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Das Dozieren in den Zeiten des Coronavirus

Quelle: «Melancholie» von Edvard Munch (Kunstmuseum Bergen)

Von Matthias Maurer

Liebe Leserin, lieber Leser dieses Blogs.

Seien Sie vorgewarnt! Dieser Blog ersetzt eine dringend nötige Psychotherapie.

Zwar hat das BAG in seinen Empfehlungen vom 6. April 2020 für ambulant tätige Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie sowie für die delegiert arbeitenden Psychologinnen und Psychologen in der Tarifstruktur für ärztliche Leistungen (TARMED) aufgrund von Covid-19 zusätzlich telefonische Konsultationen vorgesehen. Dennoch möchte ich meine traumatisierenden Erfahrungen mit Online Teaching lieber mit Ihnen teilen, sofern Sie gestatten.

Woher kommen die Selbstzweifel?

Rhetorik und Stimme

Im Präsenzunterricht spricht man frei und selbstbewusst drauflos und ist meistens mit sich zufrieden, selbst wenn man als Schweizer an einer Hochschule in einer Fremdsprache unterrichtet.  Bei der «Produktion» von vertonten Folien ist der logische Aufbau plötzlich nicht mehr so geschliffen wie angenommen, der Ablauf und manche Sätze beginnen zu stocken. Also nochmals von vorne und beim x-ten Anlauf belässt man das Resultat aus Zeitgründen und zur Schonung der Nerven wie es ist, ohne stolz auf sich zu sein.

Und da ist noch diese Stimme, die einem zu Beginn des Online Teaching komisch vorkommt und auch später nicht wirklich sympathisch wird. Was braucht es wohl, bis man wie ein Radiomoderator auf Radio SRF 2 Kultur mundgerechte und dennoch hochpräzise Texte mit wohlklingender Stimme live über den Äther schicken kann?

Ausstrahlung

Selbst frisch rasiert und mit einem neuen Hemd komme ich mir auch noch bei der zwanzigsten Begrüssung der Studierenden in einem Webinar fremd und irgendwie eigenartig vor. Wieso ist der Blick in die Notebook-Kamera nicht so intelligent wie derjenige von Benedict Cumberbatch? Nicht so männlich wie derjenige von Daniel Craig? Nicht so sympathisch wie derjenige von Jeff Bridges? Und erst recht nicht so cool wie derjenige von Humphrey Bogart? Man schätzt seine Filmlieblinge noch mehr als vor Covid-19.

Didaktik

Als Dozent ist man immerhin in der Didaktik sattelfest – zumindest glaubt man dies zu Beginn. Bis man bei der Erstellung des Online-Programms und der Anpassung der Folienskripte bemerkt, dass wohl auch die bisher angewendete Didaktik für den Präsenzunterricht nicht durchwegs perfekt gewesen ist. Habe ich beispielsweise nicht eine zu oberflächliche Einführung in ein Themengebiet vorgenommen, die genaugenommen den hohen Anforderungen der anschliessenden Gruppenarbeit nicht gerecht geworden ist?

Zusammenfassend ist dem NZZ-Auslandredaktor Andreas Rüesch beizupflichten, der in seinem Kommentar vom 3. April 2020 treffend analysiert, dass die Corona-Krise der Welt (und damit eben auch uns Dozierenden) den Spiegel vorhält und die bestehenden Mängel aufzeigt.

Nun, nach dem Verfassen dieses Blogs geht es mir schon besser und es keimt die Hoffnung, dass mehr Übung mit Online Teaching den Meister schon noch machen wird. In der Zwischenzeit ergänze ich die Blog-Therapie mit der Lektüre von «Die Liebe in den Zeiten der Cholera» von Gabriel García Márquez aus dem Jahr 1985. Aber mit über 500 Seiten ist auch dies kein Spaziergang…

Matthias Maurer ist stellvertretender Institutsleiter am WIG.

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