Gesundheitsökonomische Forschung

Ethisch aus dem Lockdown: (Wie) geht das?

Quelle: Colourbox

Von Stephanie Dosch und Golda Lenzin

Laut den aktuellsten Zahlen können wir erstmals in der Corona-Krise aufatmen. Da wir aber noch keinen Impfstoff für Corona haben, ist eine Öffnung der Wirtschaft ohne Diskussion über die gesundheitlichen Risiken für unsere Gesellschaft nicht möglich. Je länger und strikter die Massnahmen zur Eindämmung des Virus, umso grösser die negative Wirkung auf die Wirtschaft. Aus wirtschaftlicher Sicht ist eine baldige schrittweise Öffnung der Wirtschaft daher zu begrüssen. 
Es ist jedoch wichtig dieses Dilemma aus ethischer Perspektive zu betrachten. Für diesen Blog-Beitrag gehen wir u.a. auf drei Punkte, angelehnt an den Wirtschaftsethiker Thomas Beschorner, ein. 

Ein Menschenleben kann nicht gegen Geld aufgewogen werden.  

Die momentanen wirtschaftlichen Einbussen sind enorm und für einige Menschen existenzbedrohend. Dies darf jedoch nicht dazu führen, dass wir eine Minderheit zum ökonomischen Wohle einer Mehrheit opfern.  Denn ein altes Menschenleben hat den gleichen Wert wie ein junges. Eine Abkehr von diesem Grundsatz bringt uns weg von der Solidarität gegenüber unseren Mitmenschen. 

Eine Lockerung mit zwei Stufen? 

Eine Lockerung verlangt ein hohes Mass an Eigenverantwortung der ganzen Bevölkerung. Denn auch wenn nach und nach die Wirtschaft wieder anfängt zu laufen, besteht weiterhin die Gefahr, angesteckt zu werden. Von den gesundheitlichen Risiken ausgehend macht es daher Sinn, dass die Risikogruppe zuhause bleibt während die restliche Bevölkerung sich wieder bewegen darf. Jedoch stellt sich hier die Frage wie lange es gerechtfertigt ist, die Gesellschaft in zwei Gruppen mit einem unterschiedlichen Grad an Bewegungsfreiheit zu unterteilen. 

Die Datenschutzbedingungen für die mit Contact Tracing gesammelten Daten müssen klar geregelt sein. 

Das digitale Contact Tracing ist eine effiziente Strategie um die Lockerungen zu ermöglichen ohne dabei eine neue Welle an Infektionen auszulösen. Ein Beispiel ist die App des Pan-European Privacy-Preserving Proximity Tracing, die die Nähe zu erkrankten Personen mittels Bluetooth ermittelt.  Diese Apps sind vorerst zur freiwilligen Nutzung bestimmt. Nichtsdestotrotz ist es wichtig einerseits die Bestimmungen transparent zu halten (Informationen zur Nutzung, Speicherung und zum Löschen der Daten) und andererseits ein Ablaufdatum zu bestimmen. Das Ziel des digitalen Contact Tracing soll die Eindämmung des Virus bleiben. 

Es stellen sich schwierige Fragen auf dem Weg zurück in die Normalität, auch aus ethischer Sicht. Wichtig ist, dass die ethischen Fragen, neben den ökonomischen, sauber analysiert und von Experten beziehungsweise uns als Gesellschaft beantwortet werden, bevor wir uns für die nächsten Schritte entschliessen. 

Stephanie Dosch ist wissenschaftliche Mitarbeitern der Fachstelle Gesundheitsökonomische Forschung am WIG.

Golda Lenzin ist wissenschaftliche Assistentin der Fachstelle Gesundheitsökonomische Forschung am WIG.

Discussion

3 responses to ‘Ethisch aus dem Lockdown: (Wie) geht das?

  1. Coronavirusinfektion

    Um die Risikogruppe möglichst rasch ‚befreien‘ zu können, ist eine rasche (!) Durchseuchung der Nicht-Risikogruppen unserer Bevölkerung die Lösung -> lasst uns zu den Risikogruppen schauen, ihnen Abstand und Hygiene ermöglichen, wo nötig (zB in Institutionen für medizinische Versorgung), während der restliche Teil der Gesellschaft das normale Leben – inklusive nahe Kontakte – möglichst rasch aufnimmt, dh Schulen/Lehrbetriebe/Unis sollten baldmöglichst öffnen, nicht erst im Juni, Grossanlässe wie Festivals/Konzerte/Theater sollten rasch wieder erlaubt werden
    Einschränkung: Sicher zu Beginn sollten die Risikogruppen ‚beurlaubt’ werden von Risikosituationen (Kontakt 15Minuten) , beruflich und privat, bis 60% der Bevölkerung gegen den Virus immun sind.

    Doch zur Erinnerung:
    Auch von den Risikopatienten ist zu erwarten, dass 85% eine Coronavirusinfektion problemlos überstehen werden, 10-15% möglicherweise schwerer erkranken und gemäss bisherigen Beobachtungen in der CH sollte die Letalität max 3-4% betragen.
    ____________________________________________________
    100% tödlich!!?
    Von wegen – eine Lösung wäre in Sicht!

    Ein möglicher Appell an den BR könnte zB wie folgt lauten:

    Lieber Herr Bundesrat bitte handeln Sie RASCH.

    Der Lockdown sollte für Nicht-Risikogruppen baldmöglichst aufgehoben werden – warum?

    Der Lockdown war gut in Anbetracht der Letalität in Italien, welche bei uns aus guten Gründen zum Glück nicht beobachtet wird. Er hat funktioniert & das Gesundheitssystem ist gut vorbereitet.

    FAKTEN

    Weltweite Todesfälle vom 1.Januar bis Mitte April 2020:
    – aktuell ähnlich bei Coronainfektion & durch die Influenza (jährliche Grippe)
    – 220‘000 Todesfälle durch verschmutztes Wasser
    – 280‘000 Selbstmorde
    – Weitere & aktualisierte Zahlen siehe:
    https://lnkd.in/e9HyswC

    Bisherige Corona-Todesfälle in der Schweiz:
    – Durchschnittsalter der Verstorbenen in der Schweiz: ist um die 83 Jahre
    – praktisch alle davon wiesen mindestens einen Risikofaktor auf
    – eine Mehrheit war männlich
    https://covid-19-schweiz.bagapps.ch/de-1.html (oben Todesfälle anklicken)

    Memo: trotz sehr hoher Lebenserwartung im internationalen Vergleich beträgt die Lebenserwartung eines männlichen Neugeborenen in der Schweiz bei 82 Jahre
    https://www.bfs.admin.ch/
    ->
    Wir retten in der Schweiz mit dem sehr einschneidenden Lockdown leider verhältnismässig wenige Lebensjahre zu einem nie dagewesenen Preis
    (bei 1000 geretteten Leben käme man auf 46Mio CHF pro gerettetem Leben – mit 83Jahren ist die Lebenserwartung im Schnitt geschätzte 5 Jahre, pro gerettetem Leben werden im Schnitt 5 Jahre ‚gewonnen‘, pro gerettetem Lebensjahr käme man so auf Kosten von 8-9 Mio; es ist schon länger eine Tatsache, dass Lebensjahre beziffert werden, man denke an onkologische Medikamente, es würde kein einziges Medikament zugelassen, das pro gewonnenem Lebensjahr 10x günstiger wäre).
    Zudem ist es wichtig, nur Personen zu retten, die dies auch möchten – für Vertiefung zu diesem Punkt empfehle ich das Interview vom Arzt und SP-Politiker Antoine Chaix im Bielertagblatt.

    Wir verursachen mit dem Lockdown auf der anderen Seite zunehmendes und immenses:
    – psychisches & somatisches Leid ua durch
    – sehr hohe wirtschaftliche Einbussen, welches den Einzelnen unverschuldet und unbeeinflussbar überkommt

    Wie können wir die Risikogruppen langfristig am besten schützen?
    Durch eine >60% Durchseuchung, dh Ansteckung von > 5Mio

    Wie weiter mit RISIKOGRUPPEN?

    Sobald die Durchseuchung höher ist – welche aktuell auch schon um einen Faktor 10 höher liegen könnte als bisher angenommen – kann auch die Risikogruppe unter Einhaltung der hygienischen Massnahmen und ‚social distancing‘ wieder frei ihren Aktivitäten nachgehen.

    Hygiene und ‚social-distancing‘ sind effektiv:

    Seit dem 16.3. (!) gilt die ausserordentliche Lage, respektive der Lockdown -> untenstehende Grafik von Prof. Tanja Stadler (ETH) zeigt, dass die DAVOR ergriffenen Massnahmen schon zu einer Reduktion der Übertragung des Virus geführt Haben:

    https://bsse.ethz.ch/cevo/research/sars-cov-2/real-time-monitoring-in-switzerland.html

    Freiwilliges CT, dh Contact-tracing oder besser ein flächendeckend serologisches Testen der Immunität der Bevölkerung ist erwünscht

    Serologische Tests oder evtl auch Contact-Tracing sind für uns interessant um mehr über die Virusverbreitung zu wissen, aber nicht für einen Wechsel zurück zu ‚ Containement‘ – warum nicht?
    In gewissen Teilen der Schweiz wäre Containement (Viruskontrolle/ Zurückdrängen) effektiv machbar mit dem aktuellen Wissen – weltweit aber nicht!
    Wir sind ein Land, das sehr stark international verknüpft ist, mit einer Bevölkerung mit sehr hoher Reisetätigkeit (siehe Wiederaufflackern von Infektionen in China).
    Der Bundesrat hat vor längerem die Strategie von ‚containement‘ auf ‚mitigation‘ (Eindämmung/Abflachung der Kurve) gewechselt. Das war ein mutiger, weiser Schritt in meinen Augen, leider in der weltweiten Gesamtsituation aber auch nicht anders möglich. Wir sollten diese beiden Szenarien auseinanderhalten und nicht einen erneuten ‚containement‘-Versuch (vollständige Viruskontrolle) starten.

    Maskentragen für alle?

    Eventuell zB NACH Durchseuchung von 60% könnten wir aus Solidarität mit der Risikogruppe in allen Gebieten, wo das ‚social-distancing‘ nicht eingehalten werden kann, zB in ÖV, gewissen Geschäften, beim Arzt etc.
    Jeder Betrieb würde idealerweise für sich und seine Kunden selber festlegen, welchen Weg er wählt (‚social-distancing‘ oder Maskentragen). Dies bis mit ContactTracing das nötige Wissen vorhanden ist, um das Maskentragen risikoarm wieder wegzulassen.

    Und mit einem Augenzwinkern zu lesen
    -> Nicht vergessen:
    wir leiden alle an der 100% sexuell übertragbaren und 100% tödlichen Erkrankung:
    DEM LEBEN – lasst es und bald wieder voll(er)
    – und hoffentlich nachhaltig bewusster – geniessen.
    ______________________________________________________
    PS leider habe ich keine Zeit mehr zum Durchlesen des Geschriebenen-entschuldigt Fehler und Wiederholungen

  2. Interessanter Beitrag!

    Der Datenschutz bei solchen Tracing-Apps ist sicher nicht zu unterschätzen, denn es könnte relativ schnell zu einem „Mission creep“ kommen (https://en.wikipedia.org/wiki/Mission_creep)

    Dies sagen nicht nur ich, sondern viele Professorinnen und Professoren aus verschiedenen Universitäten hier: https://drive.google.com/file/d/1OQg2dxPu-x-RZzETlpV3lFa259Nrpk1J/view

    Nun: die Business-Opportunity für die Social Tracing Apps ist im Moment sicher gross, da „Covid“ gerade in aller Munde ist. Google, Apple sind u.a. auch dabei. Diese Apps können eine grosse Akzeptanz erhalten – da sie schnell als „zwingend nötig“ wahrgenommen werden können. Das soll aber nicht dazu führen, dass man beim Datenschutz ein Auge zudrückt.

    PEPP-PT ist lediglich ein Konsortium und es gibt keine einzige „PEPP-PT Technologie“, die man anwenden kann. D.h. es gibt grundsätzlich auch die Möglichkeit, dass APPS geschrieben werden, die trotz „PEPP-PT“ die Privacy der Benutzer nicht gewährleisten. Siehe z.B. auch hier: https://github.com/DP-3T/documents

    „DP-3T members have been participating in the loose umbrella of the ‚Pan-European Privacy-Preserving Proximity Tracing‘ (PEPP-PT) project. DP-3T is not the only protocol under this umbrella. PEPP-PT also endorses centralized approaches with very different privacy properties.“

    Ich schliesse mich also denjenigen, die den offenen Brief unterschrieben haben: bitte Augen offen halten und etwas Geduld haben, bis eine gute Lösung da ist. Ansonsten – auch wenn extrem tönt – ganz darauf verzichten.

    Wir alle tauschen täglich mehrmals „Privacy“ für „Features“. Trotzdem bin ich bin der Ansicht, dass beim Contact Tracing gar keine Kompromisse akzeptabel sind.

  3. Ein valider Denkanstoss – Vielen Dank! Ich würde ihn sogar etwas weiter fassen …

    „Ein Menschenleben kann nicht gegen Geld aufgewogen werden.“
    Absolut! Es geht aber nicht nur um den unter Druck geratenen Gesellschaftsvertrag Junge vs. Alte. Unsere (globale, westliche) Wirtschaft „opfert eine Mehrheit zum ökonomischen Wohle einer Minderheit“. Hier besteht genauso, wenn nicht grösserer Handlungsbedarf. Jeder ist aufgerufen seinen Beitrag zu leisten. An Gelegenheiten fehlt es nicht (z.B. politisch mit der Unterstützung der Konzernverantwortungsinitiative).

    Mit besten Grüssen

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