Management im Gesundheitswesen

Digitale Technologien zur Bekämpfung der Virus-Pandemie – Wie weit uns Israel schon voraus ist.

Quelle: Colourbox

Von Johanna Stahl und Alfred Angerer

Am 11. Mai sollte in Winterthur die Konferenz «2. International E-Healthcare Applications Summit» mit WIG-Beteiligung stattfinden. Doch auch diese Konferenz musste aufgrund von Covid-19 nun auf den 21. September dieses Jahres verschoben werden und die digitalen ExpertInnen vorerst zu Hause bleiben. Aber Moment mal, sollten nicht gerade diese Fachpersonen eine Lösung finden, sich dennoch auszutauschen? Das dachte sich auch High-Tech Connect Suisse und organisierte alternativ und passend zur derzeitigen Lage eine Online-Veranstaltung zum Thema «Digital Technology against Virus Pandemic», an welcher sich 33 Referentinnen und Referenten aus verschiedensten europäischen, asiatischen und amerikanischen Ländern beteiligten.

Andere Länder, andere Sitten

Im Angesicht des Ausbruchs von Covid-19 erkennen die verschiedenen Gesundheitssysteme der ganzen Welt ihre Limitationen und wachen aus ihrem analogen Schlaf auf. Es wird klar, dass es nicht so weitergehen kann wie zuvor. Es braucht auch digitale Innovationen, um der Krise zu begegnen und clevere Köpfe, um diese zu entwickeln und voranzutreiben. Dabei zeigte sich in den Panel-Diskussionen der Online-Konferenz, moderiert unter anderem auch von Alfred Angerer der ZHAW, dass jedes der Länder seine eigenen Innovationen im Kampf gegen Covid-19 hervorbringt und einige Länder der Schweiz schon weit voraus sind.

Ein Blick auf Israel

Als Vorreiter zur Bekämpfung der Virus-Pandemie stellte sich dabei Israel heraus – ein Land, das nur etwa 300’000 Einwohner mehr als die Schweiz beherbergt. Bis zum 11. Mai 2020 verzeichnete Israel nur 250 Corona-Tote, wohingegen die Schweiz bis zu diesem Tag circa 1’500 Tote aufgrund von Corona beklagte (siehe WHO-Report vom 11. Mai). Für die Fachpersonen des grössten Spitals Israels, das Sheba Medical Center, ist der Hauptgrund klar: der frühe, konsequente und strenge Lockdown vom 19. März. Einen zusätzlichen grossen Anteil an der Eindämmung der Pandemie schreiben die SpitalexpertInnen jedoch auch den zahlreichen, in ihrem Haus genutzten digitalen Innovationen zu. So sind beispielsweise Telemedizin, Gesichtserkennung, automatisches Temperatur- und Voice-Screening selbstverständlicher Teil ihres Alltags. Entwickelt wurden diese Technologien von einem 40-köpfigen interdisziplinären Innovationsteam in einem Programm namens ARC («Accelerateinnovation to Redesign health care by Collaborating with partners), welches schon seit Jahren besteht und nun nach Ausbruch der Pandemie nur zu reagieren und seine gesamte Kapazität auf Covid-19 umzulenken brauchte.

Gesichtserkennung im Sheba Medical Center – Big Brother is watching you?

Der Einsatz von Überwachungskameras in Spitälern zur Bekämpfung des Virus regt einen Diskurs über die Verletzung von Privatsphäre an. So wird im Sheba Medical Center künstliche Intelligenz (KI) zur Erkennung von Gesichtern eingesetzt, um festzustellen, mit welchen Personen Infizierte in Kontakt standen. Auch Häufigkeit und Länge der Kontakte, Abstand zwischen den Personen und ob eine Maske getragen wurde oder nicht, können durch diese KI automatisch ermittelt werden. Somit können Covid-19-Erkrankte früh erkannt, isoliert und behandelt werden. Dass hierbei die Privatsphäre der Überwachten berührt würde, bestreiten die ExpertInnen nicht. Doch sei dies in Spitälern in einem gewissen Mass generell der Fall. Ihre Spitäler verfügten aus Sicherheitsgründen seit langer Zeit schon über Überwachungskameras auf Fluren und in Gemeinschaftsräumen, deren Inhalte nach 24 Stunden gelöscht werden. Diese bestehende Infrastruktur macht sich das Sheba Medical Center nun zur Erfüllung eines weiteren Zwecks zunutze – der Identifizierung möglicher Covid-19-Erkrankter.

Was wir von Israel lernen können – und was nicht

Wohl nicht alle digitalen Innovationen würden bei uns in der Schweiz Anklang finden – wobei der Rahmen, was von der Gesellschaft akzeptiert wird und was nicht, sich ständig verändert. Statt einzelne Technologien zu kopieren, ist es wichtiger, das Geheimnis des Sheba Medical Centers zu verstehen, das sich unter dem neumodischen Wort «Resilienz» verbirgt. Sprich die Fähigkeit, innerhalb kurzer Zeit mit Innovationen auf Unvorhergesehenes zu reagieren. Mit seinem 40-köpfigen Innovationsteam war das Spital schon vor Ausbruch der Virus-Pandemie gut vorbereitet, um auf jegliche Krise mit digitalen Innovationen zu reagieren. Für das Schweizer Gesundheitssystem lässt sich daraus ableiten, dass es sich lohnt, digitale Kompetenzen und Strukturen auch ohne spezifischen Druck von aussen voranzutreiben. Diese Agilität ermöglicht es, in Krisenzeiten schneller reagieren zu können. Schweizer Institutionen brauchen deswegen Strukturen und Prozesse, um innovativ, schnell und anpassungsfähig zu bleiben.

Johanna Stahl ist Praktikantin, Prof. Dr. Alfred Angerer istLeiterder Fachstelle Management im Gesundheitswesen am WIG.

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