Lern(t)räume neu denken: Was gute Lernräume wirklich ausmacht

Wie entstehen Lernräume, die inspirieren, Austausch fördern und Lernen ermöglichen? Der EduImpulse Day 2026 der ZHAW zeigte unter dem Motto «Lern(t)räume», dass gute Lehre weit mehr braucht als moderne Infrastruktur. Entscheidend ist das Zusammenspiel von Raum, Didaktik und sozialer Interaktion.

Ein Hörsaal mit 300 Plätzen. Ein Seminarraum mit flexiblen Möbeln. Eine virtuelle Lernumgebung mit künstlicher Intelligenz. Auf den ersten Blick könnten diese Orte kaum unterschiedlicher sein. Und doch verbindet sie eine zentrale Frage: Wie beeinflussen Räume das Lernen?

Gerade vor dem Hintergrund digitaler Transformation und künstlicher Intelligenz gewinnt diese Frage an Bedeutung: Wie gestalten wir Lernumgebungen so, dass sie Lernen tatsächlich ermöglichen?

Der EduImpulse Day 2026 lud Lehrende und Bildungsinteressierte dazu ein, ihre Vorstellungen von Lernräumen zu hinterfragen. Im Zentrum stand die Erkenntnis: Lernräume sind weit mehr als physische Orte. Sie entstehen überall dort, wo Menschen miteinander lernen, Erfahrungen austauschen und Wissen gemeinsam entwickeln.

Wie stark Räume unser Verhalten beeinflussen, zeigte Keynote-Speaker Roman Schurter eindrücklich. Kurz vor Beginn des EduImpulse Day betraten die Teilnehmenden den Raum. Es gab keine Bestuhlung, keine vorgegebenen Plätze und keine Anweisungen. Und doch passierte etwas Vertrautes: Innerhalb weniger Minuten bildeten die Teilnehmenden klassische Sitzreihen mit Blick zur Bühne. Warum? Weil Räume Erwartungen schaffen. Weil sie beeinflussen, wie wir uns verhalten, miteinander interagieren und lernen. Seine zentrale Frage lautete: «Was macht der Raum mit mir – und was mache ich mit dem Raum?».

Mit Bildern unterschiedlicher Lernumgebungen wie Hörsälen, einer Küche in der Berufsbildung, Coworking-Spaces oder KI-gestützten Lernwelten veranschaulichte Schurter seine zentrale Botschaft: Kein Raum ist per se gut oder schlecht. Entscheidend ist, wie er genutzt wird. Selbst ein klassischer Hörsaal kann Interaktion ermöglichen. Ein digitaler Raum kann Nähe schaffen. Und ein flexibel eingerichteter Raum bleibt wirkungslos, wenn sein Potenzial ungenutzt bleibt. Didaktik muss der Infrastruktur vorausgehen. Nicht die Möbel, die Technik oder die Raumgrösse entscheiden über den Lernerfolg, sondern welches Lernerlebnis ermöglicht werden soll. Schurter plädierte dafür, gewohnte Muster zu hinterfragen und neue Wege auszuprobieren. Denn erst die bewusste Gestaltung macht aus einem Lernraum einen Lern(t)raum.

Bereits in ihrer Eröffnungsrede machte Rektorin Regula Jöhl deutlich: Lernen findet heute überall statt – im Seminarraum, auf digitalen Plattformen, im Austausch mit anderen oder zuhause vor dem Laptop. Gute Lehre braucht deshalb mehr als funktionale Infrastruktur. Sie entsteht dort, wo Begegnung, Beteiligung und gemeinsames Lernen möglich werden – ein Gedanke, der den gesamten EduImpulse Day prägte.

In der anschliessenden Podiumsdiskussion wurde deutlich: Innovation entsteht dort, wo Lehrende bereit sind, gewohnte Muster zu hinterfragen und neue Formate auszuprobieren. Die Wirkung eines Lernraums entsteht erst durch die Menschen, die ihn nutzen. Lehrende müssen deshalb nicht nur didaktische Methoden beherrschen, sondern auch lernen, Räume bewusst in ihre Lehrgestaltung einzubeziehen. Innovation gelingt nicht auf Anhieb – umso wichtiger ist es, Lehrende dabei zu unterstützen, Räume und neue Werkzeuge bewusst in ihre didaktischen Überlegungen einzubeziehen. Dabei spielt Mut eine zentrale Rolle. Neue Raumkonzepte, digitale Lernformen oder innovative Unterrichtssettings entfalten ihr Potenzial nur dann, wenn sie ausprobiert werden dürfen.

Gleichzeitig wurde deutlich, dass Innovation nicht bedeutet, jedem Trend zu folgen. Gerade angesichts digitaler Lernräume und künstlicher Intelligenz gewinnt die bewusste Gestaltung sozialer Interaktion zusätzlich an Bedeutung. Die Herausforderung besteht nicht darin, technologische Entwicklungen zu kontrollieren, sondern sie reflektiert und verantwortungsvoll in die Lehre zu integrieren. Hochschulen können dafür Orientierung bieten, geeignete Rahmenbedingungen schaffen und Lehrende befähigen, neue Möglichkeiten sinnvoll und verantwortungsvoll einzusetzen. Im Zentrum steht dabei eine grundlegende Frage: Welches Lernerlebnis möchten wir ermöglichen?

Wie unterschiedlich zeitgemässe Lernräume sein können, zeigte auch das vielfältige Rahmenprogramm des EduImpulse Day.

Workshops und Inputs zeigten anhand hybrider Lehrformate, KI-gestützter Lernprozesse, virtueller Gesprächstrainings, projektbasierten Lernens oder aktivierender Unterrichtsmethoden, wie vielfältig Lern(t)räume gestaltet werden können. Die Formate verdeutlichten, dass Innovation dort entsteht, wo Lehrende die Lernprozesse bewusst gestalten, Austausch fördern und Studierende aktiv einbeziehen. Denn Lernen bleibt auch in einer zunehmend digitalen Welt ein sozialer Prozess.

Zum Abschluss spannte Reto Steiner den Bogen zur Reformpädagogik um 1900. Die damaligen Fragen unterscheiden sich erstaunlich wenig von den heutigen: Welche Lernräume braucht es? Welche Rolle spielt soziale Interaktion? Und wie lassen sich neue Werkzeuge sinnvoll einsetzen?

Eine universelle Antwort gibt es nicht. Innovation braucht Offenheit statt Dogmatik und muss sich stets daran messen lassen, wie Lernen wirksam gelingt.

Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis des EduImpulse Day 2026: Gute Lehre beginnt nicht mit der Suche nach dem perfekten Raum oder der neuesten Technologie.

Sie beginnt mit der Bereitschaft, Lernen immer wieder neu zu denken – und Lernräume bewusst zu gestalten. Denn Lernen hat keinen festen Sitzplatz.


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