HTA und Gesundheitsökonomische Evaluationen

Warum meine Gesundheit mit Ihrer Gesundheit zusammenhängt – auch ausserhalb einer Pandemie

Von Johannes Pöhlmann und Renato Mattli

Noch vor ein paar Monaten wären wir mit leichtem Fieber und Husten ins Büro gegangen. Vor allem aus egoistischen Motiven – weil wir uns für wichtig/unersetzlich hielten oder liegengebliebene Arbeit nicht später nachholen wollte. Heute bleiben wir mit leichtem Fieber und Husten zuhause. Vor allem aus Rücksichtnahme auf andere, um sie nicht mit SARS-CoV-2 zu infizieren.

Infektionskrankheiten rufen uns in Erinnerung: Meine Gesundheit ist auch Ihre Gesundheit (und umgekehrt).

Das gilt aber nicht nur bei Infektionskrankheiten, sondern auch bei nicht-übertragbaren Krankheiten, die die Krankheitslast und Gesundheitsausgaben in der Schweiz dominieren. Warum? Weil mein Gesundheitsverhalten und meine Krankheiten Sie direkt und indirekt beeinflussen. Wenn ich auf meinem Balkon im Erdgeschoss rauche, schadet Ihnen das auf Ihrem Balkon im ersten Stock. Wenn Sie eine teure Behandlung für Diabetes, Krebs oder Herzinfarkt brauchen, beeinflusst das meine Krankenkassenprämien.

In einer Gesellschaft oder Gemeinschaft hängt meine Gesundheit und mein Gesundheitsverhalten mit Ihrer Gesundheit und Ihrem Gesundheitsverhalten zusammen. Meine und Ihre Gesundheit lassen sich also als Teil des Gemeinwohls und als (globales) öffentliches Gut verstehen [1, 2]. Die Bewirtschaftung dieses Gutes liegt in individueller, aber auch in staatlicher und gesellschaftlicher Verantwortung [3].

Dieser Verantwortung kommen wir nicht immer angemessen nach, weder als Individuum noch als Gesellschaft. Vielmehr leisten wir uns einen verschwenderischen Umgang mit unseren Ressourcen, wie wir kurz am Beispiel des Rauchens diskutieren möchten.

Rauchen ist für eine Vielzahl von Krankheiten verantwortlich, darunter Lungen- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Nach derzeitigem Stand ist Rauchen wahrscheinlich auch mit schwereren Verläufen von COVID-19 assoziiert [4, 5] (aber siehe [6]). Viele der Krankheiten wiederum, für die Rauchen ein Risikofaktor ist – darunter Bluthochdruck, COPD, chronische Nierenerkrankungen oder Diabetes – sind mit schwereren Verläufen von COVID-19 assoziiert [7, 8]. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) anerkennt ebenfalls das erhöhte Risiko für schwere Verläufe von oder Tod an COVID-19 unter RaucherInnen. Zudem haben RaucherInnen ein erhöhtes Ansteckungsrisiko wegen ihres geschwächten Immunsystems. Das BAG empfiehlt darum dringend, mit dem Rauchen aufzuhören [9].

Schon in «normalen Zeiten» geht Rauchen mit vorzeitigem Tod, Verlust an Lebensqualität, hohen Gesundheitskosten und Produktionsverlusten einher [10]. Und schon in normalen Zeiten stellt sich die Frage, warum wir als Gesellschaft Rauchen in einem solidarisch finanzierten Gesundheitssystem tolerieren. Nun mag der Einwand kommen, RaucherInnen ruinierten ja nur ihre eigene Gesundheit. Das stimmt nicht: Rauchen schadet anderen direkt (Passivrauchen, Rauchen in der Schwangerschaft). Zudem müssen wir Ressourcen für die Behandlung von RaucherInnen aufwenden, die ohne Rauchen viele Krankheiten nicht oder sehr viel später bekommen hätten. Wir beuten hier unser öffentliches Gut Gesundheit unnötigerweise aus.

Deutlich wird das auch in der aktuellen Pandemie. Viele der durch Rauchen verursachten Erkrankungen schaffen eine COVID-19-Risikogruppe, die besonderen Schutzes durch gesamtgesellschaftliche Anstrengungen bedarf. Das heisst nicht, dass alle diese Erkrankungen nur auf Rauchen zurückzuführen sind oder alle RisikopatientInnen rauchen. Aber es heisst, dass es mutmasslich viele Menschen gibt, die ohne Rauchen ein geringeres Risiko für schwere COVID-19-Verläufe hätten. Das wiederum bedeutet, dass das Risiko einer Überforderung von Intensivbehandlungskapazitäten geringer wäre.

Natürlich verdient auch unsolidarisches Verhalten eine solidarische Antwort in Krisenzeiten. Wir sind uns aber nicht sicher, wie lange wir uns das noch leisten wollen und leisten können. In Zukunft wäre dem öffentlichen Gut Gesundheit und dem Gesundheitssystem insgesamt wohl mit deutlich geringerem Tabakkonsum gedient, um weniger Erkrankungen und damit mehr gesundheitliche Resilienz in der Bevölkerung zu haben.

Wir lassen an dieser Stelle bewusst offen, wer welche Präventionsmassnahmen umsetzt. Vermutlich wird der Staat, der ja derzeit schon das kollektive Handeln im Interesse des Gemeinwohls organisiert [2, 11], eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen. Das tat er beispielsweise auch vor ziemlich genau zehn Jahren, als das Rauchverbot in der Gastronomie eingeführt wurde. Aber staatliche Massnahmen werden alleine nicht ausreichen, nicht beim Rauchen und nicht bei anderen gesundheitsschädigenden Verhaltensweisen. Wir werden nur dann erfolgreich sein, wenn jede und jeder Verantwortung für die eigene Gesundheit und die Gesundheit anderer trägt.

Johannes Pöhlmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter, Renato Mattli Teamleiter in der Fachstelle HTA und gesundheitsökonomische Evaluationen am WIG.

[1]        Jochelson K. Nanny or steward? The role of government in public health. Public Health 2006; 120: 1149–1155.
[2]        Lucchese M, Pianta M. The coming coronavirus crisis: what can we learn? Inter Econ 2020; 55: 98–104.
[3]        Resnik DB. Responsibility for health: personal, social, and environmental. J Med Ethics 2007; 33: 444–445.
[4]        Berlin I, Thomas D, Le Faou A-L, et al. COVID-19 and smoking. Nicotine Tob Res 2020; 1–3.
[5]        Vardavas CI, Nikitara K. COVID-19 and smoking: A systematic review of the evidence. Tob Induc Dis; 18. Epub ahead of print 2020. DOI: 10.18332/tid/119324.
[6]        Lippi G, Henry BM. Active smoking is not associated with severity of coronavirus disease 2019 (COVID-19). Eur J Intern Med 2020; 75: 107–108.
[7]        Emami A, Javanmardi F, Pirbonyeh N, et al. Prevalence of underlying diseases in hospitalized patients with COVID-19: a systematic review and meta-analysis. Arch Acad Emerg Med 2020; 8: e35.
[8]        Tian S, Xiong Y, Liu H, et al. Pathological study of the 2019 novel coronavirus disease (COVID-19) through postmortem core biopsies. Mod Pathol 2020; 1–8.
[9]        Bundesamt für Gesundheit. Neues Coronavirus: Häufig gestellte Fragen (FAQ), https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/krankheiten/ausbrueche-epidemien-pandemien/aktuelle-ausbrueche-epidemien/novel-cov/haeufig-gestellte-fragen.html (2020, accessed 24 April 2020).
[10]      Mattli R, Wieser S. Neue WIG Studie zeigt die enorme Krankheitslast des Rauchens. Gesundheitsökonomie @ ZHAW, https://blog.zhaw.ch/gesundheitsoekonomie/2019/09/10/neue-wig-studie-zeigt-die-enorme-krankheitslast-des-rauchens/ (2019, accessed 26 April 2020).
[11]      Stiglitz JE. Plagued by Trumpism. Project Syndicate, https://www.project-syndicate.org/commentary/trump-coronavirus-failure-of-small-government-by-joseph-e-stiglitz-2020-03 (2020, accessed 24 April 2020).

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