Versorgungsforschung

CORONA-Lockdown drückt Lebenszufriedenheit von Personen aus stark betroffenen Wirtschaftsbranchen

Von Sarah Heiniger

Die Massnahmen zur Bewältigung der COIVD-19-Pandemie haben eine besonders starke Auswirkung auf das Gesundheits- und Bildungswesen, auf Sport- bzw. Kulturveranstalter und das Gastgewerbe. Die Schliessung vieler Betriebe brachte grosse Unsicherheit für die Angestellten mit sich: Arbeitsplätze waren gefährdet und die Arbeitslosigkeit nahm zu. Die Angestellten waren bei der Arbeit zudem plötzlich neuen, unbekannten gesundheitlichen Risiken ausgesetzt. Wirkte sich all dies auch negativ auf die allgemeine Lebenszufriedenheit der Betroffenen aus?
Allerdings! Beschäftigte im Gastgewerbe und im Kultur- und Sportbereich waren während des Lockdowns deutlich weniger zufrieden mit ihrem Leben als Beschäftigte anderer Branchen.

Allgemeine Lebenszufriedenheit ist ein wichtiger Indikator für das Wohlbefinden der Gesellschaft

Die allgemeine Lebenszufriedenheit wird zunehmend als relevantes Mass für das Wohlbefinden eines Landes oder einer Gesellschaft betrachtet. Beispielsweise lässt die Regierung in Grossbritannien seit 2011 neben dem BIP regelmässig auch das Wohlbefinden als Wohlstandsindikator messen. Das Wohlbefinden bzw. die Lebenszufriedenheit wird in Surveys oft mit der Frage «Ganz allgemein gefragt – wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Leben?» erfasst, mit einer Antwortskala von 0 bis 10. Bisherige Forschung zeigt: Eine hohe Lebenszufriedenheit hängt u.a. mit guter Gesundheit und einem höheren Einkommen zusammen. Sie verringert sich bei Arbeitsplatzunsicherheit oder Arbeitslosigkeit.

Lebenszufriedenheit während dem Lockdown war insgesamt stabil…

2018 lag die durchschnittliche subjektive Einschätzung der Lebenszufriedenheit in der Schweiz, gemäss BFS, bei 8.0 Punkten. Mit einem Durchschnittswert von 7.89 Punkten lagen die Befragten des COVID-Social-Monitors in den ersten Wochen nach dem Beginn des Lockdowns insgesamt kaum merklich unter diesem Wert. Die Lebenszufriedenheit blieb im Verlauf des Lockdowns auf ungefähr demselben Niveau und stieg dann mit der Lockerung der Massnahmen ab dem 11. Mai an auf 7.97 Punkte. Insgesamt also ein minimaler Anstieg von 0.08 Punkten.

…ausser bei Beschäftigten aus Gastgewerbe, Kultur und Sport

Ein Blick auf die Lebenszufriedenheit nach Branchenzugehörigkeit der Befragten zeigt einen Rückgang der Lebenszufriedenheit bei Personen, die im Gastgewerbe, in der Kultur und im Sportbereich arbeiten. Vom 30. März (KW 14) bis zum 27. April (KW 18) fiel die Lebenszufriedenheit um 0.11 Punkte. Diese Entwicklung entspricht etwa dem Effekt einer Scheidung, ist aber weniger stark als bei Arbeitslosigkeit[1]. Die vom Bund getroffenen Massnahmen und die damit verbundenen Folgen wirkten sich klar negativ auf die Lebenszufriedenheit der Beschäftigten dieser Branchen aus. Veranstaltungen ab 1’000 Personen wurden bereits Ende Februar abgesagt, darauf folgte Mitte März die Schliessung von Restaurants, Unterhaltungs- und Freizeitbetrieben. Zum Vergleich: Personen aus ebenfalls stark betroffenen Branchen wie z.B. dem Bildungs-, Gesundheits- und Sozialwesen, deren Arbeitsplätze weitgehend gesichert waren, wiesen während des Lockdowns eine stabilere Lebenszufriedenheit auf.

Normalisierung mit dem Ende des Lockdowns?

Mit den Lockerungen der Massnahmen seit dem 11. Mai stieg die Lebenszufriedenheit der Erwerbstätigen in der stark betroffenen Gastro-, Kultur- und Sportbranche wieder an und lag in der Woche vom 15. Juni (KW 25) bei 7.78 Punkten, was einem Anstieg um 0.49 Punkte seit dem Tiefpunkt in der Woche vom 27. April entspricht. Damit gleicht sich die Lebenszufriedenheit der Erwerbstätigen in dieser Gruppe wieder derjenigen der übrigen Branchengruppen an. Die Daten der kommenden Wochen werden zeigen, ob dieser Trend weiterhin anhält.

Datengrundlage: COVID-19 Social Monitor

Der COVID-19 Social Monitor ermöglicht ein zeitnahes Monitoring der Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die Schweizer Bevölkerung: Das Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie erfasst in Zusammenarbeit mit dem Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich seit Ende März regelmässig und zeitnah das Befinden der Schweizer Bevölkerung während der COVID-19-Pandemie mittels einer für die Schweizer Bevölkerung repräsentativen Panel-Befragung. Details zum Projekt, dem methodischen Vorgehen und laufend aktualisierte Resultate finden sich auf der Homepage des COVID-19 Social Monitors.

Sarah Heiniger ist wissenschaftliche Assistentin der Fachstelle Versorgungsforschung am WIG.


[1] Powdthavee, N. (2010). How much does money really matter? Estimating the causal effects of income on happiness. Empir Econ, 39: 77-92. DOI 10.1007/s00181-009-0295-5

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