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Von gesunden Pflanzen und sicheren Lebensmitteln

Wie man eine Chemikalie benennt, ist eine Frage der Perspektive. Agrochemiekonzerne stehen unter Druck: Sie produzieren Chemikalien, die Pflanzen schützen und Insekten vergiften, die Gesellschaft hingegen fordert Umweltverträglichkeit. Das ist eine Herausforderung für die Kommunikation. Wie sie dieser begegnen, haben Katja Burgherr und Patricia Gründler in ihrer Bachelorarbeit unter die Lupe genommen. Für die Arbeit wurden sie mit dem Preis der Johann Jacob Rieter-Stiftung für die beste Abschlussarbeit im Bachelor Angewandte Sprachen ausgezeichnet.

von Christa Stocker, Leiterin Wissenschaftskommunikation & Leiterin Kommunikation IUED Institut für Übersetzen und Dolmetschen sowie Dozentin für Angewandte Linguistik

Ausgangspunkt für Katja Burgherr und Patricia Gründler war ein Manifest von Public Eye: ‚Pestizide – Vom Schaden der Schädlingsbekämpfung‘. Darin formulierte die NGO massive Kritik an den Agrochemiekonzernen, unter ihnen Syngenta. Diese konnte nicht unbeantwortet bleiben, so die Annahme der Studentinnen. Sie machten sich auf die Suche nach Antworten und fanden diese auf der Website «pflanzenschützer.ch». Die Informationsplattform für «Gesunde Pflanzen. Sichere Ernten. Sichere Lebensmittel.» wird von den grossen Agrochemiekonzernen getragen.

Sprachanalyse auf verschiedenen Ebenen

Für ihre Analysen verwendeten die beiden das Modell der diskurslinguistischen Mehr-Ebenen-Analyse (DIMEAN) von Spitzmüller und Warnke (2011). Sie legten den Fokus auf Metaphern, anthropozentrische Sprache, werberische und populärwissenschaftliche Elemente einerseits und Denkmuster (sprich: Topoi) andererseits. Ihr Fazit: Pflanzenschützer.ch vermittelt ein Bild von «nützlichen» Agrochemikalien, die Mensch und Tier das Leben angenehmer machen. 

«Schädlinge sind Krankheiten»

Vermittelt wird diese Botschaft u.a. über die Metaphern «Schädlinge sind Krankheiten» und «Agrochemikalien sind Medikamente». Diese sorgen sprachlich für klare Verhältnisse. Denn Krankheiten müssen behandelt werden, Nebenwirkungen nimmt man in Kauf – auch wenn die Unterscheidung von Nützlingen und Schädlingen in Wirklichkeit nicht ganz so einfach ist.

«Gift», «Pestizid» oder «Pflanzenschutzmittel»?

Selten werden die Agrochemikalien beim Namen genannt. Stattdessen heissen sie «Pflanzenschutzmittel» – Begriffe wie «Gift», «Pestizid» oder «Herbizid» werden nicht verwendet. «Pflanzenschutzmittel» weckt positive Assoziationen und richtet den Fokus auf den positiven Nutzwert für den Menschen. Sowieso steht der Schutzgedanke im Zentrum: Unangenehmes wie, dass beim Pflanzenschutz Insekten und Unkräuter «sterben», wird unterschlagen.

Wirtschaftlich, harmlos, alternativlos

Glaubt man pflanzenschützer.ch, sind Agrochemikalien wirtschaftlich, harmlos und alternativlos und ausserdem ein Ausdruck von Fortschritt. Dies sind einige der Denkmuster, die Katja Burgherr und Patricia Gründler zutage gefördert haben. Auch damit lenken die Agrochemiekonzerne die öffentliche Wahrnehmung – oder weniger neutral: versuchen diese sprachlich zu manipulieren. Ob ihnen das gelingt, sei dahingestellt.

Weitere Analysen auch zum Aspekt des Greenwashing sind in der publizierten Arbeit nachzulesen.

Katja Burgherr und Patricia Gründler, 2019. «Sprache, Macht und Ideologie im Agrochemiediskurs. Eine diskursanalytische Untersuchung der Webseite pflanzenschützer.ch» ist als Nr. 4 der Reihe «Graduate Papers in Applied Linguistics» der ZHAW erschienen: https://doi.org/10.21256/zhaw-3357
  • Spitzmüller, J., & Warnke, I. H. (2011). Diskurslinguistik. Eine Einführung in Theorien und Methoden der transtextuellen Sprachanalyse. Berlin: de Gruyter.

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