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Was es kostet, der Wissenschaft den Geist auszutreiben

Englisch heissen sie Humanities, deutsch Geisteswissenschaften. Zusammen mit den Sozialwissenschaften fragen sie kritisch nach dem Sinn dessen, was Menschen sind und tun. Das ist auf Dauer gewinnbringender für alle Beteiligten, als manchen bewusst – oder lieb – ist.

von Daniel Perrin, Direktor Departement Angewandte Linguistik

Zuerst die kleinen Zahlen: In der Schweiz verdient, wer nach einem Studium der Geisteswissenschaften in den Beruf einsteigt, pro Jahr im Schnitt 72 000 Franken. Die Einstiegslöhne von Absolventinnen und Absolventen von Studiengängen in exakten und Naturwissenschaften liegen 2 000 Franken tiefer, bei Recht sind es sogar 14 000 Franken weniger. Die Mär der brotlosen Geistes- und Sozialwissenschaften wird von den Zahlen des Bundesamtes für Statistik klar widerlegt.

Nun die grossen Zahlen: Während in der Schweiz das Interesse Studierender an der Palette der Geistes- und Sozialwissenschaften stabil bleibt, sinken in vielen Regionen der Welt die Studierendenzahlen stark oder werden Hochschulbudgets zusammengestrichen. Engpässe in der Hochschullehre führen zu Überlastung, Qualitätseinbussen und mittelfristig deshalb zu nachlassendem Interesse an Fächern, die sich befassen mit den Menschen, ihrer Geschichte und ihrer Zukunft.

Daily 1990, Why humanities?

Ausgerechnet. Während Bildungsoffensiven in Asien immer plakativer auf ihr Verständnis von kritischem Denken setzen, droht in der westlichen Welt die Jahrhunderte alte Tradition des Hinterfragens, wie sie von den Geistes- und Sozialwissenschaften gelehrt wird, wegzubrechen. Am Dartmouth College zum Beispiel, einer Hochburg der Humanities in den USA, ist der Anteil Studierender mit solchem Hauptfach seit 1969 von 26 auf 15 Prozent gesunken.

Interesse am Menschen als Basis für Laufbahn

Dies scheint absurd im Licht der Tatsache, dass auch in den USA viele einflussreiche Persönlichkeiten in Wirtschaft und Politik ihre Karriereleiter auf ein Fundament in Geistes- und Sozialwissenschaften abstützen, wo sie mehrperspektivisch denken gelernt haben. Das kann groteske Züge annehmen. Lloyd Blankfein etwa, Studium in Geschichte, dann Recht, pflegte seine «umfassende Persönlichkeit» zu loben – und agierte zugleich als CEO und Verwaltungsratspräsident von Goldman Sachs.

Daily 2000, Are Humanities obsolete?

Einzelfälle von Übernutzung der angeeigneten scharfen Werkzeuge also auch hier. Unumstrittene Beispiele erfolgreicher Laufbahnen aber, die auf eine vertiefte Auseinandersetzung mit geistes- und sozialwissenschaftlichen Themen bauen, gibt es viele. Dazu zählt in der Schweiz etwa der Weg von Karin Keller-Suter vom Sprachprofi zur Bundesrätin. Nach der Ausbildung an der Dolmetscherschule Zürich (heute ZHAW) studierte sie Politologie in London sowie Montreal und Pädagogik in Fribourg.

Mit einem Studium in Medizin, Psychologie und Psychotherapie in Lausanne startete Bertrand Picard ins Berufsleben. Interesse für menschliches Verhalten in Extremsituationen lenkte die Studienwahl. Er wurde zum international anerkannten Psychiater mit Arbeitsschwerpunkt Hypnosetherapie, mit Ehrendoktorat in «Science and Letters». Berühmt ist er aber als erster, der die Welt 1999 im Heissluftballon und 2016, zusammen mit André Borschberg, im Solarflugzeug umrundete.

«I love the poorly educated»

Gemeinsam ist diesen Fällen, dass später erfolgreiche Berufsleute in ihrer Ausbildung ein Studium der Geistes- und Sozialwissenschaften verbunden haben mit späteren oder gleichzeitigen Studien in anderen Bereichen wie Medizin, Wirtschaft oder Naturwissenschaft. Die Statistik zeigt, dass in der Schweiz über ein Drittel der AbsolventInnen mit Studienabschluss in Geistes- und Sozialwissenschaften fünf Jahre nach Studienabschluss eine Führungsfunktionen in der Privatwirtschaft innehaben.

Daily 2010, We don't need humanities!

Umfassende Bildung schätzen aber nicht alle. «I love the poorly educated», frohlockte Trump 2016 im Wahlkampf in Nevada.

Tom Nichols, Professor für internationale Beziehungen in den USA, kommt 2017 in «The death of expertise» zum Schluss, dass «voters not only didn’t care that Trump is ignorant or wrong, they likely were unable to recognize his ignorance or errors.» Nichols verweist auf den Dunning-Kruger-Effekt: Unwissende erkennen ihr eigenes Unwissen nicht.     

Da mögen politische Kräfte kaum erstaunen, die Wissenschaften überhaupt und besonders die kritisch fragenden Geistes- und Sozialwissenschaften abbauen wollen. Norman Denzin, Pionier der Mehrmethoden-Ansätze zur Analyse gesellschaftlicher Probleme, zeigt 2019 auf, dass der «death of data in neoliberal times» zurückgeht auf ein zu enges Repertoire an geförderten Forschungsmethoden, das den umfassenden, kritischen Blick auf Entwicklungen verstellt.

Verständigung statt Radikalisierung

Radikalisierung kann die Folge sein, wie sie sich in politischen Wahlen spiegelt, in denen zentrifugale Kräfte stärker wirken als einigende. Daniel Rockmore, Professor für Mathematik und Informatik am Dartmouth College, sieht die Ursache politischer Zentrifugen in fehlender Fähigkeit zur Verständigung: «It seems that the problems of the world boil down to me not understanding others and them not understanding me, and that’s a humanities problem.»

Was kostet es also, der Wissenschaft durch den Abbau von Geistes- und Sozialwissenschaften den Geist auszutreiben? Es kostet die Gesellschaft den Geist, der überzeugt statt überredet und übertölpelt. Es kostet das Können, auch Sichtweisen anderer wahrzunehmen und dann gemeinsam abzuwägen und weiterzubauen. Es kostet die Fähigkeit, sich über «Wahrheit, Wissen und Rationalität» öffentlich zu verständigen. Kurz: es kostet die Demokratie.

Geistes- und Sozialwissenschaften können sich demnach doppelt lohnen: Im Kleinen als solide Basis für individuelle Laufbahnen und Beiträge zur Verständigung. Im Grossen für eine demokratische Gesellschaft, in der Respekt und Voneinander-Lernen mehr zählen als kurzfristiger Gewinn durch Abschottung und Mauern. In inspirierter, also vom Geist beflügelter, Gemeinschaft leben kann, wer gelernt hat, nach dem Sinn zu fragen hinter dem, was bestenfalls gerade gut funktioniert.

Cartoon: Lilian-Esther Krauthammer

Dieser Text wurde am 25. Juni in der Reihe «Dialog» auf Higgs erstveröffentlicht. 

           

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