Gesundheitsökonomische Forschung

Geringe Fallzahlen lassen an Behandlungsqualität zweifeln

Von Marion Schmidt und Prof. Dr. Simon Wieser

Das Schweizer Gesundheitssystem ist eines der teuersten der Welt. Die Bevölkerung hat Zugang zu einem grosszügigen Leistungsangebot, die Wartezeiten sind kurz und die Qualität der Behandlungen gilt allgemein als gut. Aber ist sie das wirklich? Geringe Fallzahlen in manchen Spitälern könnten einen negativen Effekt auf die Behandlungsqualität haben.

Qualität im Gesundheitswesen ist schwierig zu messen. Mögliche Kennzahlen bei den Spitälern sind etwa die Zahl der ungeplanten Wiedereintritte, die Mortalitätsrate und, als indirekten Hinweis, auch die Zahl der jährlich durchgeführten Behandlungen. Allgemein gilt: Wenn die Zahl der jährlichen Behandlungen einer gewissen Erkrankung gering ist, spricht das eher gegen eine gute Qualität – denn Übung macht bekanntlich den Meister.

Wie steht es also mit Behandlungsqualität angesichts der hohen Anzahl von Spitälern in der Schweiz und der oft geringen Fallzahlen? Und wie haben sich diese Fallzahlen in den letzten Jahren verändert?

Fallzahlen bei der Behandlung des Ovarialkarzinoms

Gemeinsam mit ÄrztInnen vom Unispital Basel hat das WIG diese Frage in Bezug auf die Behandlung des Ovarialkarzinoms untersucht (Publikation im Swiss Medical Weekly). Das Ovarialkarzinom ist eine der häufigsten Krebserkrankungen bei Frauen und die aggressivste Krebsform beim weiblichen reproduktiven System. In der Studie haben wir die Spitäler in vier Spezialisierungskategorien eingeteilt, und dabei Spitäler mit weniger als 30 Patientinnen pro Jahr als «nicht-spezialisierte» Zentren und Spitäler mit 30 und mehr Patientinnen als «spezialisierte» Zentren gekennzeichnet (Datengrundlage: Medizinische Statistik der Krankhäuser des BFS).

Zu viele Behandlungen in Spitälern mit geringen Fallzahlen

Die Abbildung zeigt unsere Ergebnisse zu den Fallzahlen: Zwischen 2002 und 2012 wurde die Mehrheit der Frauen mit Ovarialkarzinom in «nicht-spezialisierten» Spitälern behandelt. Im Jahr 2002 wurden gar 40% der Fälle in Spitälern mit nur 1 bis 9 Fällen pro Jahr behandelt. Immerhin ist der Anteil der Behandlungen in «spezialisierten» Zentren seit 2009 gestiegen und erreichte 2012 fast 50%.

Anteil Patientinnen mit Ovarialkarzinom nach Patientenvolumen des Spitals (Quelle: Wieser et al, 2018. Ovarian Cancer in Switzerland: incidence and treatment according to hospital registry data, Swiss Med Weekly, 148:w14647)

Trotzdem werden immer noch viele Patientinnen in Spitälern behandelt, die ungenügend spezialisiert sind. Dabei wird die Behandlung von Ovarialkarzinoms in spezialisierten Zentren angesichts der rapiden Entwicklung der Behandlung immer wichtiger. Auch für gynäkologische OnkologInnen ist es eine Herausforderung, auf dem neuesten Stand bezüglich neuer Technologien, Behandlungsprozesse und Medikamente zu bleiben. Dies könnte besonders problematisch sein für solche in Spitälern mit geringem Patientenvolumen.

Für eine abschliessende Beurteilung der Frage, ob die Behandlungsqualität in den Spitälern mit niedrigen Fallzahlen tatsächlich schlechter ist, braucht es aber bessere Daten. Und die fehlen heute noch.

Marion Schmidt ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Fachstelle Gesundheitsökonomische Forschung am WIG.

Prof. Dr. Simon Wieser ist Institutsleiter am WIG.

 

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