv keine einfache Aufgabe, sich auf die richtige «Corona-Strategie» zu einigen. Die folgenden Beispiele aus Finnland zeigen einige von den aktuellen Problemen.

  1. Süd-Finnland bzw. die Hauptstadtregion wurde im März-April 2020 für drei Wochen vom restlichen Land abgesperrt und es wurde eine Grenzkontrolle eingeführt. Das ist, als würde man den Kanton Zürich absperren.
  2. Die Strategie der Regierung zur Verhinderung der Verbreitung des Virus war oft nicht vereinbar mit dem finnischen Grundgesetz. Eine Ministerin hat ohne Rücksprache mit der Regierung an einer Medienkonferenz mitgeteilt, dass alle Einreisenden aus Risikogebieten in eine 14-tägige «Zwangs»-Quarantäne müssen. Diese Aussage wurde eine Woche später zurückgenommen, weil die rechtliche Grundlage dafür fehlte. Damit jemand in eine Zwangsquarantäne geschickt werden kann, muss der individuelle Entscheid von einem Arzt kommen.
  3. Einreisebeschränkungen: Momentan gilt 14 Tage (empfohlene) Quarantäne für Reisende aus Ländern mit mehr als acht bestätigten Covid-19-Fällen pro 100’000 Einwohner.  Das heisst, dass Reisende nur aus der Vatikanstadt, Lettland und Zypern aus dem europäischen Raum ohne Quarantäneempfehlung einreisen dürfen… Die Situation ist besonders problematisch an Grenzorten, z.B. zwischen Finnland und Schweden, weil viele Grenzgänger seit Monaten nicht zur Arbeit gehen können oder ihre Familie auf der anderen Seite der Grenze besuchen dürfen ohne 14 Tage Quarantäne. Finnische StaatsbügerInnen dürfen immer ein- und ausreisen, aber die Grenzen sind nicht für normale Touristen offen. Die Regierung versucht das Problem bald zu lösen – eine Möglichkeit ist die Einführung von einen obligatorischen negativen Corona-Test vor der Einreise.
  4. Jeder Person mit Schnupfen muss auf Corona getestet werden. Im August waren die Wartezeiten für Tests bis zu einer Woche und das Resultat war erst nach fünf bis sechs Tagen verfügbar. Dies führte vor allem zu Problemen bei Kindern, die nicht in die Kinderbetreuung gehen durften, bevor sie ein negatives Testresultat vorweisen konnten. Ein Grund für diese Verzögerung ist einerseits der Mangel an Testpersonal, andererseits der manuelle Versand der Resultate per SMS. Im Moment liegt die Rate der positiven Tests bei 0.2-0.4%. Zum Vergleich: in der Schweiz liegt der Wert momentan bei ca. 3%.   
  5. Seit dem 13.8.2020 gibt es eine Empfehlung, im ÖV eine Maske zu tragen. Eine kleine empirische Beobachtung von meinen eigenen Reisen zeigt, dass nur etwa 20% der Reisenden eine Maske tragen.
  6. Wenn eine vierköpfige Familie von Pendlern korrekt Einwegmaske im ÖV tragen will, kostet sie die jährlich zwei durchschnittlichen Monatslöhne (oder ca. 4’500€). Die Armut von Familien mit Kindern ist seit Jahren ein Thema und solche Ausgaben kann sich fast keine Familie leisten. Einige Kommunen verteilen deswegen Gratis-Masken an Arme.
  7. Viele Ansteckungen werden in den nationalen Medien zu detailliert behandelt. Ein fiktives Beispiel einer Überschrift in einer finnischen Zeitung wäre «Fünf Covid-19-Positiven Spieler aus dem Unihockeyteam FC Heidelbeere haben 150 Personen an das Coronavirus exponiert – wir wissen wer sie sind».
  8. Die finnische Contact-Tracing-App wurde letzte Woche eingeführt und wird schon von fast einem Drittel der Bevölkerung genutzt!
  9. Die Finnen hoffen weiterhin, dass die empfohlene physische Distanz von 1.5m wieder auf die üblichen 5m geändert wird. 😊

Obwohl die Situation in Finnland weiterhin gut ist hoffe ich, dass vor allem die Reiseeinschränkungen und das Stigmatisieren von Infizierten in der nahen Zukunft abnehmen werden. Bis dann wünsche ich allen Finnen eine schöne Zeit in der finnischen Natur und freue mich, ab nächster Woche wieder zurück im Büro am WIG zu sein.

Maria Carlander ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Team Versorgungsforschung.

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