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Ein smartes Dorf in der kleinen Grossstadt

Unsere Gastautorin Nicole Anja Baur berichtet von gelebter Nachhaltigkeit am Beispiel der selbstverwalteten Mehrgenerationensiedlung Giesserei in Winterthur Neuhegi. Die ZHAW-Mitarbeiterin von der Fachstelle Lifelong Learning am Departement Soziale Arbeit lebt seit acht Jahren in der Giesserei. Hier gibt sie Einblick in das gemeinschaftliche und nachhaltige Leben in ihrer kleinen «Smart City».

Im Herzen des aufstrebenden Stadtzentrums Neuhegi liegt unmittelbar am Eulachpark das Mehrgenerationenhaus Giesserei. Hier wird nicht nur gewohnt, sondern auch gearbeitet und Kulturelles angeboten. Unter den 14 Gewerbebetrieben befinden sich ein Restaurant, eine Filiale der Winterthurer Bibliotheken, zwei Kunstgalerien und ein Musikzentrum. Der grosse Innenhof ist ein Ort der Begegnung und bietet Kindern einen Spielplatz sowie Erholungsuchenden eine rosenüberwucherte Pergola. Im halbjährlich stattfindenden Repair-Café kann die ganze Nachbarschaft ihre defekten Geräte, Kleider oder Lampen unter professioneller Anleitung kostenlos flicken.

Gemeinschaft wird grossgeschrieben in der Giesserei – das Hoffest ist dabei nur ein Resultat von vielen. (Fotos: Kurt Lampart)
In der Giesserei leben rund 240 Erwachsene und über 100 Kinder und Jugendliche aus mehr als zwei Dutzend Herkunftsländern. Die Wohnungsmieten sind weder günstig noch speziell hoch, darin eingeschlossen sind aber viele Extras wie beispielsweise gemeinsam genutzte Räume. Das Gebäude erfüllt den Minergie-P-Eco-Standard und die Giesserei gilt mit nur 0,2 Bewohnerparkplätzen pro Wohnung und 480 Fahrradständern als autofreie Siedlung. 

Resilienz bewiesen während der Pandemie

Gerade in diesen schwierigen Zeiten haben sich die Stärken der Giesserei noch deutlicher gezeigt. Nachbarschaftshilfe gilt hier seit je her als selbstverständlich. Junge Menschen z.B. boten an, für die älteren einzukaufen. Kommunikationskanäle hatten wir längst online eingerichtet. Gewisse Gemeinschaftsräume standen nur noch für Homeoffice zur Verfügung. Ich arbeitete fortan im bestgelegenen Raum im 5. Stock. Er verfügt über eine riesige Terrasse mit prächtiger Aussicht über die Nachbarschaft bis ins nächstgelegene Dorf. Ein Aufsteller waren auch die Mitmach-Singkonzerte auf den Balkonen zur Innenhofseite, die es sogar in den Tages-Anzeiger geschafft haben.

Was gefällt mir besonders an der Giesserei?

Erstens: Welche bezahlbare Zweizimmerwohnung hat schon einen 20 m2 grossen Balkon? Das bedeutet Platz für ein Sofa UND eine Hängematte UND für zig Töpfe mit Kräutern. Neuerdings finden sogar zwei Meerschweinchen einen Platz.

Zweitens: Hier wird bewusst miteinander gewohnt. Im Gegensatz zu Nachbarsiedlungen, in welchen sehr anonym gewohnt wird, sind hier alle mit einem Klick verbunden. Der Grossteil der Bewohnenden nutzt den Siedlungschat. Darin geht es vom Kinder hüten über Fundgegenstände bis hin zum Möbelverschenken. Und natürlich sind die Begegnungen viel persönlicher. Ich werde oft mit Namen gegrüsst, ich kann mich in unserer Beiz an einen Tisch dazugesellen und in Arbeitsgruppen wird fortlaufend an Verbesserungen gearbeitet. Beispielsweise wurde ein Stück Asphalt entfernt, um den Platz zu begrünen und dem Hitzeeffekt entgegenzuwirken.

Drittens: Was diese Siedlung besonders macht im Vergleich zu ähnlichen Projekten, ist die grosse Anzahl von Gemeinschaftsräumen. Dazu gehören ein grosser Saal für interne und öffentliche Veranstaltungen, drei Werkstätten, ein Musikübungsraum, ein Jugendraum und zwei weitere Gemeinschaftsräume sowie drei Gästezimmer. Alle diese Räume lassen sich kostenlos oder günstig mieten. Dank dieser Räumlichkeiten vor Ort lassen sich lange Wege vermeiden. Und da sie buchstäblich präsent sind, werden sie auch spontan genutzt für Treffen. Und nicht selten entstehen auf diese Weise neue Projekte. So rief eine Bewohnerin einen Gemüsemarkt ins Leben in der nahe gelegenen Halle 710 im Eulachpark. Oder ein paar Frauen taten sich zusammen und organisierten einen internen Kleidertauschmarkt, der seit dann halbjährlich stattfindet. Und wieder eine andere Gruppe organisierte einen Hol- und Bringtisch, wo nicht mehr Benötigtes gebracht bzw. Benötigtes gefunden werden kann.

Das sind nur die drei wichtigsten Gründe für mich. Für andere Menschen stehen andere Vorteile im Vordergrund. Jedenfalls ist das Interesse an der Giesserei so gross, dass wir seit Jahren eine Warteliste für Wohnungen führen.

Nicole Anja Baur

PS: Es finden regelmässig Führungen statt. Mehr Infos: https://www.giesserei-gesewo.ch/

Über die Gastautorin:

Nicole Anja Baur, Wahlwinterthurerin, setzt sich an der ZHAW im Zusammenhang mit dem Stiftungsverzeichnis mit Sharing Economy auseinander. In ihrer Freizeit ist sie vorwiegend mit dem E-Bike unterwegs. Sie arbeitet Teilzeit, um ihre vielen Projekte zu pflegen, die sich meist um genussvolles Essen drehen. Einen grossen Teil ihrer Sommerferien verbringt sie auf Balkonien

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