Arztrechnungen laienverständlich übersetzt

«Wenn man erkrankt, wird man unfreiwillig zum Experten», sagt Felix Steiner, Professor für Fachkommunikation und Wissenstransfer am ILC Institute of Language Competence. Er hat mit einem wissenschaftlichen Team an der ZHAW und in Zusammenarbeit mit der SUVA ein grosses Forschungsprojekt realisiert.

von Lisa Gubler, Mitarbeiterin Leitung Weiterbildung am ILC Institute of Language Competence

Wenn der Mediziner von «intubieren» spricht, bezeichnet dies der Patient als «Schlauch schlucken». Im Krankheitsfall findet bei vielen Patienten ein noch unerforschtes Phänomen statt: Der sogenannte ungesteuerte Wortschatzerwerb, der schliesslich in einer Laienfachsprache resultiert.

Paraphrasieren, nicht übersetzen

Felix Steiner hat zusammen mit einem wissenschaftlichen Team an der ZHAW und in Zusammenarbeit mit der SUVA ein grosses Forschungsprojekt realisiert. Hauptziel war es, Arztrechnungen, also Expertentexte, auch für Laien verständlich zu machen. Hierzu wurden die Originaltexte analysiert und in die bürgernahe Sprache «übersetzt». Wobei Steiner hier ungern von «übersetzen» spricht und «paraphrasieren» bevorzugt. Denn im Grunde wurde ein neuer, verständlicherer Text über den alten gelegt. So ist für Laien eine Selektivlektüre möglich und er oder sie versteht die Zusammenhänge und kann die Rechnung kontrollieren. Auf diese Weise sollen Laien nicht bevormundet, sondern in ihrer Expertise über die eigene Krankheit abgeholt werden.

Die Krankenkassen überprüfen alles, die Patienten nichts

Das Wort Patient stammt vom Lateinischen «patiens» ab und bedeutet ursprünglich «ich erleide». Erstaunlicherweise spiegelt sich diese Bedeutung auch im Umgang mit Arztrechnungen wider. Die meisten PatientInnen kontrollieren ihre Rechnungen nicht, sind aber am Schluss diejenigen, die sie bezahlen müssen. Die Krankenkassen hingegen überprüfen alles. Mit Steiners Projekt soll diese Lücke geschlossen werden und der sogenannte Out-of-Pocket-Zahler soll eine verständliche Rechnung erhalten.

Minimale Rechnungskontrolle ermöglicht Ersparnisse im Millionenbereich

Das Projekt verfolgt kommunikationsethische und ökonomische Ziele: einerseits soll es PatientInnen ermöglichen, die Rechnungen anzuschauen und diese zu verstehen, damit Ungereimtheiten – ob beabsichtigt oder nicht – aufgedeckt werden können. Zudem sollen auf diese Weise Zeit und Kosten minimiert werden: «Im Falle einer minimalen automatisierten Rechnungskontrolle können bereits Millionensummen eingespart werden», erklärt Felix Steiner.

Eine App und eine Software

Heutzutage ist alles hochtechnisiert, für alles gibt es eine App. Nur das Gesundheitswesen hinkt noch hinterher. Dank Felix Steiners Projekt soll diese Lücke bald geschlossen werden, denn die Forschungsergebnisse resultieren in einer Software und einer App. Zwar ist letztere noch nicht marktreif, doch die Software wird bereits von Krankenkassen genutzt und soll schlussendlich auch für Laien einsetzbar sein. Grund für die Schwierigkeiten bei der Markteinführung sind die Papierrechnungen. Es ist technisch noch nicht möglich, die Tarifziffern fehlerfrei einzulesen. Somit ist klar: Im Gesundheitswesen besteht im Bereich der Digitalisierung Nachholbedarf.


Prof. Dr. Felix Steiner leitet den Forschungs- und Arbeitsschwerpunkt Fachkommunikation und Wissenstransfer am ILC Institute of Language Competence. Derzeit arbeitet er an weiteren Projekten mit, z.B. «Informed Consent in verständlicher Form».


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