«Wir können mit angewandter Forschung einen Unterschied machen für die Betroffenen»

Noch nie erreichten so viele Geflüchtete in so kurzer Zeit die Schweiz wie während des Ukrainekriegs. Im Interview erklären Dilyara Müller-Suleymanova und Tobias Nägeli vom ZHAW-Departement Soziale Arbeit aus zwei verschiedenen Blickwinkeln, was für Auswirkungen diese Situation auf die Schweiz, ihre Forschungsarbeit und die ZHAW hat. Am Institut für gesellschaftliche Vielfalt und soziale Teilhabe arbeitet Dilyara im Fokusteam «Inklusion und soziale Ungleichheiten», Tobias gehört zum Fokusteam «Sozialraum, Community Development und Soziale Nachhaltigkeit».

Wie beschäftigt ihr euch beruflich mit dem Krieg in der Ukraine?

Dilyara Müller-Suleymanova: Das Thema Asyl, Geflüchtete und Fluchtmigration sind wichtige Themen bei uns am Departement und in unserem Team. Die Projekte gehen dabei von kindgerechten Unterbringungen für unbegleiteten Minderjährige über die Arbeitsintegration von Geflüchteten bis hin zu den Auswirkungen der Kriegserfahrungen auf nachkommende Generationen. Aktuell sind wir daran, eine Art Monitoring-Studie zu ukrainischen Geflüchteten aufzugleisen, in der wir die Geflüchteten von der ersten Ankunft durch die ersten Integrationsschritte begleiten und an verschiedenen Punkten Interviews führen.

Tobias Nägeli: In unserem Fokusteam stehen geflüchtete Menschen derzeit noch nicht direkt im Zentrum unserer Arbeit. Aber in diesem Zusammenhang haben wir uns mit Siedlungen wie der im Hunzikerareal in Zürich beschäftigt. Die hinter der Siedlung stehende Genossenschaft hat den Anspruch, die Bevölkerungsstruktur der Stadt Zürich in Miniatur abzubilden, d.h. sie hat zum Beispiel eine bestimmte Anzahl an Wohnungen, die nur Menschen im Asylverfahren oder in Notsituationen zur Verfügung stehen. Wer dort lebt, soll gezielt in die Gesamtgesellschaft integriert werden, indem gegenseitiges Verständnis für die jeweiligen Lebensumstände aufgebaut wird. Das ist ein Beispiel für unseren Kontakt mit dem Thema.

Wieso haben Geflüchtete aus der Ukraine mit Hilfe des Schutzstatus S die Chance bekommen, möglichst schnell in einen geregelten Alltag finden, beispielsweise syrische Flüchtlinge sind aber scheinbar mit einer anderen Realität konfrontiert?

Dr. Dilyara Müller-Suleymanova ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fokusteam Inklusion und soziale Ungleichheiten am Institut für gesellschaftliche Vielfalt und soziale Teilhabe. Sie ist Co-Leiterin des CAS «Kommunizieren und handeln im interkulturellen Kontext».

D.M.-S.: Im Zuge des Ukrainekriegs ist es das erste Mal, dass Geflüchtete den Schutzstatus S bekommen (Informationen zu den verschiedenen Ausweisen für Geflüchtete finden sich auf der Website des SEM). Im Fall von Syrien hatte man wohl damals nicht mit so vielen Geflüchteten gerechnet. Der Krieg in der Ukraine hat innerhalb weniger Monate rund 50’000 Menschen in die Schweiz getrieben. Eine Fluchtbewegung in dieser Grössenordnung in so kurzer Zeit hat die Schweiz tatsächlich noch nicht erlebt. Zum Vergleich: Im Kosovokrieg suchten ähnlich viele Menschen Schutz in der Schweiz, aber dies geschah über einen deutlich längeren Zeitraum. Den Schutzstatus S, der zu einem direkten vorläufigen Aufenthaltsrecht inklusive bewilligungspflichtiger Erwerbstätigkeit einhergeht, hat man also auch aus pragmatischen Gründen vergeben. Die Aufnahme von so vielen Geflüchteten in so kurzer Zeit hätte das bestehende Asylsystem völlig überfördert. Da Menschen aus der Ukraine zudem freien Zugang zum Schengenraum haben, dürfen sie ohnehin legal in die Schweiz einreisen – auch ohne Visum und Kriegszustand. Die Ausgangssituation im Syrienkrieg und für die Menschen aus diesem Gebiet war grundsätzlich eine andere.

Was passiert mit den ukrainischen Geflüchteten, wenn der Schutzstatus S nach einem Jahr abläuft?

Am Institut für gesellschaftliche Vielfalt und soziale Teilhabe ist Tobias Nägeli wissenschaftlicher Assistent im Fokusteam Sozialraum, Community Development und Soziale Nachhaltigkeit.

T.N.: Ob die Menschen dann in ihre Heimat zurückkehren können, ist unklar, da das Ende des Krieges in der Ukraine zum jetzigen Zeitpunkt nicht absehbar ist. Wer allerdings innerhalb des Jahres eine Arbeit und somit eine Bewilligung B erhalten hat, wird in der Schweiz bleiben dürfen – das gilt auch für Personen mit Ausweis F, also vorläufig aufgenommene Asylsuchende. Die Frage nach dem weiteren Umgang mit Geflüchteten ist aber auch im Kontext mit anderen Ländern wichtig und war zum Beispiel vor kurzen in Bezug auf Afghanistan aktuell. Der Aufhebung des Schutzstatus oder die Kategorisierung eines Fluchtlandes als «sicher» gehen schwierige politische Debatten voraus, die über die Zukunft der Geflüchteten entscheiden. In Bezug auf die ukrainischen Geflüchteten kommt hier sicher noch einiges auf die politische Schweiz zu – es gibt eben keinen Präzedenzfall.

Offene Fragen sind auch, ob sich der unbürokratische Zugang zum Arbeitsmarkt positiv auf die finanzielle Unabhängigkeit der Geflüchteten auswirkt, wie sich die Kinderbetreuung gestaltet und wie es mit der Anerkennung von ukrainischen Diplomen in der Schweiz aussieht. Sind das auch Fragen, die ihr jetzt versucht in eurem Monitoring anzugehen und zu beantworten?

D.M.-S.: Ja, genau. In unserer Studie haben wir einen Mixed Methods-Ansatz gewählt, also eine Mischung aus quantitativen und qualitativen Methoden. Es ist eine Befragung zu verschiedenen Aspekten der Integration geplant, z.B. zum Wohnen: wie funktioniert die Unterbringung bei Privaten, wie in Kollektivunterkünften? Mit 30 bis 40 Personen planen wir mehrere Interviews im Abstand von etwa einem halben Jahr, um zu schauen, wie der Integrationsprozess verläuft: Was hat sich gebessert, welche neuen Probleme sind vielleicht aufgetaucht, welche Herausforderungen bestehen für die Geflüchteten? Wissen möchten wir auch, wie es mit der Arbeitsintegration aussieht. Zum jetzigen Zeitpunkt haben nämlich nur ein paar Hundert von 50’000 Personen eine Arbeitsbewilligung erhalten. Nicht immer gelingt die Aufnahme einer Tätigkeit problemlos, da es in der Tat doch verschiedene Hürden gibt, z.B. bürokratischer Natur, fehlende Sprachkenntnisse oder Probleme bei der Anerkennung von Diplomen.

«Eine Containersiedlung mit Platz für 1000 Menschen inklusive einer Schule: Was bedeutet das für die Integration?»

Tobias Nägeli

T.N.: Von unserem sozialräumlichen Fokus her ist besonders die Unterbringung ein spannendes Thema – beispielsweise die Frage, wie sich die grosse Anzahl von ukrainischen Geflüchteten auf die Kollektivunterbringung auswirkt. Beispielsweise hat die Stadt Bern vor, eine Containersiedlung mit Platz für um die 1000 Menschen zu schaffen inklusive einer Schule. Uns interessiert: Was bedeutet das für die Integration? Schirmt man damit die Gruppe räumlich ab und verhindert einen Austausch und Interaktion mit der heimischen Bevölkerung? Andererseits gibt es mittlerweile auch Erfahrungsberichte von Familien, die Geflüchtete aus der Ukraine aufgenommen haben und merken, dass das gar nicht so einfach ist. Aus Solidarität kann auch Überforderung entstehen, auf beiden Seiten. Auch hier zeigt sich also, dass professionelle Begleitung sicherlich sinnvoll wäre.

D.S.-M.: Es darf nicht vergessen werden, aus welchen sozio-ökonomischen Kontexten die verschiedenen Gruppen von Geflüchteten kommen. Die Ukrainer:innen sind sich ihrer Rechte teilweise sehr bewusst und fordern diese auch ein. Dies zeigt sich beispielsweise in Sachen Kinderbetreuung: In post-sowjetischen Staaten kennt man häufig eine Ganztagskinderbetreuung für Kinder ab drei Jahren. In der Schweiz sind viele Ukrainer:innen dann gewissermassen schockiert, wenn die Kindergärten nur bis mittags geöffnet sind.

Wie könnte denn die ZHAW als Hochschule in dieser Situation weiter unterstützen? Was würdet ihr euch wünschen für die Integration von Geflüchteten?

D.M.-S.: Wir als angewandte Hochschule haben mit unserer Forschung einen direkten Einfluss. Wir arbeiten mit wissenschaftlichen Methoden und empirisch, um die Situation zu untersuchen und können daraus dann Empfehlungen, Lösungsansätze und Anstösse für angewandte Projekte entwickeln. Es ist also wichtig, dass wir tatsächlich Forschungsprojekte aufgleisen, denn diese können einen Unterschied machen für die Betroffenen.

«Wir als angewandte Hochschule haben mit unserer Forschung einen direkten Einfluss.»

Dilyara Müller-Suleymanova

T.N.: Ergänzend dazu wünsche ich mir, dass wir auch auf höchster Ebene Kooperationen suchen, auch auf Dienstleistungsebene. Gerade jetzt sollte die Vernetzung mit der Praxis noch enger werden, damit wir dort wirkungsvoll unterstützen können. Um auf das Beispiel von dem Containerdorf zurückzukommen: Bei solchen Vorhaben könnten wir die Expertise verschiedenster Departemente anbieten, um bei den vielen offenen Fragen zu unterstützen und mit Konzepten zu helfen.

D.M.-S.: Gerade erst haben wir zum Beispiel besprochen, ob wir eine kleine Weiterbildung für die privaten Familien anbieten können, die Geflüchtete aufgenommen haben – im Sinne von interkultureller Kommunikation und konkreter Hilfe im Alltag.

T.N.: Genau, das ist ein tolles Beispiel dafür, wie die Expertise der ZHAW in dieser Krisensituation Unterstützung bieten kann.


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