Mann vor Anzeigetafel HB Zürich

Wenn aus Buchstaben Barrieren werden

Fast jeder dritte Mensch in der Schweiz hat Mühe mit Lesen, Alltagsmathematik oder adaptivem Projektlösen. Besonders für Personen mit Deutsch als Zweitsprache erschweren geringe Grundkompetenzen nicht nur das Erlernen der Fremd- und Zweitsprache Deutsch, sondern auch die gesellschaftliche Teilhabe. Umso wichtiger sind gut ausgebildete Lehrpersonen. Doch was braucht es, um Erwachsene erfolgreich beim Erwerb von Grundkompetenzen zu begleiten?

Zürich HB: In der Bahnhofshalle, hoch über den Köpfen für alle sichtbar, hängt die Anzeigetafel. Zeilen, Spalten, Orte, Abkürzungen, Zahlen. Für die meisten Reisenden ist sie selbstverständlich. Ein kurzer Blick und klar ist, wo und wann der nächste Zug fährt.

Wenn du diesen Text bis hierhin mühelos lesen konntest, gehörst du vermutlich auch zu denen, die eine solche Anzeigetafel problemlos interpretieren. Den wenigsten ist bewusst, dass es dafür Fähigkeiten braucht, die nicht für alle selbstverständlich sind.

Alarmierende Zahlen

30 Prozent aller Menschen in der Schweiz verfügen über geringe Grundkompetenzen. Sie haben entweder Mühe mit Lesen, mit Alltagsmathematik oder adaptivem Problemlösen – also damit, sich in neuen Situationen zurechtzufinden, Informationen zu verstehen und richtig zu handeln. Selbst eine Anzeigetafel am Bahnhof kann zur Herausforderung werden. Dies zeigt die internationale Studie PIAAC ( Programme for the International Assessment of Adult Competencies PIAAC).

«Die Zahlen sind alarmierend und gleichzeitig nachvollziehbar», sagt Liana Konstantinidou, Co-Leiterin CAS Alphabetisierung im DaZ-Unterricht und Professorin für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache (DaF/DaZ). «Denn die Welt wird komplexer. Was früher mündlich geregelt wurde, erfordert heute oft schriftliche Kompetenzen.» Auch der Zugang zu Informationen läuft heute häufig digital. Wer diese Technologien nicht bedienen kann, wird schnell ausgeschlossen. «Viele Betroffene erleben ein Gefühl von Ohnmacht», so Konstantinidou. Das könne langfristig auch gesellschaftliche Spannungen verstärken und zu einer Polarisierung der Gesellschaft führen.

Vielfältige Gründe

Die Gründe für geringe Grundkompetenzen sind gemäss Liana Konstantinidou vielfältig: fehlender Zugang zu Bildung aufgrund politischer oder ethnischer Diskriminierung, Krieg, Armut oder instabile politische Verhältnisse. Bei Personen, die ihre Schulbildung in der Schweiz abgeschlossen haben, spielen negative Erfahrungen im Elternhaus und Schule, nicht-entdeckte Lernschwierigkeiten und geringes Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten eine Rolle.

Sprache kann zur doppelten Hürde werden

Besonders schwer haben es betroffene Migrant:innen, die die lokale Sprache erst lernen müssen. Ihnen fehlt zum Teil die Möglichkeit, mangelnde schriftliche Kompetenzen mündlich auszugleichen. Im DaZ-Unterricht wird diese doppelte Herausforderung besonders sichtbar: Lernen findet in einem Umfeld statt, das genau jene Grundkompetenzen voraussetzt, die fehlen.

«Menschen, die kaum oder gar nicht lesen können, entwickeln oft erstaunliche Kompensationsstrategien», sagt Sabine Schirle, Angebotsleiterin von Alphabetisierungskursen bei der AOZ. «Diese Strategien sind kognitiv sehr anspruchsvoll und für die Betroffenen anstrengend.» Aus Scham versuchen Teilnehmende in Deutschkursen, ihre Schwierigkeiten zu verbergen oder zu umgehen. Hinweise für geringe Grundkompetenzen können sein, dass sie Aufgaben vermeiden, beim Lesen Wörter aus dem Kontext erraten oder beim Lesen längeren Wörtern ins Stocken geraten. Die Folge: Das Problem bleibt oft lange unentdeckt. Wird es sichtbar, zeigt sich, wie grundlegend die Herausforderungen tatsächlich sind.

Wirkungsvoller Unterricht ist mehr als das Lehren von Buchstaben

«Gibt man sogenannten Primäranalphabeten, also solchen, die nie Lesen und Schreiben gelernt haben, einen Ordner, wissen viele nicht, wie man Blätter abheftet oder ob man das Blatt hoch oder quer hält», sagt Schirle. «Oft gehen die Ordner beim ersten Versuch kaputt.»

Alphabetisierungsunterricht ist deshalb weit mehr als das Lehren von Buchstaben und Zahlen. Er beginnt bei Dingen, die sonst vorausgesetzt werden. Wirkungsvoller Unterricht verbindet viele Kompetenzen. Das zeigt sich in verschiedenen Bereichen:

  • Verstehen, wie Lernen funktioniert
    Lehrpersonen müssen genau beobachten. Wo stehen Teilnehmende an und wo muss man ansetzen, damit Neugelerntes überhaupt haften bleibt. Neben Empathie und Beobachtungsgabe hilft es zu verstehen, wie Lernprozesse im Gehirn ablaufen. «Lehrpersonen müssten erkennen, was im Lernprozess gerade möglich ist – und wo Überforderung entsteht», so Liana Konstantinidou.

  • Feinmotorik und Arbeitstechniken
    Neben klassischen Übungen zu Lesen und Schreiben muss auch die Feinmotorik geschult werden. «Manche Teilnehmende haben noch nie einen Stift in der Hand gehalten», so Sabine Schirle. Ausserdem geht es um Lern- und Arbeitstechniken, etwa darum, wie man mit Materialien umgeht oder das Lösen von Aufgaben strukturiert.

  • Begegnung auf Augenhöhe
    Um Lernerfolge zu erzielen, spielt die Beziehung zur Lehrperson eine zentrale Rolle. «Man darf nicht vergessen, dass man mit Erwachsenen arbeitet, die alle viele Fähigkeiten – und oft auch traumatische Erlebnisse – mit sich bringen», sagt Liana Konstantinidou. «Eine Begegnung auf Augenhöhe ist entscheidend.» Materialien müssten zudem so aufbereitet sein, dass sie erwachsenengerecht sind und nicht infantil wirken. Sabine Schirle baut beispielsweise in Übungen die Namen oder Gewohnheiten von Teilnehmenden ein und schafft so einen persönlichen Bezug.

    Um die Empathie zu schulen, hilft es, wenn Lehrpersonen sich in die Situation von Kursteilnehmenden versetzen. Sabine Schirle veranschaulicht: «Wenn ich beispielsweise als Lehrperson versuche, jeden Tag ein fremdsprachiges Wort der Teilnehmenden zu lernen oder gar zu schreiben, wird offensichtlich, wie schwierig das ist, denn oft scheitere ich.» Es hilft den Teilnehmenden zu sehen, dass das Erlernen einer neuen Schrift für alle schwierig ist – auch für die Lehrerin.

  • Einbeziehen vorhandener Stärken
    Auch das Einbeziehen vorhandener Stärken ist zentral, um Lernprozesse zu stabilisieren und Vertrauen aufzubauen. «Ich hatte einmal eine Teilnehmerin, die nie lesen gelernt hat, aber ein aussergewöhnlich gutes Zahlenverständnis hatte.» Schirle baute gezielt Übungen ein, in denen die Frau ihre Stärke zeigen konnte. «So hatte sie in jeder Stunde ein Erfolgserlebnis.»

Der CAS Alphabetisierung im DaZ-Unterricht setzt genau hier an. Er vermittelt das Wissen und die Werkzeuge, die Lehrpersonen brauchen, um mit dieser Vielfalt an Anforderungen umzugehen – von Modellen des Schriftspracherwerbs über didaktische Methoden bis hin zum Umgang mit heterogenen Gruppen.

Kleine Fortschritte, grosse Wirkung

Viele Teilnehmende in Alphabetisierungskursen haben das Gefühl, kaum Fortschritte zu machen. «Deshalb ist es wichtig, auch kleinste Fortschritte, ich nenne sie Nanofortschritte, sichtbar zu machen», sagt Schirle. «Nur so bleibt die Motivation erhalten.»

Auch wenn die Arbeit in Alphabetisierungskursen viel Geduld erfordert, sie wirkt. «Die Wertschätzung, die Lehrpersonen in diesem Bereich erfahren, ist enorm», sagt Liana Konstantinidou. Wer Erwachsenen Lesen und Schreiben beibringt, ermöglicht mehr als nur sprachliche Kompetenzen. «Es geht darum, Menschen Zugang zu geben. Zum Alltag, zur Arbeit, zur Gesellschaft.»

Die Fortschritte sind oft klein, aber ihre Bedeutung gross. Wie bei der Anzeigetafel am Anfang: Wer sie plötzlich verstehen kann, dem erschliessen sich neue Wege – wortwörtlich und im übertragenen Sinn.

Alphabetisierungsunterricht kann Barrieren nicht einfach sprengen. Aber er hilft, sie Schritt für Schritt abzubauen.


Prof. Dr. Liana Konstantinidou

Prof. Dr. Liana Konstantinidou leitet das Institute of Language Competence und ist Professorin für Deutsch als Fremd und Zwetsprache. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Schreibförderung und im Assessment von Textqualität. In ihren Forschungsprojekten setzt sie sich ebenfalls mit Aspekten der sprachlichen Integration und der berufsspezifischen Sprachförderung auseinander.

Sabine Schirle

Sabine Schirle ist Erwachsenenbildnerin undleitet das Angebot Alphabetisierung bei der AOZ. Seit vielen Jahren beschäftigt sie sich mit der Vermittlung von Lesen und Schreiben bei Erwachsenen. Im CAS Alphabetisierung im DaZ-Unterricht unterrichtet Sie das Modul «Materialanalyse und Materialerstellung».  



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