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Datenvisualisierungen und ihre gesellschaftliche Relevanz

Sie veranschaulichen das, was sich viele nicht vorstellen können, und erleben gerade jetzt während der Covid-19-Pandemie Hochkonjunktur: Datenvisualisierungen. Wibke Weber hat die Visualisierungspraktiken und Trends von Datenvisualisierungen in journalistischen Newsrooms zusammen mit einem internationalen Forschungsteam untersucht.

Von Wibke Weber, Professorin für Medienlinguistik, Schwerpunkt: Visuelle Kommunikation, am IAM Institut für Angewandte Medienwissenschaft

Seit Beginn der Covid-19-Pandemie sind die Medien voll mit Datenvisualisierungen. Wir verfolgen und bewerten die Corona-Krise anhand aufsteigender Balken, sinkender Kurven und rot eingefärbter Karten: Wie viele haben sich angesteckt? Wo gibt es die meisten Fälle? In welchem Zeitraum hat sich die Zahl der Infizierten verdoppelt? Wie sieht es mit dem R-Faktor aus, also der Zahl, die besagt, wie viele Menschen ein Corona-Infizierter im Schnitt ansteckt? Eine Visualisierung hat mittlerweile besondere Berühmtheit erlangt: die „flatten the curve“-Grafik. Politik und Behörden entscheiden auf Basis solcher Datenvisualisierungen; ExpertInnen in Talkrunden argumentieren damit und JournalistInnen sehen sich mehr denn je mit dem Verstehen von wissenschaftlichen Studien, mit Statistiken und grafischen Darstellungsformen konfrontiert. Das alles zeigt: Datenvisualisierungen haben einen gesellschaftlichen Impact. Sie erfordern Kompetenzen auf der Produktionsseite, nämlich die Daten korrekt zu erheben, zu interpretieren und zu visualisieren, und auf der Rezeptionsseite die Fähigkeit, solche Visualisierungen lesen zu können.

Flatten the curve heisst: die Ausbreitung des Virus so zu verlangsamen, dass weniger Menschen auf einmal behandelt werden müssen. So verteilen sich die Fälle über einen längeren Zeitraum und die Spitäler werden nicht überlastet. (Quelle Grafiken: Wikipedia, Autor: RCraig09)

Innovative Data Visualization and Visual-Numeric Literacy

Wie Datenvisualisierungen eingesetzt werden in der öffentlichen Kommunikation und in der Bildung, wie sie produziert und rezipiert werden und wie sie wirken – das untersuchte ein internationales Forschungsteam im Rahmen des Projekts Innovative Data Visualization and Visual-Numeric Literacy (INDVIL). Das Projekt war an der Universität Agder in Norwegen angesiedelt und wurde vom norwegischen Forschungsrat von 2016 bis 2019 gefördert. Im Rahmen dieses Forschungsprojekts haben ForscherInnen eine Reihe von empirischen Studien durchgeführt. Eine Studie untersuchte die Visualisierungspraktiken und Trends bezüglich Datenvisualisierungen in journalistischen Newsrooms in Norwegen, Grossbritannien, Schweden, Dänemark, Deutschland und der Schweiz. Befragt wurden 60 RedaktionsleiterInnen, DatenjournalistInnen, DesignerInnen und ProgrammiererInnen in 26 Medienunternehmen. Die Ergebnisse aus dieser und weiteren Studien sind nun in einem Buch mit dem Titel erschienen: Data Visualization in Society.

Aus multidisziplinärer Perspektive beleuchtet das Buch bildsemiotische und ästhetische Aspekte von Datenvisualisierungen. Es erörtert das Konzept von Visual Literacy, also der Kompetenz, visuelle Artefakte zu lesen und zu gestalten, und fragt nach der gesellschaftlichen Rolle von Datenvisualisierungen, etwa nach ihrer ideologischen Wirkmächtigkeit in politischen Prozessen. Und es reflektiert den Gebrauch von Visualisierungen in privaten wie in professionellen Kontexten. Zum Beispiel, wie es sich mit der journalistischen Transparenznorm bei Datenvisualisierungen verhält. Transparenz bedeutet, darüber zu informieren, wie das journalistische Produkt entstanden ist. Wie sieht das bei Datenvisualisierungen aus? Informieren JournalistInnen darüber, welche Fakten priorisiert und welche Daten weggelassen wurden oder wie man die Visualisierung lesen muss? Antwort darauf gibt das Kapitel Data visualization and transparency in the news von Helen Kennedy, Martin Engebretsen und Wibke Weber.

Das Buch Data Visualization in Society ist kein „how-to“-Leitfaden für PraktikerInnen, auch wenn die 26 Kapitel eine Reihe von anschaulichen Beispielen aus der Praxis enthalten. Vielmehr werfen die Autorinnen und Autoren einen kritischen, fast schon philosophischen Blick auf eine Visualisierungskultur, die im Kontext einer zunehmend datifizierten Gesellschaft enorm an Relevanz gewinnt und ständig im Wandel begriffen ist.

Gerade weil ein Verständnis der Produktionspraktiken, Ästhetik und Wirkungsweisen dieser Visualisierungskultur immer wichtiger wird, richtet sich das Buch an ein breites Publikum. Es wird daher als Open Access-Publikation angeboten und kann kostenlos bezogen werden. Die Kapitel sind relativ kurzgehalten und leisten alle einen Beitrag zum akademischen und öffentlichen Diskurs über Datenvisualisierung in der Gesellschaft.

Martin Engebretsen & Helen Kennedy (eds): Data Visualization in Society. Amsterdam University Press (2020).

Open Access page: 
https://www.jstor.org/stable/j.ctvzgb8c7 (JSTOR)
http://library.oapen.org/handle/20.500.12657/22273 (OAPEN)


Prof. Dr. Wibke Weber gehörte zum Projektteam und hat an dem Buch Data Visualization in Society mitgeschrieben. Sie lehrt und forscht am IAM Institut für Angewandte Medienwissenschaft. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: Datenvisualisierung, Infografiken, Visual Storytelling, Bildsemiotik, AR/VR.



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