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Shakti? Heidi ? Wonder Woman? – Mit der universellen Superheldin zur smarteren City

Städte sind nur so smart wie ihre Bewohner – und Bewohnerinnen. Frauen gehen bei der Planung und Entwicklung von «Smart Cities» aber oft vergessen. Deshalb wird im IAM Medialab ein Virtual-Reality-Game entwickelt, das Frauen in die Gestaltung von «Smart Cities» weltweit und kulturübergreifend einbinden soll. Ein Anlass im Rahmen des Städtefestivals «Zürich meets Seoul» nutzt die Diversität des Publikums, um kulturübergreifende Narrative zu entwickeln.

von Claudia Sedioli, Dozentin Berufspraxis, am IAM Institut für Angewandte Medienwissenschaft der ZHAW. 

Die Zukunft ist urban. Weltweit leben zunehmend mehr Menschen in Städten, die sich, idealerweise, gleichzeitig zu «Smart Cities» entwickeln. Das Stadtleben soll dank dem Potenzial der Digitalisierung ökologischer und bequemer, Wirtschaft und Verwaltung sollen innovativer und leistungsorientierter werden. So haben sich Zürich und Winterthur wie viele andere Schweizer Städte eine «Smart-City-Strategie» verschrieben.

Partizipation der Bewohnerinnen mangelhaft

«Wir sind da in einer entscheidenden Phase», erklärt Prof. Dr. Aleksandra Gnach, Co-Leiterin des Forschungs- und Arbeitsschwerpunkts Medienlinguistik am IAM, Institut für Angewandte Medienwissenschaft der ZHAW. Und es sei inzwischen klar belegt: «Je stärker wir die gesamte Stadtbevölkerung, also Männer und Frauen, in die Entwicklung von Städten einbinden, desto besser gelingt sie.» Was laut Gnach besonders auffällt: «Bei der Planung von «Smart Cities» werden Frauen oft ausgeklammert – aber damit verpasst man viel».

Der Gender-Data-Gap

Caroline Criado Perez, britische Journalistin und feministische Aktivistin, zeigt in ihrem Buch «Invisible Women: Data Bias in a World Designed for Men» (Penguin, 2019), dass dieses einseitige Ausklammern Teil eines grösseren Problems ist: des Gender-Data-Gap. Daten, die über alle gesellschaftlichen Bereiche erhoben werden, widerspiegeln typischerweise die Erfahrungen von Männern, nicht die von Frauen. Solche Daten bilden aber die Grundlage für die weitere Forschung und für künftige Entwicklungen. Sie werden von Algorithmen reproduziert, was ihre Einseitigkeit verstärkt. Vieles, das wir täglich nutzen – von Schmerzmitteln über Sprachassistenten bis hin zu klimatisierten Büros und dem öffentlichen Verkehr – ist von Männern für Männer konzipiert. Mit teilweise fatalen Folgen für die Frauen. Und darunter leidet die Gesellschaft als Ganzes.

Ideale Städte für den prototypischen Mann

Städte zum Beispiel sind oft so angelegt, dass sie eher den Bedürfnissen des prototypischen Mannes entsprechen. Dann etwa, wenn sie Autos priorisieren – eine Entscheidung, die Frauen benachteiligt, die weltweit eher zu Fuss oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind. Wenn bei Schneefall Strassen aufgrund dieser Priorisierung vor Gehwegen geräumt werden, kann dies zu mehr Verletzungen führen – bei Frauen. Criado Perez belegt das mit einer Studie aus Schweden: 79 Prozent der Verletzungen von FussgängerInnen fanden im Winter statt, 69 Prozent der Verletzten waren Frauen.

Auch die Art und Weise, wie viele Städte angelegt sind, entspricht eher der männlichen Lebenswelt. Der prototypische Mann nimmt das Zuhause als einen Ort wahr, wo er seine Freizeit verbringt, sich erholt und schläft. Dies entspricht nicht der Lebenswelt von Frauen, die die sich stärker engagieren, wenn es um unbezahlte Arbeiten geht, wie etwa Kinder zur Schule zu bringen, Lebensmittel einzukaufen oder Verwandte zu pflegen. Arbeiten, die sie täglich im Wohngebiet verrichten, erfordern eine sehr komplizierte Logistik, die nicht von der Logik der öffentlichen Transportmittel abgebildet wird. Die Folge: Am stärksten benachteiligt so konzipierter öffentliche Verkehr Familien, bei denen beide Elternteile zuhause und ausser Haus arbeiten wollen.

Universale Narrative als Türöffner

So unterschiedlich wir auf der ganzen Welt leben, so gibt es doch Bedürfnisse, in denen sich alle Frauen ähnlich sind. Das IAM MediaLab entwickelt deshalb ein Virtual-Reality-Spiel, um Frauen den Zugang zum komplexen Thema zu erschliessen und sie zu motivieren, sich an Entscheidungsprozessen zu beteiligen: «Die grosse Herausforderung dabei ist, herauszufinden», so Gnach, «ob es unabhängig vom kulturellen und religiösen Hintergrund universal funktionierende Narrative und Bilder gibt, die für eine Frau, die in China vom Land in die Stadt zieht, ebenso verständlich sind wie für eine langjährige New Yorkerin.» Ein universelles Narrativ ist die Comicdarstellung der Superheldin, die mit ihren übernatürlichen Kräften alle feindlichen Mächte überwindet: Als animierte Figur – eine Kreuzung zwischen Shakti, Heidi und Wonder Woman – soll sie das internationale und interdisziplinäre Publikum am Event «Women and the City» animieren, universelle Heldinnengeschichten zu entwickeln. Der Anlass findet Anfangs Oktober im Rahmen des Städtefestival «A Festival of Two Cities» in Seoul statt.

Disruptive Wirkung von Diversität

An der Veranstaltung «Women and the City» diskutieren Forschende der ZHAW mit einem interdisziplinären Team der südkoreanischen EWHA Womans University, wie das Spiel gestaltet werden kann, damit es Frauen anspricht und deren Potenzial für die Gestaltung von «Smart Cities» erschliesst. Die EWHA Womans University ist eine der führenden Universitäten für Stadtentwicklung und Virtual-Reality in Korea. Am Anlass in Seoul werden aber auch PolitikerInnen, Studierende, ExpertInnen für Stadtentwicklung und GamedesignerInnen teilnehmen. Laut Gnach sollen sich bereits am Event im Rahmen des Städtefestivals «Zürich meets Seoul» unterschiedliche Bedürfnisse manifestieren: «Wir suchen das disruptive Element in Form von Diversität. In Seoul soll der Funke springen, wollen wir gemeinsam mit neuen Partnern Perspektiven entdecken, auf die wir selbst nicht gekommen wären». 

Interkulturelle DNA und Leadership in der Stadtentwicklung

Am Festival ergänzen sich das IAM und die EWHA Womans University: «Südkorea ist führend in Virtual Reality. Seoul ist jetzt schon eine sehr smarte City und die EWHA ist führend in beiden Bereichen», erklärt Gnach. «Das IAM wiederum hat sehr viel Erfahrung im Storytelling; aus der Schweiz bringen wir interkulturelle DNA sowie einen fachlichen Hintergrund mit, der uns hilft, mit kulturellerer, sprachlicher und religiöser Diversität umzugehen.» Darüber hinaus wird das Projekt begleitet von Swissnex, dem globalen Netzwerk der Schweiz, das weltweit Bildung, Forschung und Innovation verbindet und damit die Schweiz als Innovationshotspot positioniert und stärkt.


«Zürich meets Seoul – A Festival of Two Cities» ist die fünfte Ausgabe der globalen Festivalserie «A Festival of Two Cities», die Zürich mit den inspirierendsten Städten der Welt vernetzt. Das Festival dauert eine Woche und findet vom 28. September bis am 5. Oktober 2019 in Seoul statt. Die Event-Reihe zeigt, was Zürich in Wissenschaft, Technologie, Kunst und Lifestyle bewegt.

Das Festival wird durchgeführt von der Stadt Zürich, dem Kanton Zürich und Zürich Tourismus in Zusammenarbeit mit der ETH, der Universität Zürich, der Zürcher Hochschule für Künste und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW, der Stadt Winterthur und der Schweizerischen Botschaft in der Republik Korea in Seoul. Im Projekt «Women and the City» ist die ZHAW vertreten durch Prof. Dr. Aleksandra Gnach (Projektleitung), Prof. Dr. Daniel Perrin (Direktor Departement Angewandte Linguistik) und Prof. Dr. Dirk Wilhelm (Direktor School of Engineering).  

#ZurichMeetsSeoul

www.zurichmeetsseoul.org

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